Gedenkstunde

Als die Gestapo in Gravenstein an der Tür klopfte

Als die Gestapo in Gravenstein an der Tür klopfte

Als die Gestapo in Gravenstein an der Tür klopfte

Gravenstein/Gråsten
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Bürgermeister Erik Lauritzen legte am Mittwoch ein Blumengesteck im Namen der Kommune Sonderburg nieder. Foto: Sara Wasmund

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Ein Oberst, der sich gegen die Gestapo verschanzte und den nationalen Widerstand befeuerte: In Gravenstein wird seit 1945 am 26. Mai dem Heldentod von Oberst Paludan-Müller gedacht.

Es war früh am Morgen um 5.30 Uhr, als die Gestapo am 26. Mai 1944 am Slotsbakken 1 an die Tür von Oberst Paludan-Müller klopfte. Der Oberst widersetzte sich seiner Festnahme, und es kam zum Kampf.

Oberst Paludan-Müller erschoss einen deutschen Soldaten und verschanzte sich in seinem Haus. Drei Stunden und eine Belagerung später brannte das Haus und der Oberst war tot. In Gravenstein findet seit dem 26. Mai 1945 eine Gedenkstunde statt, um an die Vorkommnisse zu erinnern.

Das Komitee „4. Maj Komiteen i Gråsten“ lud auch in diesem Jahr zum Erinnern an die Gedenkmauer am Gravensteiner Schloss ein. Zusammen mit „Dansk Told & Skatteforbund“, der Kommune Sonderburg und dem Ausschuss „Kontaktudvalget for de Militære Traditioner i Sønderborg“.

 

 

 

 

 

 

Oberst Paludan-Müller Foto: Ritzau/Scanpix

Mit dabei war auch Svend Jacobsen. Er ist der Sohn von Henriette Holm, der einstigen Haushaltsgehilfin der Oberst-Familie. Die damals 17-Jährige wurde am 26. Mai während der Gestapo-Aktion verhaftet. Bis zu ihrem Tod 2008 legte sie jedes Jahr zum Todestag des Obersts einen Blumenstrauß nieder. Svend Jacobsen hat die Tradition von seinen Eltern übernommen.

„Ich habe erst nach meiner Konfirmation erfahren, dass meine Mutter für Oberst Paludan-Müller gearbeitet hat. Damals erschien ein Buch, das die Ereignisse beschrieb. Da wurde mir klar, dass es meine eigene Mutter ist, die damals dabei war“, so der heute 69-Jährige.

Eltern lernten sich durch die Gestapo-Aktion kennen

Sein eigenes Leben ist eng an die Geschehnisse verknüpft, auch wenn er erst 1952 zur Welt kam. Seine Eltern lernten sich am 26. Mai 1944 durch die Gestapo-Aktion kennen, verrät Svend Jacobsen.

„Meine Mutter wurde damals von der Gestapo mitgenommen und zum Verhör nach Kolding gebracht. Später wurde sie am Felstedvej in Gravenstein wieder freigelassen – noch immer im Nachthemd. Sie ging zum abgebrannten Haus, wo mein Vater stand. So haben sie sich zum ersten Mal getroffen“, so Svend Jacobsen.

Sein Vater, der im Gravensteiner Widerstand gegen die Nazis aktiv war, bot der jungen Frau Hilfe an – denn der letzte Zug nach Bülderup-Bau (Bylderup-Bov), wo die Eltern von Henriette Holm lebten, war bereits gefahren. „Er bot ihr an, zu Hause bei seiner Familie in Gravenstein zu übernachten“, erzählt Svend Jacobsen.

Svend Jacobsen vor der Gedenkmauer in Gravenstein. Auf dem Grundstück hinter der Mauer fand damals die Gestapo-Aktion statt. Foto: Sara Wasmund

Für seine Mutter sei der 26. Mai 1944 stets ein Thema gewesen, über das sie ungern sprach. „Sie kam einmal in meine Klasse, um im Geschichtsunterricht davon zu berichten. Aber ansonsten war es für sie ein Tabuthema. Es war sehr schmerzvoll für sie, daran zu denken. Und sie hatte ihr ganzes Leben lang Angst vor Donner“, so Jacobsen, der in Sonderburg lebt.

Paludan-Müllers Frau, dessen Tochter und Henriette Holm erlebten den Beschuss der Gestapo im Keller des Hauses, bevor die beiden Frauen und das Mädchen nach Verhandlungen des lokalen Pastors C. Hvidt das Haus während eines Waffenstilstandes verlassen durften.

Benannt nach dem Oberst

Er hat seinen Eltern versprochen, an jedem 26. Mai einen Strauß Blumen an der Gedenkmauer niederzulegen. „Und das tue ich gerne“, sagt Svend Jacobsen, der seinen Vornamen nicht zufällig mit Svend Paludan-Müller gemeinsam hat.

Auch an der Gedenktafel für die zwischen 1940 und 1945 ums Leben gekommenen Grenzgendarme legten die Teilnehmer Blumen nieder. Foto: Sara Wasmund

Oberst Paludan-Müller, 1885-1944

  • Svend Bartholin Paludan-Müller kam am 30. Oktober 1885 als Sohn eines Pastors zur Welt. Er absolvierte eine Ausbildung beim Militär und stiegt dort bis zum Offizier auf.
  • 1933 trat er die Position des stellvertretenden Befehlshabers der Grenzgendarmerie an. Er wurde zum Oberstleutnant befördert und bereits ein Jahr später, 1934, Oberst und Leiter der Einheit.
  • Bei der Polizeiaktion am 26. Mai 1944 widersetzte er sich dem Befehl der Gestapo. Mit den Worten: „Wenn Sie mit mir sprechen wollen, lasse ich mich um 10 Uhr in mein Büro bringen. Auf jeden, der unbefugt mein Haus betritt, werde ich schießen“ leitete er eine dreistündige Belagerung ein, die mit dem Tod des Obersts endete.
  • Viele Bürger in Gravenstein verfolgten den Kampf zwischen ihrem Oberst und den Nazis – und setzen als Zeichen des Protestes ihre Flaggen auf Halbmast.
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