Umwelt

PFAS-Funde in dänischen Eiern alarmieren die Politik

PFAS-Funde in dänischen Eiern alarmieren die Politik

PFAS-Funde in dänischen Eiern alarmieren die Politik

Gerrit Hencke
Gerrit Hencke Journalist
Kopenhagen
Zuletzt aktualisiert um:
Bioeier in einer Packung
Dänische Eier sind mit PFAS belastet. (Symbolbild) Foto: Signe Goldmann/Ritzau Scanpix

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Per- und polyfluorierte Chemikalien, kurz PFAS, werden zu einem immer größeren Problem. Erst kürzlich wurden sie landesweit in Grasproben nachgewiesen. Jetzt entdeckte die Lebensmittelbehörde die Stoffe in bedenklicher Konzentration in Bio-Eiern. Mehrere Parteien fordern ein Verbot in Dänemark.

Nach dem Fund von PFAS in dänischen Bioeiern verzichten die meisten Eierproduzenten künftig auf Fischmehl bei der Fütterung von Bio-Hühnern. Hintergrund ist eine Studie vom Lebensmittelinstitut an der DTU (Dänische Technische Universität) und der dänischen Lebensmittelbehörde, die hohe Konzentrationen der Stoffe in Eigelben aus Hühnerfarmen in ganz Dänemark festgestellt hat. Diese könnten auf Fischmehl zurückzuführen sein. Das erklärte der Verband Danske Æg, der rund 90 Prozent der Eierproduzentinnen und -produzenten in Dänemark vertritt, am Montag.

„Aus Gründen der Lebensmittelsicherheit stellen wir die Verwendung von Fischmehl ein“, sagt Jørgen Nyberg Larsen, Sektormanager bei Danske Æg.

Die Substanzen gelangen laut Studie über das Fischmehl im Hühnerfutter in die Eidotter. Demnach wurden zwischen 2,2 bis 3,7 Nanogramm PFAS-Verbindungen je Gramm nachgewiesen. Damit überschritten die meisten Proben den seit dem 1. Januar 2023 geltenden EU-Grenzwert für die vier häufigsten Stoffe der Gruppe.

Nicht-Bioeier aus anderen Haltungsformen waren mit weniger als 0,2 Nanogramm je Gramm weniger stark kontaminiert.

Kinder besonders betroffen

Allein der dänische Konsum von Bioeiern führt laut Studie dazu, den durch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA festgelegten wöchentlichen Grenzwert von 4,4 Nanogramm je Kilogramm Körpergewicht zu überschreiten. Dabei gebe es noch zahlreiche weitere Quellen, durch die die Bevölkerung in Dänemark PFAS ausgesetzt würden.

Kinder zwischen vier und neun Jahren, die mehr als 2,5 Bioeier in der Woche essen, haben ein besonders hohes Risiko, die Stoffe aufzunehmen. Essen Kinder etwa fünf bis sechs Eier pro Woche, nehmen sie bereits 10 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht auf.

Laut DTU dauert es vier bis sieben Tage, bis PFAS-Konzentrationen in Eiern von Hühnern, die kontaminiertes Futter zu sich genommen haben, um die Hälfte gesunken sind. Das Lebensmittelinstitut ist daher der Ansicht, dass das derzeitige Problem gelöst werden kann.

Fischmehl ist in einer typischen Futterbeimischung für Bio-Hühner mit 3 bis 6 Prozent enthalten und versorgt die Tiere mit Proteinen und Aminosäuren. Ein Austauschprodukt dürfte daher innerhalb von Wochen zu weitaus niedrigeren Konzentrationen führen.

Verband befürwortet nationales Verbot

Louise Køster, Sprecherin des dänischen Verbands ökologischer Landwirtinnen und Landwirte (Økologisk Landsforening), sagt: „Wir sind schockiert, dass PFAS in Bio-Eiern gefunden wurde. Das ist nicht akzeptabel, aber gleichzeitig sind wir dankbar, dass wir mit diesem Wissen sofort reagieren können.“

Saubere, gesunde Lebensmittel, die frei von Verunreinigungen oder Giftstoffen sind, seien die DNA der Ökologie, sagt Køster. Der Verband freue sich, dass die Branche ein Verbot der Verfütterung von Fischmehl unterstützt. Auch fordere der Verband ein nationales Verbot der Stoffe. „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Dänemark jetzt die Führung übernimmt und ein nationales Verbot aller PFAS-Stoffe erwirkt“, so Køster.

