100 Jahre deutsche Bücherei

Marion Grunert über den Krieg, Bücher und ihren Frieden in Taps

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Marion Grunert
Marion Grunert wird bald 91 Jahre alt. Solange sie kann, will sie in ihrem Haus selbstständig leben und möglichst noch viele Bücher lesen.

Marion Grunert wanderte 1981 nach Dänemark aus. Zunächst lebte sie in Kopenhagen, dann zog es sie nach Taps bei Christiansfeld. Ihre Leidenschaft für Literatur führte sie bald zur deutschen Bücherei in Hadersleben. Hier leiht sie auch mit 90 Jahren noch regelmäßig Bücher aus und freut sich über den Austausch vor Ort. Ein Porträt.

Dass man in 90 Lebensjahren viel erlebt, ist wohl keine wirkliche Überraschung. Marion Grunert aus Taps nördlich von Christiansfeld ist da keine Ausnahme. Die bald 91-Jährige sitzt in ihrer lichtdurchfluteten Küche des ebenerdigen Hauses, das stilvoll mit dänischen Möbeln eingerichtet ist, vor einem großen Stapel Bücher.

Von ihrem Platz aus kann sie in den Garten sehen, in dem sie trotz ihres hohen Alters noch selbst Hand anlegt. Stauden, Stockrosen, Lavendel und allerlei andere bienenfreundliche Pflanzen finden sich hier. Salat und Kräuter baut Marion Grunert in einem Hochbeet an der Hauswand an. Nur den Rasen und die Hecke schneidet mittlerweile ein Gärtner, erzählt die rüstige Rentnerin.

Wegen der Arbeit nach Taps

Marion Grunert
Marion Grunert ist besonders stolz auf ihren blumenreichen Garten.

Gemeinsam mit ihrem Mann ließ sie das Haus vor 30 Jahren bauen, weil die Grundstücke in Taps damals so günstig waren. Zuvor zog es die gebürtige Hamburgerin und ihren Mann 1981 zunächst nach Kopenhagen. Er arbeitete dort für eine Niederlassung der Firma Still aus Hamburg in der Verwaltung. Dann siedelte der Gabelstapler-Hersteller nach Kolding um.

In Dänemark arbeitete Marion – abgesehen von kürzeren Engagements – nicht mehr. Früher war sie bei der Hamburger Sparkasse und auch als Sportlehrerin tätig. Dass sie zu Hause in Taps blieb, war für sie aber nie ein Problem. „Ich weiß, dass es heute anders ist, also dass beide Partner arbeiten, aber damals war das eben so, und ich habe das nie als etwas Minderwertiges empfunden. Ich war ja trotzdem sehr aktiv.“

So habe sie sich früher um die Nachbarskinder gekümmert und sich „in vielen kreativen Projekten wiedergefunden“. „Ich war Puppenmacherin, habe meinen Garten gehabt und habe gelesen.“

Seit dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren lebt sie allein in dem Haus – und möchte das gern so lange wie möglich tun. In ein Pflegeheim möchte die 90-Jährige nicht. Ihre Selbstbestimmtheit will sie nicht aufgeben.

Du bekommst einen ganz anderen Eindruck und ein anderes Lebensgefühl, wenn du etwas liest.

Marion Grunert

Ausgebombt in Hamburg

1934 geboren, erlebte Marion Grunert im Alter von neun Jahren die Schrecken des Zweiten Weltkrieges in der Hansestadt hautnah mit. „Wir wurden damals ausgebombt, und meine Mutter schaffte es mit uns aus dem Keller des Hauses gerade so raus.“ Das war 1943. Für die Mutter, Marion und die vier Geschwister ging es zunächst auf die ostfriesische Insel Langeoog. Dort fielen zwar keine Bomben, es gab aber auch kaum etwas zu essen, geschweige denn Geld. Der Vater wurde an die Ostfront abkommandiert und kehrte nie zurück.

Ihr Mann floh aus Breslau vor den Russen, und so führten die Wege Marion und Rudolf nach dem Krieg zusammen. 65 Jahre lang waren beide verheiratet, und man merkt auch an diesem Mittwoch am Küchentisch, dass er Marion fehlt. „Ich vermisse ihn sehr“, sagt sie.

