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Familie Andersen verkauft alles – und geht auf Weltreise

Familie Andersen verkauft alles – und geht auf Weltreise

Familie Andersen verkauft alles – und geht auf Weltreise

Tandslet
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Mille, Sandra und Signe Andersen mit Zwergziege Flemming auf dem Jestrupgaard Foto: Sara Eskildsen

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Mit ihrem Besuchs-Bauernhof hat die Familie Andersen ein kleines Paradies geschaffen. Doch nun verkaufen sie alles, um auf Weltreise zu gehen. Warum? Wir haben die Familie auf dem Jestrupgaard besucht.

Ellie ist größer als der Zaun und guckt neugierig und schwanzwedelnd über die Holzlatte. Sandra Andersen lacht und sagt: „Einfach zur Seite schieben, wenn du über den Hof gehst.“ Der Jestrupgaard liegt eingebettet zwischen Feldern und Wäldchen bei Tandslet, nur ein kleiner Kiesweg führt zum Hof der Familie Andersen.

Wer ankommt, wird erst mal von Ellie begrüßt, der Grand Danoise Dame des Hofes.

Auf den Weiden grasen Ponys und Rehe, Pfauen-Schreie hallen in der warmen Luft, und die Zwergziegen schlecken mit ihren kleinen Zungen am Salzstein. Ein Paradies, das die Familie Andersen in den vergangenen zehn Jahren geschaffen hat. Und das jetzt zum Verkauf steht.

Der Besuchs-Bauernhof steht zum Verkauf

Die Entscheidung ist gefallen. Und sorgte bei den Online-Followern der Familie Andersen für eine große Überraschung: Statt den kleinen Besuchs-Bauernhof weiterzubetreiben und Gästen die Welt der Tiere zu erklären, will die Familie auf Weltreise gehen und ökologische Landwirtschaft in aller Welt kennenlernen.

Wir haben uns mit Sandra Andersen auf dem Jestrupgaard zum Interview verabredet. Ihr Mann Mads arbeitet wochenweise auf einer Plattform in der Nordsee und kann an diesem Donnerstag nicht dabei sein.

Familie Andersen: Mille, Mads, Signe und Sandra Foto: Privat
Die Familie Andersen lebt mit Grand Danoise Ellie auf dem Jestrupgaard. Noch, denn der Hof steht zum Verkauf. Familienvater Mads fehlt auf dem Foto – er arbeitet auf einer Plattform in der Nordsee. Foto: Sara Eskildsen

Ihr habt euch hier ein Leben aufgebaut, von dem viele träumen. Wie hat sich der Gedanke, alles zu verkaufen, entwickelt?
„Als wir den Hof vor zehn Jahren gekauft haben, war das ein Selbstversorger-Projekt für uns als Familie. Während Corona haben wir gemerkt, dass ein sehr großes Interesse an Besuchen besteht, und so haben wir begonnen, unseren Hof für Gäste zu öffnen. Das war ein überwältigender Erfolg – die Besuchszahlen waren unglaublich hoch. Am Ende haben wir aber gemerkt, dass es nicht das war, was wir wollen. Wir wollten das in dieser kommerziellen Größe nicht weiterbetreiben. Obwohl es ein gutes Geschäft ist. Und so standen wir vor der Entscheidung: Was wollen wir? Im Laufe des Winters ist die Entscheidung gefallen. Wir wollen alles verkaufen, wirklich alles, und ohne Besitz weiterziehen und die Welt erkunden.“

Warum habt ihr den Hof nicht einfach wieder für Besucher geschlossen und euch online abgemeldet? Dann hättet ihr wieder eure Ruhe gehabt.
„Wir sind sehr impulsiv. Wenn wir etwas entdecken, für das wir brennen, dann machen wir das. Wir gehen ,all in’ und machen es zu 100 Prozent. Daher haben wir uns entschieden, es ganz oder gar nicht zu machen. Wenn wir den Hof für Besuch geschlossen hätten, ja dann würden wir doch immer wieder denken: Ein bisschen Besuch kann ja nicht schaden, und wir wären immer in Versuchung, doch wieder zu öffnen. Die Tiere sind hier ja. Also wollten wir einen klaren Schnitt machen.“

Bereits vor vier Jahren hatte die Familie den Hof zum Verkauf gestellt. Nach drei Wochen war ein Käufer für den komplett renovierten Hof gefunden – doch die Andersens sprangen im letzten Augenblick ab.

Damals habe es sich im entscheidenden Augenblick doch nicht richtig angefühlt, sagt Sandra. Jetzt schon.

Die elfjährige Signe ist bereit für das Abenteuer: „Es kann losgehen. Ich habe meine Sachen schon gepackt“, verrät sie auf Nachfrage. Foto: Sara Eskildsen

Wie sehen eure Pläne aus?
„Das Haus steht zum Verkauf und wir geben alles weg, was wir haben. Wir werden hier mit vier Koffern und einem Hund vom Hof gehen. Unser Plan ist es, mit den Kindern landwirtschaftliche Betriebe in aller Welt zu besuchen. Nicht die großen kommerziellen Farmen, beispielsweise in Australien. Sondern kleine Betriebe, die selbstversorgend und nachhaltig sind. Erleben, wie ein Bauer sein Reisfeld mit Pferd und Pflug bearbeitet. Sehen, wie Landwirtschaft auf Bali funktioniert. In Afrika gibt es kleinere Bauernhöfe, sie versuchen, selbstversorgend zu sein. All sowas freuen wir uns, kennenzulernen – und mit unseren Followern zu teilen.“