Es ist die zweite Hiobsbotschaft binnen weniger Tage. Erst am 12. Januar wurde bekannt, dass die dänische Naturschutzbehörde in 60 von 67 untersuchten Gebieten in Dänemark Konzentrationen von PFAS-Stoffen in Grasproben gefunden hat. Die Politik ist seither alarmiert.

Es ist ein riesiges Problem, und es ist überall in vielen unserer Alltagsprodukte enthalten. Deshalb müssen wir drastische Maßnahmen ergreifen, angefangen mit einem nationalen Verbot der Verwendung dieser PFAS und einem umfassenden Aktionsplan.

Carl Valentin, Umweltsprecher der Sozialistischen Volkspartei (SF)

Was sind PFAS?

PFAS ist eine Abkürzung für per- und polyfluorierte Chemikalien. Diese Stoffgruppe umfasst nach jüngsten Schätzungen mehr als 10.000 verschiedene Stoffe. PFAS kommen nicht natürlich vor und werden erst seit den späten 1940-ern hergestellt.

Sie sind wasser-, fett- und schmutzabweisend sowie chemisch und thermisch stabil. Aufgrund dieser Eigenschaften werden sie etwa in Kosmetika, Kochgeschirr, Papierbeschichtungen, Textilien oder Ski-Wachsen verarbeitet. Außerdem werden PFAS zur Oberflächenbehandlung von Metallen und Kunststoffen, in Pflanzenschutzmitteln oder Feuerlöschmitteln verwendet.

Das Problem: PFAS sind extrem langlebig und verteilen sich in der Umwelt in kürzester Zeit über das Wasser. Sie werden daher auch als „ewige Chemikalien“ bezeichnet. Menschen können die Stoffe vor allem über Lebensmittel aufnehmen. Laut aktueller Kenntnisse der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA sind vor allem tierische Lebensmittel mit PFAS belastet.

Die vier im menschlichen Blut überwiegenden PFAS sind Perfluoroktansäure (PFOA), Perfluoroktansulfonsäure (PFOS), Perfluornonansäure (PFNA) und Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS). Die EFSA empfiehlt in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2020 für diese Gruppe eine wöchentliche Aufnahme von 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht nicht zu überschreiten.

Grundlage der Empfehlung sind beobachtete Wirkungen auf das Immunsystem von Säuglingen. Seit dem 1. Januar 2023 gelten EU-weit rechtsverbindliche Höchstgehalte für diese vier PFAS – jeweils einzeln und als Summe – in Fisch und Fischereierzeugnissen, Krebstieren und Muscheln, Fleisch (einschließlich Wild), Eiern und daraus hergestellten Erzeugnissen.

PFAS stehen im Verdacht, Leberschäden und Krebs auszulösen.

Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz

Parteien fordern nationales Verbot

Carl Valentin, Umweltsprecher der Sozialistischen Volkspartei (SF), bezeichnet die aktuelle Situation als Katastrophe und fordert ein schnellstmögliches nationales Verbot. „Es ist ein riesiges Problem, und es ist überall in vielen unserer Alltagsprodukte enthalten. Deshalb müssen wir drastische Maßnahmen ergreifen, angefangen mit einem nationalen Verbot der Verwendung dieser PFAS und einem umfassenden Aktionsplan“, sagt er.

Dies sei nicht nur eine Angelegenheit von Umweltminister Magnus Heunicke (Sozialdemokratie), sagt Valentin. So sollte beispielsweise auch der Minister für Nahrungsmittel, Landwirtschaft und Fischerei, Jacob Jensen (Venstre), einbezogen werden. „Das wird sich auf mehrere Ministerien ausweiten“, sagt Valentin.

Wie die SF fordert auch die Einheitsliste (Enhedslisten) ein nationales Verbot der fluorierten Substanzen.

