Deutsche Minderheit

Ein Fest der Harmonien – Nordschleswig feiert 100 Jahre Musikvereinigung

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Solistin Anna Maria Wierød ist kürzlich in ihre nordschleswigsche Heimat zurückgekehrt.

Musikalische Zeitreise: Anlässlich des Jubiläums präsentierten die Musikerinnen und Musiker ein facettenreiches Programm, das jede instrumentale und vokale Stimme zur Geltung brachte und die Kraft der Musik – künstlerisch wie zwischenmenschlich – demonstrierte.

Die Bögen der Streicher sind gespannt, auf dem Pferdehaar haftet das Bogenharz. Die Blasinstrumente ruhen auf den Schößen ihrer Spielerinnen und Spieler, und die Chorsängerinnen und -sänger haben ihre Stimmen gewärmt – auf der Bühne, einschließlich der Empore, ist das Ensemble bereit, den Abend einzuläuten.

Nicht minder bereit wirken die Gesichter des Publikums, die erwartungsvoll in Richtung Bühne schauen. Ein Gesicht pro Stuhl – kaum ein Platz ist an diesem Abend in der Sønderjyllandshalle frei geblieben, um das Jubiläumskonzert zu 100 Jahren Musikvereinigung Nordschleswig zu erleben.

Punkt 19 Uhr werden die Türen geschlossen, und dann geht alles ganz schnell – als hätte sie sich aus dem Nichts auf die Bühne gezaubert, steht Susanne Heigold auf einem etwa 1,50 Quadratmeter großen Podest vor dem Orchester und führt es in das erste Stück des Abends. Eine vielversprechende Begrüßung.

Susanne Heigold in ihrem Element

Susanne Heigold schwingt den Zauberstab

So unauffällig die Dirigentin ihren Platz eingenommen hat, desto stärker versteht sie es, den Raum, den das kleine Podest ihr bietet, auszufüllen. In ihrem glitzernden Kleid und mit dem Dirigierstab in der Hand wirkt es, als würde sie die Harmonien direkt aus den Instrumenten hervorzaubern.

Während der kommenden drei Stunden scheint sie mit der Musik eins zu werden. Sie bäumt sich auf, schwingt die Arme in großen, ausladenden Bewegungen, lässt mal bedrohliche, mal heitere Stimmungen entstehen. Dann wieder wird sie klein, bewegt sich zurückhaltend, wenn die Melodie an Ruhe gewinnt.

Dieses Jubiläumskonzert ist ein Tanz durch das vergangene Jahrhundert. Im Wechsel werden Stücke aus 100 Jahren Musikvereinigung dargeboten. Dabei zeigt die Auswahl nicht nur die musikalische Vielseitigkeit des Ensembles, sondern im übertragenen Sinne auch die der Minderheit. Deutschen Grandseigneuren der Klassik wird ebenso Raum gegeben wie dem traditionsreichen dänischen Fællessang – das Publikum ist eingeladen, beim Forelskelsessang mitzusingen.
An diesem Punkt wird deutlich, wie wichtig die Musikvereinigung für das sozio-kulturelle Leben der Minderheit ist. Alle anwesenden Stimmen werden einbezogen.

Die schwedischen Sängerinnen tragen gelbe Schals – die Nordschleswigerinnen singen in Rot.

Drei Nationen – eine Sprache

Musik verbindet – nicht nur innerhalb der Minderheit, sondern auch darüber hinaus. Das unterstreichen die Gastchöre, die an diesem Abend gemeinsam mit dem Chor der Musikvereinigung auftreten. Neben Schulchören aus der Minderheit sind Ensembles aus Stockholm, Hamburg und Neubrandenburg angereist, um das gemeinsame Musizieren zu feiern.

Die Chöre unterstützen die nordschleswigschen Sängerinnen und Sänger und mischen sich abwechselnd auf der Tribüne unter die Gastgeber. So wird das rote Farbenmeer der Schals der Musikvereinigung immer wieder von gelben und blauen Farbtupfern durchzogen – den Halstüchern der anderen Chöre.

Alle Stimmen werden einbezogen.

Eine Bühne voller Sängerinnen und Sänger unterschiedlicher Generationen aus verschiedenen Nationen, deren gemeinsame Sprache die Musik ist – ein mutmachendes Sinnbild! Es zeigt, dass sich Harmonien bilden können, wenn man sich auf eine gemeinsame Kommunikationsgrundlage einigt – auch trotz oder gerade wegen unterschiedlicher Klangfarben.

Und schaut man in die Gesichter der Singenden, erkennt man genau diese Harmonie.

Tanz der Harmonien

Das große Orchester, das kaum ein Instrument vermissen lässt, überzeugt im Zusammenspiel mit den Chören. Beide Gruppen ergänzen und bereichern einander. Die Töne sitzen und laden zu einer musikalischen Reise ein, die das Publikum zunächst mit den Klängen des Glockenspiels in magische Welten führt – und es dann, durch die kraftvollen Stimmen der Solistinnen und Solisten, intensive Gefühle miterleben lässt.

An diesem Abend überzeugt das große Ganze – ein durchdachtes Programm, das von Tempowechseln lebt. Keine Sekunde wird es langweilig – immer wieder geschieht etwas Neues. Ein Instrument, das zuvor im Hintergrund geblieben ist, rückt plötzlich in den Vordergrund und entfaltet seine eigene Präsenz. So erhält nicht nur jeder Chor, jede Stimme, sondern auch jedes Instrument einen Moment, in dem es die tragende Rolle übernimmt.

Solist Nikolaus Fluck (Bariton) und Solistin Cornelia Sonnleithner (Alt)

Daneben sind es die kleinen Augenblicke, in denen die Menschen hinter der Kunst sichtbar werden: Wenn die Cellistin während des Stücks den Blick vom Notenpapier hebt und der Person neben sich vielsagend zulächelt – ein Moment der Gelöstheit, in dem sich zwei Blicke begegnen und jeder weiß, was der andere fühlt.

Per Nielsen begeisterte mit Trompetensoli.
Die Farben am Hals wechseln zwischendurch – abhängig davon, welcher Chor an der Reihe ist.