Reisen nur noch in Büchern

Marion Grunert
Marion Grunert lebt seit mehr als 30 Jahren in dem kleinen Dorf zwischen Hadersleben und Christiansfeld.

Mit Monika kann ich so schön diskutieren über Bücher.

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Nach der Pensionierung ihres Mannes reiste das Paar viel – nach Neuseeland, nach Amerika und Afrika und zuletzt auch nach Island. „Wir haben so bereut, dass wir nicht früher auf Island waren“, sagt sie. Die Zeit der Reisen ist für Marion Grunert aber vorbei. „Ich habe so viele Erinnerungen mit meinem Mann. Das mache ich nicht mehr.“

Doch sie blickt gern darauf zurück und taucht stattdessen tief in die Welt der Bücher ein. „Ich habe immer viel gelesen“, sagt sie. Heute sei es ihr auch wieder wichtig, sich mit deutscher Literatur zu beschäftigen. „Ich weiß, was in Dänemark passiert und auch, was in Deutschland politisch passiert. Die Entwicklung in Deutschland verfolge ich sehr.“ Ihr Gefühl dabei? „Schlimm.“ Dabei habe sie nicht so sehr Angst um sich, aber um ihre Kinder und Enkelkinder.

Sie habe als Nachkriegskind die Zeit des Nationalsozialismus durch Literatur aufgearbeitet. Dabei habe sie auch viel von Dietrich Bonhoeffer gelesen. Der lutherische Theologe war aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt und wurde noch kurz vor Kriegsende zum Tode verurteilt und am 9. April 1945 erhängt.

Bücherei führt Marion zur Minderheit

Der Wunsch nach deutscher Literatur in Dänemark führte Marion Grunert auch zu einem von zwei Anknüpfungspunkten an die deutsche Minderheit: die deutsche Bücherei in Hadersleben. Alle zwei Wochen versorgt sich die Tapserin mit neuer Literatur und freut sich dabei auch immer auf den Austausch mit Büchereileiterin Monika Knutzen. Aktiv ist Marion durch die Bekanntschaft mit der ehemaligen Pastorin Christa Hansen auch in der deutschen Kirchengemeinde Hadersleben.

„Mit Monika kann ich so schön diskutieren über Bücher“, sagt sie mit Freude. Wenn sie Bücher toll findet, aber auch, wenn sie ein Buch nur zur Hälfte gelesen hat. Auch mit ihrer Tochter tauscht sie sich regelmäßig über Bücher aus. „Sie liest noch viel mehr als ich“, sagt sie.

Marion Grunert
Die 90-Jährige versorgt sich alle zwei Wochen mit neuem Lesestoff.

Mobil durch großes Netzwerk

Dass sie allein auf dem Dorf lebt, ist für die 90-Jährige kein Problem. Über die Jahre hat sie ein großes Netzwerk von Freunden, Bekannten und Nachbarn aufgebaut. Auto fahre sie zwar nicht mehr, aber „meist nimmt mich eine Freundin mit nach Hadersleben, die zum Sport oder zum Einkaufen fährt. Dann gehe ich in der Zeit in die Bibliothek.“

Für Fahrten nach Kolding, Christiansfeld oder Hadersleben nimmt sie aber auch mal den Bus oder nutzt Flextrafik. „Ich bin zufrieden hier und fühle mich überhaupt nicht einsam“, sagt sie. Auch deshalb wolle sie nicht wieder nach Hamburg, wo ihre Tochter lebt. „Da müsste ich mir ja einen neuen Freundeskreis aufbauen.“

Ihre zweite Tochter lebt heute in Italien, wo die Familie früher ebenfalls einige Jahre lebte. Weit weg. Aber ein Problem sieht Marion darin nicht. „Es gibt ja Facetime“, sagt sie. So hält sie Kontakt zu ihren fünf Enkeln und zwei Urenkeln, die sie natürlich auch ab und an in Taps besuchen.

Ihre Zeit nutzt Marion zum Lesen. „In meinem Alter schläft man nicht mehr so lange. Ich lese dann auch im Bett, und wenn es spannend ist, auch mal bis um 2 Uhr. Aber ich bin dann trotzdem um 7 Uhr wach.“ Vier bis fünf Bücher schafft sie in zwei Wochen, bevor es Nachschub aus der Bibliothek gibt.

