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Bordinggaard hält große Stücke auf die Bundesliga

Bordinggaard hält große Stücke auf die Bundesliga

Bordinggaard hält große Stücke auf die Bundesliga

Vejle
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Keld Bordinggaard arbeitet zum zweiten Mal in der Fußball-Bundesliga. Foto: Lasse Lagoni/Ritzau Scanpix

Der 57-jährige Däne greift seit Oktober 2019 Pokalfinalist Bayer Leverkusen strategisch unter die Arme. Der ehemalige U21-Nationaltrainer spricht im „Nordschleswiger“-Interview über seine Arbeit bei Bayer, die Talentförderung in Deutschland, das Produkt Fußball-Bundesliga und nennt den HSV als Beispiel, wie man es strategisch nicht machen sollte.

Rudi Völler, Simon Rolfes, Jürgen Gelsdorf, Hans Peter Lehnhoff und Stefan Kießling. Klangvolle Namen der Bundesliga-Geschichte stehen im Management von Bayer 04 Leverkusen. Seit Oktober 2019 gesellt sich ein Däne in einer Beraterfunktion hinzu.

Keld Bordinggaard und seine Beraterfirma „Bordinggaard Football“ stehen vorerst bis zum Sommer 2021 dem Fußball-Bundesligisten als Sparringspartner auf strategischem Niveau zur Seite.

„Es ist spannend, mit einem Klub auf diesem Niveau zu arbeiten“, sagt Keld Bordinggaard im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“.

Das Fußball-Geschäft ist voll von Klubs, die kurzfristig arbeiten. Ein gutes Beispiel ist der HSV“

Keld Bordinggaard

Der 57-Jährige arbeitete in der Saison 2014/15 erstmals in der Bundesliga, als er unter Kasper Hjulmand Assistenztrainer bei Mainz 05 war. Zuvor war er vier Jahre lang unter Morten Olsen Assistenztrainer der dänischen A-Nationalmannschaft sowie fünf Jahre lang Cheftrainer der dänischen U21-Auswahl. Doch seit dem Aus nach nur acht Monaten für Hjulmand und ihn bei Mainz 05 ist er nicht mehr auf die Trainerbank zurückgekehrt, sondern arbeitet hauptsächlich auf strategischem Niveau.

Bordinggaard besitzt nicht nur die P-Lizenz, sondern hat auch als erster Däne überhaupt den „UEFA Executive Master for international Players“, ein von der UEFA angebotenes fast zweijähriges Studium, erfolgreich abgeschlossen. Gemeinsam mit Bayer-Sportdirektor Simon Rolfes bildete er bei diesem Studium oft eine Arbeitsgruppe. Daraus ist jetzt die beratende Funktion des Dänen bei Bayer 04 und ein fast täglicher Kontakt geworden.

Keld Bordinggaard war gemeinsam mit dem aktuellen Nordsjælland-Cheftrainer Flemming Pedersen in der Assistentenrolle, als der neue Nationaltrainer Kasper Hjulmand bei Mainz 05 das Sagen hatte. Foto: Torsten Silz/Ritzau Scanpix

„Ich habe in den vergangenen fünf bis sieben Jahren viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, was die erfolgreichsten Klubs kennzeichnet und wohin der Fußball sich bewegt. Was ist erforderlich, um in die Champions League oder in die Europa League einzuziehen, und wie positioniert man sich dafür? Ich habe ein Strategie-Modell entwickelt, das recht generisch ist und angewandt werden kann, egal auf welchem Niveau man spielt“, erzählt Bordinggaard: „Der Ausgangspunkt ist eine kompetente und ehrliche Analyse der Ressourcen und Kompetenzen im eigenen Verein, und ein Blick darauf, was die Konkurrenz macht. Das Fußball-Geschäft ist voll von Klubs, die kurzfristig arbeiten. Ein gutes Beispiel ist der HSV, der nicht rechtzeitig eine Strategie erarbeitet hat und sich schwertut, wieder dorthin zurückzufinden, wo er einmal war. Das ist mehr als ärgerlich, denn der HSV war in der Vergangenheit für uns Dänen der kürzeste Weg, die Bundesliga live zu erleben.“

Der 57-Jährige, der gleichzeitig mit seiner beratenden Funktion bei Bayer Leverkusen das Amt als „Head of Coaching“ bei Superliga-Aufsteiger Vejle Boldklub bekleidet, hält große Stücke auf die Bundesliga und meint, dass der dänische Fußball sich mehr als eine Scheibe von den südlichen Nachbarn abschneiden müsste.

