Leitartikel

„Zuzügler – ein Begriff mit Spaltungs-Gefahr“

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In den vergangenen Jahren hat sich in Nordschleswig der eigentlich allgemeine Begriff des Zuzüglers oder der Zuzüglerin als Bezeichnung für eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe etabliert. Marle Liebelt ermahnt in ihrem Leitartikel dazu, die Deutschen, die in den vergangenen Jahren hergezogen sind, nicht über einen Kamm zu scheren.

Zuzügler, Zuzüglerin, Zugezogene, tilflytter. Woran denkst du?

Denkst du an eine Person, die vergangenes Jahr vom Dorf in deine Stadt gezogen ist? Denkst du an eine Familie, die vor zehn Jahren aus einer anderen Kommune zugezogen ist? Denkst du an eine Person, die vielleicht von Polen nach Dänemark gezogen ist?

Ich wage mal eine Behauptung: Du wohnst in Nordschleswig und denkst an eine Person oder eine Familie aus Deutschland, die in den vergangenen drei, vier Jahren nach Dänemark gezogen ist. Stimmt’s?

Das „Zuzügler“-Phänomen

In der deutsch-dänischen Grenzregion hat sich in den vergangenen Jahren ein Phänomen etabliert, bei dem ein eigentlich völlig neutraler und allgemeiner Begriff eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe bezeichnet. Die Bezeichnung von Zugezogenen – oder meist „Zuzügler“ und „Zuzüglerin“ – meint hier in Nordschleswig Deutsche, die seit der Corona-Pandemie nach Dänemark gekommen sind, um hier zu leben.

Für die deutsche Minderheit in Nordschleswig und für die vier Kommunen sind die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger teils eine Bereicherung, teils aber auch eine Herausforderung. Wir müssen uns als Gesellschaft – in den Kommunen, sowie in der Minderheit – auch vor dem Diskriminierungspotenzial in Acht nehmen, das die neue Bevölkerungsgruppe der „Zuzügler“ oder „Tilflytter“ birgt.

Zugezogene bringen neuen Schwung mit

Aber das Positive zuerst: Die Zugezogenen bringen neuen Schwung ins Minderheitenleben. Sie nutzen die Angebote ihrer Institutionen, melden ihre Kinder in den deutschen Schulen und Kindergärten an, besuchen die Sportvereine, engagieren sich in den Verbänden des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) oder suchen einen Arbeitsplatz bei dem Dachverband der Minderheit, also dem BDN.

Für die Kommunen bieten die Zuzüglerinnen und Zuzügler eine Stärkung des ländlichen Raums. Die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger kaufen Häuser und suchen Arbeit.

Neue Mitmenschen, neue Aufgaben

Die Zugezogenen bringen aber auch Herausforderungen mit. Die Schulen der Minderheit platzten zeitweise aus allen Nähten, und es musste entschieden werden, welche Kinder eigentlich mehr Recht auf einen Platz hatten als andere. Die vielen neuen Kinder an den deutschen und auch an den dänischen Schulen müssen in Dänisch als Zweitsprache unterrichtet werden.

In den Kommunen gibt es Dörfer, in denen fast ganze Straßenzüge von Zugezogenen aus Deutschland bewohnt werden. Nicht alle Alteingesessenen empfinden das als Bereicherung – vor allem nicht, wenn die Zugezogenen unter sich bleiben.

Erzählungen über die Neuen

Und da ist inzwischen ein erhobener Zeigefinger angebracht, denn mit dem Zuzugs-Phänomen etablieren sich hier im Landesteil auch etliche Erzählungen und Pauschalisierungen über die Neuen.

Die Zugezogenen seien Corona-Leugner. Die Zugezogenen seien deutsche Systemflüchtlinge. Die Zugezogenen würden die Immobilienpreise nach oben treiben. Die Zugezogenen würden denken, dass in Dänemark alles besser ist. Die Zugezogenen wollten kein Dänisch lernen, weil man hier auch mit Deutsch weit kommt. Die Zugezogenen kämen hierher, weil sie ihre Kinder hier nicht in die Schule schicken müssen.

Sätze, die Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger sicher schon gehört haben. Auf der Arbeit, beim Sport, im Dorf.

Ein Begriff mit Potenzial zum Spalten

Es ist an der Zeit, hier Obacht walten zu lassen. Generalisieren ist immer problematisch. Diese Erzählungen tragen nicht zu einem guten Miteinander bei, sondern sorgen für Spaltung.

Dass sich der eigentlich sehr generelle Begriff der oder des Zugezogenen in so kurzer Zeit zu einer Bezeichnung für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe etabliert hat, birgt das Potenzial für Pauschalisierungen. Es liegt an der Gemeinschaft, ob man diese gesellschaftliche Spaltung hier im Landesteil möchte. Oder ob man sich auf die Chancen konzentrieren will, die neue Mitmenschen – egal ob Zugezogene, Geflüchtete oder andere Migrantinnen und Migranten – mitbringen. Jetzt ist der Moment, in dem sich entscheidet, ob „die Zuzügler“ zu Bürgerinnen und Bürgern zweiter Klasse degradiert werden.

Die Wahrheit hier im Grenzland ist doch, dass die Bevölkerung schon immer deutsch-dänisch war. Deutsche ziehen nach Nordschleswig, seit Nordschleswig dänisch ist. Das Besondere hier ist, dass es kaum etwas gibt, das nicht in irgendeiner Hinsicht deutsch-dänisch ist.

Da ist die betagte Dänin, die ihr halbes Leben mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann südlich der Flensburger Förde gewohnt hat und für ihren Lebensabend wieder nach Hause gekommen ist.

Zwei Häuser weiter wohnt die Familie, die in den 1990ern aus Deutschland hergezogen ist und deren Kinder Deutsch mit dänischem Akzent sprechen.

Und dann ist da noch der dänische Nachbar, dessen Vater Deutscher war.

Nicht weit von ihm wohnt eine Frau, deren Bruder mit einer Deutschen verheiratet ist.

Eine Straße weiter lebt eine Deutsche mit ihrem dänischen Mann und dem gemeinsamen Kind.

Gut für deren Nachbarn – die sind Zugezogene.