Mette Abildgaard, Wortführerin der Konservativen, will sich am Dienstag mit dem Umweltminister treffen und ihn drängen, den Aktionsplan umzusetzen.

Auch Mai Villadsen (Einheitslisten) hat Magnus Heunicke bereits zu einer Konsultation eingeladen. Den weit verbreiteten Einsatz nennt sie „geradezu beängstigend“. „Wir sollten sehr schnell eine große Anzahl von Lebensmitteln untersuchen, bei denen ein Verdacht auf eine Kontaminierung mit PFAS besteht, denn es sieht düster aus“, so Villadsen.

Es ist gut, kein kontaminiertes Fischmehl mehr zu verwenden. Aber es gibt uns Anlass, genauer hinzusehen, unsere Perspektive zu erweitern und herauszufinden, woher diese PFAS kommen.

Philippe Grandjean, Professor für Umweltmedizin an der Universität von Süddänemark

Möglicherweise noch andere Quellen

Laut Philippe Grandjean, Professor für Umweltmedizin an der Universität von Süddänemark, gibt es aber möglicherweise noch andere Quellen der Verschmutzung. Das mache die Lösung des Problems viel komplexer als es scheine, sagt er.

Der Professor bezieht sich auf einen Vorfalls aus Belgien. Hier hatte die lokale Kontamination durch ein großes Unternehmen Hühnereier in der gesamten Region verseucht. „Es kann aus Mülldeponien oder verschiedenen Industrieanlagen stammen. Es kann aus der Textilindustrie und der Teppichherstellung stammen, aber auch aus Küchenutensilien.“

Die Einschätzung, dass Fischmehl der Übeltäter ist, ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass in nicht-biologischen Eiern im Vergleich zu biologischen Eiern nur vernachlässigbare Mengen gefunden wurden. Laut Philippe Grandjean schließt dies jedoch andere Quellen von PFAS in den Eiern nicht aus. „Es ist gut, kein kontaminiertes Fischmehl mehr zu verwenden. Aber es gibt uns Anlass, genauer hinzusehen, unsere Perspektive zu erweitern und herauszufinden, woher diese PFAS kommen.“

Coop lässt Bioeier in den Regalen

Coop teilte unterdessen mit, dass Bioeier in den Supermärkten Super Brugsen, Irma und Kvickly nach Rücksprache mit den Lieferanten im Regal bleiben. Der Konzern begrüßte die Ankündigung, das als Verursacher identifizierte Fischmehl im Futter auszutauschen.

PFAS auch in Nordschleswig ein Problem

PFAS wurden in den vergangenen Jahren an mehreren Stellen in Dänemark nachgewiesen – beispielsweise im Frühjahr 2021 auf einer Kuhweide nahe der Feuerwehrschule in Korsør. Auch in Tingleff herrschte daher im vergangenen Jahr die Sorge, die Stoffe könnten im Bereich der Schule der Bereitschaftsbehörde freigesetzt worden sein, wo sehr viel mit Löschmitteln geübt wird. Die Umweltbehörden hatten den in der Umgebung fließenden Uker Bek (Uge Bæk) untersuchen lassen.

Im Tingleffer Trinkwasser konnte allerdings nichts nachgewiesen werden – anders als in vielen anderen Kommunen des Landes. Der Verband der Regionen, Danske Regioner, hatte im Dezember erklärt, dass 14.607 Orte in Dänemark mit PFAS verunreinigt sind.

Auch von der Mülldeponie bei Schottsbüll (Skotsbøl) fließen die Stoffe über das Grundwasser ins Nübeler Noor. Das hatte die Versorgungsgesellschaft „Sønderborg Forsyning“ im September mitgeteilt, nachdem eine entsprechende Untersuchung vorgenommen wurde. Das Trinkwasser war auch hier zu dem Zeitpunkt nicht verunreinigt.

Anders als bei den Bioeiern ist beim Grundwasser noch unklar, wie man es wirkungsvoll von den Chemikalien befreien kann.

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Amanda Klara Stephany
Amanda Klara Stephany Journalistin
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