Fußball ist ein einfaches Spiel, und die Deutschen machen die Dinge nicht komplizierter als sie sind. Hier werden die Fans noch ernst genommen“

Keld Bordinggaard

„Der deutsche Fußball ist voller Traditionen und befindet sich in einer tollen und stabilen Entwicklung. Die Stabilität führe ich in erster Linie auf die 50+1-Regel zurück. Einige sehen darin eine Begrenzung, ich sehe darin eine Möglichkeit, die Stabilität festzuhalten“, so Bordinggaard: „Fußball ist ein einfaches Spiel, und die Deutschen machen die Dinge nicht komplizierter, als sie sind. Im Gegensatz zur Superliga, wo die Struktur ständig geändert und neue Knoten geschnürt werden, hat man in Deutschland an Hin- und Rückrunde festgehalten, ohne Meisterrunde, Abstiegsrunde oder K.-o.-Spiele. Hier ist auch nicht unwesentlich, was die Fans zu sagen haben. Hier werden die Fans noch ernst genommen. In Deutschland gibt es immer noch reichlich Spannungsmomente, ein starkes Produkt mit vollen Stadien. Da sind wir in Dänemark nicht aufmerksam genug gewesen. Wenn du mich nach Inspiration fragst, dann müssen wir den Blick nach Deutschland richten.“

Auch in Sachen Talentförderung muss der Blick nach Deutschland gerichtet werden.

„In Deutschland wird die Talentförderung auf dem Fußballplatz betrieben und nicht in den Sitzungsräumen wie in Dänemark. In Deutschland ist das Augenmerk auf die Förderung von Talenten gerichtet, in Dänemark werden immer mehr Sitzungsprotokolle geschrieben“, meint der ehemalige U21-Nationaltrainer, der die Entwicklung im deutschen Fußball nach der Jahrtausendwende mit Interesse verfolgt hat: „Viele Dinge sind geändert worden, ein neues Konzept ist erarbeitet worden, und modernere Trainer sind hinzugekommen. Da sind große Sprünge gemacht worden. Leute wie Bierhoff, Klinsmann, Löw und Sammer sind große Inspiratoren gewesen.“

In Deutschland ist das Augenmerk auf die Förderung von Talenten gerichtet, in Dänemark werden immer mehr Sitzungsprotokolle geschrieben“

Keld Bordinggaard

Große Sprünge sind für Bayer Leverkusen nur schwer zu machen. Die Werkself wird sich im Konkurrenzkampf mit Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig schwertun, weiter nach oben zu klettern.

„Bei Bayer hat man über die Jahre erfolgreich gearbeitet und eine Position gefunden, wo man gerne sein will. In einigen Jahren klappt es mit der Champions League, in anderen Jahren mit der Europa League. Die Herausforderung ist eher, daran festzuhalten“, sagt Bordinggaard: „Man sieht immer wieder Klubs mit neuen, frechen Konzepten, wie beispielsweise Leipzig, die den Konkurrenzkampf oben beleben, aber es ist in den vergangenen Jahren für Bayer in die richtige Richtung gegangen. In der zu Ende gegangenen Saison wurde die Champions League mit einem fünften Platz knapp verpasst, dafür wurde das Pokalfinale erreicht. Bayer spielt einen attraktiven, dynamischen und kreativen Fußball. Dafür stehen viele Südamerikaner, aber auch Spieler wie Toni Kroos, Kai Havertz oder Julian Brandt, die alle das Bayer-Trikot getragen haben.“

Stationen als Spieler: OB (1981-85), Wichita Wings (1985-87), Panionios Athen (1988), Vejle Boldklub (1989-90), OB (1991), Silkeborg IF (1992-97), Vejle Boldklub (1999-2000).
4 A-Länderspiele für Dänemark (1983-90).

Stationen als Trainer: Assistenztrainer Vejle Boldklub (2000-01), Cheftrainer Vejle Boldklub (2001-02), Assistenztrainer Dänemark (2002-06), U21-Nationaltrainer (2006-2011), Cheftrainer Silkeborg IF (2012), Assistenztrainer Mainz 05 (2014-15).

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