„Die wissen immer, was ich mag, besorgen mir Bücher und legen Sachen zur Seite, die mich interessieren könnten.“ Dabei mag Marion besonders die Neuerscheinungen. „Das ist für mich interessant, weil ich da die Entwicklung in der Literatur sehen kann.“

Faible für kritische Bücher

Marion Grunert
Auch mit dem eigenen Tod setzt sich Marion Grunert auseinander. Nur in Etappen kann sie das Buch „Leben und Sterben“ über ethische Fragen wie Sterbehilfe, assistierten Suizid und Palliativmedizin lesen, sagt sie.

Es ist ja ganz klar, wenn man 90 ist, ist man dichter am Tod dran. Ich lebe damit ganz einfach.

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Sie lese gern auch kritische Bücher. Wobei es ja meistens nichts Kritisches sei, sondern lediglich die Wahrheit, sagt sie und erwähnt dabei das Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ von Dr. Eckart von Hirschhausen. Von dem deutschen Arzt liegt auch das Buch „Der Pinguin, der fliegen lernte“ auf dem Tisch. Eine „tolle“ Tiergeschichte.

„Ich lese sehr viele verschiedene Sachen gerne“, sagt Marion. Und so ist auch die aktuelle Auswahl an Büchern auf dem Küchentisch sehr differenziert.

Island spielt dabei auch eine Rolle. Von Joachim B. Schmidt liegt „Ósmann“ auf dem Stapel. Die Geschichte von einem Isländer, der um die Jahrhundertwende im Norden Islands Fischer und Robbenjäger ist, aber auch Geister und Elfen sieht. Oder aber „Hase und Ich“ von Chloe Dalton, über die Freundschaft zwischen einer Frau und einem Feldhasen.

„Wenn ich etwas höre, dann gehe ich in die Bibliothek und frage, ob sie mir das besorgen können. Ich kaufe mir aber auch immer mal noch ein Buch.“ Lediglich Krimis mag sie nicht, sagt Marion bestimmt.

Auseinandersetzung mit dem Tod

Dann steht sie auf und verschwindet im Wohnzimmer. Sie kommt mit dem Buch „Leben und Sterben“ der Medizinethikerin Alena Buyx zurück. „Das ist auch etwas, was mich interessiert. Es ist ja ganz klar, wenn man 90 ist, ist man dichter am Tod dran. Ich lebe damit ganz einfach. Das Buch kann ich aber nicht in einem Rutsch lesen.“

In ihre Literaturauswahl schaffen es auch dänische Werke. Als sie Anfang der 1980er-Jahre nach Kopenhagen kam, war für Marion Grunert klar, dass sie möglichst schnell Dänisch lernen wollte. „Ich wollte in die dänische Literatur reinkommen.“ Mit dänischen Büchern lerne sie auch mehr über die hiesigen Schriftsteller, deren Denkweisen und die Gesellschaft und Kultur, sagt sie. Sie sei zwar Deutsche, aber nach 40 Jahren in Dänemark sei sie auch ein bisschen dänisch geworden.

Ihr Lieblingsbuch, wenn man denn je nur eins haben kann, stammt aus der Feder von Philipp Faber. Es heißt „Den Danske Sang“. Der Dirigent und Komponist erzählt in dem Buch über das dänische Liedgut und was es bedeutet. „Das habe ich mehrfach gelesen“, sagt sie.

Durch ihre reiche Leseerfahrung macht sie auch Sprachunterschiede aus. „Im Dänischen ist die Sprache einfacher und flacher. Im Deutschen ist sie variierter.“ Das hält die Tapserin jedoch nicht davon ab, Werke in beiden Sprachen zu lesen.

Lesen regt die Fantasie an

Dennoch gebe es auch Bücher, die ihr nicht zusagen. „Marion, gib dir mal Mühe und lies weiter“, müsse sie sich auch manchmal sagen. Gerade wenn manche Werke etwas brauchen, um in Gang zu kommen. „Wenn das dann aber immer noch nichts wird, dann kann ich auch aufhören“, sagt sie.

Jüngeren empfiehlt sie, trotzdem zu Büchern zu greifen. „Du bekommst einen ganz anderen Eindruck und ein anderes Lebensgefühl, wenn du etwas liest. Deine Fantasie wird auch mehr angeregt als damit“, sagt Marion und tippt auf ihr Smartphone.

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