Leitartikel

„Trotz Feierlaune: Es geht noch mehr im Grenzland“

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Bonn-Kopenhagener Erklärungen: Mitten in den Jubiläumsfeierlichkeiten gab es auch kritische Worte vom BDN-Hauptvorsitzenden Hinrich Jürgensen. Warum die Kritik angebracht ist, schreibt Chefredakteur Gwyn Nissen in diesem Leitartikel.

Es war natürlich ein Festtag für die Minderheiten im Grenzland: 70 Jahre Bonn-Kopenhagener Erklärungen. Grund zum Feiern also, denn das „Grundgesetz des Grenzlandes“ hat in unserer Region für Frieden, Vertrauen und Verständigung gesorgt.

Daher ist es nicht überraschend, dass Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, der dänische Botschafter in Berlin Thomas Østrup Møller und der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kopenhagen, Pascal Hector, die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern, vor allem aber die Minderheiten, lobten: Unser Denken, unser Handeln, unser Aufeinanderzugehen – wir denken in den Minderheiten nicht nur an uns selbst, sondern sorgen uns um unser gesamtes Grenzland.

Sonntagsreden kommen gut an

Ja, es waren Sonntagsreden an einem sonnigen Sonnabend in Schleswig, und wir nehmen das Lob und die Anerkennung an. Denn, wenn wir ganz ehrlich sind: Wir finden uns manchmal auch selbst ganz gut und genießen es, im Mittelpunkt zu stehen.

Es gab aber auch kritische Bemerkungen von Hinrich Jürgensen, Hauptvorsitzender der Dachorganisation Bund Deutscher Nordschleswiger. Denn das Leben im Grenzland ist nicht nur von Sonnenschein begleitet.

Jürgensen wollte die Feierlaune im Schloss natürlich nicht vermiesen, denn wie er so oft sagt: Wir jammern manchmal auf einem hohen Niveau, wenn wir uns mit anderen Minderheiten in der Welt vergleichen. Aber es gibt eben noch Verbesserungspotenzial – auch im deutsch-dänischen Grenzland. Und vor allem auf dänischer Seite.

Schleswig-Holstein als Vorreiter

Bei der Feierstunde im Schloss Gottorf und hier im „Nordschleswiger“ machte Hinrich Jürgensen keinen Hehl daraus, dass er mit Neid und Bewunderung nach Schleswig-Holstein blickt. Denn hier kommt die Initiative oft aus dem Landtag selbst – und nicht von den Minderheiten. Schleswig-Holstein sei ein riesiges Vorbild, so Jürgensen.

Auf der anderen Seite der Grenze muss er feststellen, dass die deutsche Minderheit seit mehr als fünf Jahren auf Antworten aus dem Kulturministerium zur Erweiterung der Sprachencharta wartet – die Politik hat es noch nicht einmal geschafft, das Thema zu behandeln. Auch die Zusammenarbeit mit den vier Kommunen in Nordschleswig ist nicht immer einwandfrei.

Und fragt mal junge Menschen der Minderheit, welchen Vorurteilen sie begegnen, wenn sie auf der Straße Deutsch reden. Da wird man im Jahre 2025 überrascht: Manchmal kommt es einem so vor, als seien wir nicht viel weitergekommen.

Vieles läuft im Grenzland gut – aber auch hier ist nicht alles perfekt. Daher ist Jürgensens Kritik angebracht – die Minderheit muss sich mit Forderungen und Wünschen nicht zurückhalten.

Hoffnung ruht auf neuen Kontaktausschuss

Freitag war auch der neue Minderheiten-Kontaktausschuss des Folketings in Nordschleswig zu Besuch, um die „Lebensrealität der Minderheit hier zu erleben“. Das ist schon einmal ein guter Ansatz. Doch gemessen wird der Ausschuss an seinen Ergebnissen, und dabei spielt auch eine zentrale Rolle, ob die Politikerinnen und Politiker aus Eigeninitiative handeln.

Oder daran, ob die Minderheit wie bereits in den vergangenen Jahrzehnten die Probleme und Sorgen selbst nach Christiansborg ins Folketing tragen muss. Der Folketingspolitiker Hans Christian Schmidt aus Woyens (Vojens) hat über die Jahrzehnte für die Minderheit viele Kastanien aus dem Feuer geholt, und auch wenn er es immer scherzhaft meinte: Wenn die Minderheit auf Christiansborg war, wusste man, dass es Probleme gab oder wieder an Geld mangelte.

Minderheit mit dem Hut in der Hand

Die Minderheit mit dem Hut in der Hand. Das ist nie ein leichter Gang gewesen, aber oft ein notwendiger.

Die deutsche Minderheit lebt in der Vertrauensgesellschaft Dänemark, und deshalb funktionieren die Bonn-Kopenhagener Erklärungen auch in Kombination mit dem Land Schleswig-Holstein, das sich ernsthaft und ehrlich um seine Minderheiten kümmert.
Wichtig ist, dass die Minderheiten eben nicht nur bei Sonnenschein und Feierlichkeiten Erwähnung finden, sondern auch im grauen Alltag, wenn es mal schwierig wird. Da helfen die Bonn-Kopenhagener Erklärungen – aber sie sind nicht die Antwort auf alle Probleme.

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