Bilinguale Kinder

Zweisprachig zum Erfolg

Malick Volkmann
Toronto
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Zweisprachig aufwachsende Kinder lernen eine dritte Sprache schneller als monolinguale Kinder. Die Erkenntnis hat man schon länger. Kanadische Forscher zeigen nun, dass der Grundstein dafür schon im Babyalter gelegt wird – auch hier im deutsch-dänischen Grenzland.

Was ist die Voraussetzung für Konzentration? Richtig, Aufmerksamkeit. Genauer gesagt das Lenken der Aufmerksamkeit auf gewisse Objekte, Vorgänge oder Ähnliches. Lenkt man seine Aufmerksamkeit beispielsweise auf den Fernseher und blendet andere, nebensächliche Geschehnisse wie das Rauschen des Meeres vor der Haustür aus, dann ist man rein auf das Fernsehprogramm konzentriert. Aber was hat das mit dem Erlernen von Sprachen zu tun?

Forscher der York University im kanadischen Toronto fanden kürzlich heraus, dass Babys, die zwei Sprachen hören, ihre Aufmerksamkeit besser kontrollieren können als diejenigen, die nur mit einer aufwachsen. Das geht aus einem Artikel in der Fachzeitschrift „Development Science“ hervor.

Die Säuglinge können ihre Aufmerksamkeit besser fokussieren, weil sie von Geburt an in einem komplexeren Umfeld mit zwei Sprachen aufwachsen. So lernen sie früh, was wichtig ist und was nicht und richten danach ihre Aufmerksamkeit aus. Laut der Studie entwickeln sich sogar die Nervenverbindungen im Gehirn bei bilingualen Kindern anders als bei monolingualen.

Erkenntnis durch zwei Experimente

Grundlage der Erkenntnis waren zwei Experimente. Im ersten lagen die Babys in einer Wiege und schauten auf einen Monitor. Auf dem Monitor tauchten in einer festgelegten, immer gleichen Reihenfolge unterschiedliche Bilder an verschiedenen Stellen auf. So folgt einem rosaweißen Bild in der Mitte stets ein grünes Quadrat mit einem roten Stern auf der linken Seite des Bildschirms. Die Bilderfolge war also identisch. Die Forscher betrachteten nun die Augenbewegungen der Kinder.

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Beide Gruppen, sprich die einsprachigen und die zweisprachigen, konnten nach einer gewissen Zeit die Stelle vorhersagen, an der das nächste Bild erscheinen wird. Festgestellt wurde dies, indem die Forscher beobachteten, dass sich die Augen der Kinder sich schon vor Erscheinen des Bildes auf die Stelle richteten, an der das Symbol auftaucht.

Unterschiede wurden erst im zweiten Experiment sichtbar. Hier änderten die Forscher die festgelegte Reihenfolge während des Versuchs. So taucht das grüne Quadrat mit rotem Stern plötzlich rechts statt links auf oder das rosaweiße Bild war auf einmal oben und nicht in der Mitte. Und jetzt wird es interessant: Zweisprachige Babys erkannten die Veränderungen schneller. Das liegt daran, dass ihre Augen die neue Stelle des Bildes rascher antizipierten als die der einsprachigen.

Bilinguale Kinder im Vorteil

Es lässt sich also bilanzieren, dass Kinder, die zweisprachig aufwachsen, noch bevor sie selbst sprechen können, schon im Vorteil gegenüber den monolingualen Babys sind. Sie lenken ihre Aufmerksamkeit schneller und gezielter und profitieren deshalb. Das könne sie eben deswegen, weil sie durch das komplexere Umfeld mit zwei Sprachen bereits darauf gepolt sind, zwischen wichtigen und nebensächlichen Dingen zu unterscheiden.

Zweisprachigkeit auch in Nordschleswig ein Thema

Anke Tästensen, Schulrätin des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig (DSSV), hat die Ergebnisse der Studie mit Interesse zur Kenntnis genommen. Zweisprachigkeit als Vorteil ist ihr hier im deutsch-dänischen Grenzland bestens bekannt. Für sie sind zweisprachig aufgewachsene Kinder noch aus anderen Gründen in der Lage schneller eine neue Sprache zu lernen als jene, die nur eine Sprache hören. „Die Kinder können viel schneller Bezüge zwischen den Sprachen herstellen. Das können einzelne Vokabeln sein, aber auch grammatikalische Muster“, sagt Tästensen, die selbst Dänisch, Deutsch und Englisch unterrichtete.

Bilinguale Kinder können eine neue Sprache in der Schule oft schneller erlernen. Foto: Karin Riggelsen

Gerade im Grenzland habe die Zweisprachigkeit immense Wichtigkeit: „Hier ist es von aller größter Bedeutung, dass Kinder mit zwei Sprachen aufwachsen“, so Tästensen. Die Kinder hätten dank der Mehrsprachigkeit vor allem in der Zukunft Vorteile, da sie in mehreren Ländern studieren und arbeiten können.

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