Werdet ihr permanent unterwegs sein?
„Nein, wir kommen zwischendurch immer wieder nach Dänemark zurück. Die Kinder werden so viel wie möglich weiterhin an ihrer Schule sein, der Höruper Zentralschule, ansonsten werden wir sie unterwegs unterrichten. Es ist Veränderung genug, den Hof nicht mehr als Zuhause zu haben. So können sie ihren Freundeskreis behalten – und trotzdem mit uns um die Welt reisen. Mads wird seine Arbeit auf der Plattform ebenfalls behalten, sodass wir immer wieder hin und her pendeln werden. Einen ganz bestimmten Reiseplan haben wir uns nicht gelegt – da wollen wir auch flexibel sein.“

Was macht ihr mit euren Tieren?
„Einige kommen zum Nachbarn oder zu Freunden, einige werden verkauft. Unser Hund kommt mit uns, wo es geht. Wenn ein Land zwei Monate Quarantäne fordert, dann natürlich nicht. Dann hat er sein Zuhause bei Freunden.“

Zum Tierbestand der Familie gehört ein zahmes Reh, das mit Baby-Reh und weiteren Artgenossen auf einer Weide lebt. „Es wäre natürlich toll, wenn die neuen Besitzer die Rehe behalten können“, sagt Sandra Andersen. Foto: Sara Eskildsen

Ihr habt euch entscheiden, euren Alltag auch in Zukunft auf Social Media zu teilen. Warum?
„Wir haben mittlerweile richtig viele Follower online. Und mit einigen von ihnen besteht eine wirklich enge Beziehung. Ich finde es wichtig, online nicht nur die perfekten Fotos und die perfekten Momente zu teilen. Ich selbst habe PTSD (Posttraumatische Stressstörung) und habe immer wieder mit Angst und Stress zu kämpfen. Auch das teile ich mit unseren Followern. Ich will keinen perfekten Alltag vortäuschen, sondern echt sein. Und es sind immer die Beiträge, die am meisten Aktivität verursachen, wenn man über seine Probleme und Herausforderungen offen und ehrlich spricht.“

Hat unsere Gesellschaft ein Problem damit, dass viele nur ihre perfekte Seite zeigen?
„Das ist ein riesiges Problem! Die Leute sitzen da draußen und vergleichen sich die ganze Zeit mit den anderen. Mit den angeblich Perfekten. Viele haben sich auch mit uns verglichen und gesagt: Was würde ich mir wünschen, euer Leben zu haben! Und ich saß da und dachte: Nein, das willst du nicht. Du willst mein Leben nicht. Wenn man so einen Hof hat wie wir hier, dann arbeitet man irre viele Stunden, damit das Ganze gut aussieht. Ich habe keinen Gärtner, der mir hilft. Ich muss dafür sorgen, dass alles schön aussieht. Dass die Kinder in die Schule kommen, dass es ihnen gut geht und sie Pausenbrote und sauberes Bettzeug haben. Gleichzeitig mit den Gästen Kaffee trinken, lächeln und total entspannt sein, während es in meinem Kopf wegen PTSD rast. Das ist nicht immer so leicht wie es aussieht. Ja, vielleicht ist das ein tolles Foto, das wir hochgeladen haben. Aber du willst immer noch nicht an meiner Stelle sein.“

Die Familie Andersen tauscht das Landleben gegen eine Weltreise ein. Foto: Privat
Die Freiland-Schweine genießen ihr Leben auf dem Jestrupgaard, solange sie können. Foto: Sara Eskildsen

Eure Reise würde sich als mehrteilige Dokumentation im TV anbieten. Gibt es schon einen Fernsehsender, der Interesse gezeigt hat?
„Noch nicht offiziell, aber das würden wir gerne annehmen. Ich denke, die Reise wird viele Situationen mit sich bringen, wo wir herausgefordert sind. Ich kann manchmal ein großer Feigling sein – Mads will beispielsweise auf Flüssen und Kanälen durch Deutschland fahren. Und ich werde seekrank, wenn ich nur einen Eimer Wasser angucke. Da wäre es sicher interessant, wenn ich nicht hinter der Kamera stehe. Das gäbe einige originelle und echte Szenen. Also wenn eine Anfrage vom TV kommt, stehen wir gerne bereit.“

Sandra ist 32 Jahre alt, Mads ist 31, Signe 11 und Mille ist 8 Jahre alt.

Ist es nicht schwer, den gesamten Besitz einfach zurückzulassen?
„Dinge sind im Grunde ja nichts anderes als tote Dinge. Wir haben keine Erbstücke, die meisten aus unseren Familien leben noch. Und die Möbel, die wir uns im Möbelgeschäft gekauft haben, ja, die kann man sich doch wieder anschaffen, wenn man das irgendwann will. Es sind eher all die Erinnerungen und die Arbeit, die wir in das Haus gesteckt haben. Wir haben alle renoviert. Das jetzt zu hinterlassen, das fällt eher schwer. Weil man weiß, wie viele Stunden Schweiß im Haus stecken.“

Wie geht es euch jetzt, nachdem der Entschluss getroffen und verkündet ist?
„Es ist irre spannend, aber auch etwas beängstigend. Denn wir geben ja unsere Basis auf, unser Zuhause. Wir werden all das auch online teilen. Wir wollen mit ganzem Herzen dabei sein bei dem, was wir machen. Und echt sein.“

Der Jestrupgaard steht hier beim Maklerbüro Lilienhoff zum Verkauf. Auf der Internetseite wird die Familie ihre weitere Reise teilen, nach Verkauf des Hofes unter neuem Namen.

Der Park hinter dem Hof ist ein kleines Paradies für sich. Ellie und Mille nutzen die Gelegenheit, um sich am Pool zu erfrischen und ein Rad zu schlagen. Foto: Sara Eskildsen
Spaß auf dem Land: Die reitende Ziege Foto: Sara Eskildsen
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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Ein Leck in unserer Gesellschaft“