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Rückblick: Die Lebensmittelskandale in Dänemark, Deutschland und der EU

Rückblick: Die Lebensmittelskandale in Dänemark, Deutschland und der EU

Lebensmittelskandale in Dänemark, Deutschland und der EU

Bonn/Berlin/Kopenhagen
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Das geliebte Spiegelei hat sich in der Vergangenheit als ab und an belastet herausgestellt (Symbolfoto). Foto: Richard Eisenmenger auf Pixabay

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„Nach dem Skandal ist vor dem Skandal“, kommt einem in den Sinn, wenn man auf die vergangenen Jahrzehnte schaut und die Lebensmittelskandale zählt. Der letzte in Dänemark war bekanntlich der Fund von PFAS in Bio-Eiern. Eine Reise in die Vergangenheit. Bon appetit!

Wer sich bislang in Dänemark ein Bio-Ei gönnte, wähnte sich auf der sicheren Seite, was die Produktqualität und damit auch eine (annähernde) Giftfreiheit angeht. Wie sich herausstellte, entsprach diese Hoffnung nach dem Fund von fluorierten Kohlenwasserstoffverbindungen aus der Gruppe der PFAS in dänischen Bio-Eiern – in nennenswerter Höhe – Anfang des Jahres 2023 nicht der Realität.

Immer wieder gab es in Dänemark und in der alten und neuen Bundesrepublik Meldungen, die das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Sicherheit von Lebensmitteln auf die Probe stellte. Dabei haben die größeren Skandale eine europäische Dimension.

Gewollt oder ungewollt

So gibt es Rückrufe von Lebensmitteln, in denen sich Dinge befanden, die dort nicht reingehören, etwa Metallteile – oder zu viele Bakterien tummelten sich in ihnen. Oft ist von Versehen auszugehen, aber es gibt auch Skandale, die augenscheinlich von krimineller Natur sind.

Lebensmittelskandale, gewollt oder ungewollt, stellen sich als schwerwiegend heraus, weil sie die Gesundheit vieler Menschen gefährden oder gar angreifen. Hier eine kleine Liste – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – der Skandale, die die Öffentlichkeit in Europa, in Deutschland und Dänemark erschütterte.

1981 – Gepanschtes Olivenöl in Spanien: Mehr als 20.000 Menschen erkrankten, litten unter Atemnot und Krämpfen, rund 700 Menschen starben, weil Olivenöl mit Industrie-Rapsöl gestreckt wurde. Nach einiger Zeit wurden Anilin und andere giftige chemische Verbindungen als Ursache ausgemacht. 38 Unternehmen wurden belangt. Der Fall machte auch in Deutschland Schlagzeilen.

1985 – Glykol im Wein in Deutschland: Damit der Wein süßer schmeckt, was deutschen Weinliebhabern oder Weinliebhaberinnen damals entgegenkam, gaben Winzer in Österreich ihrem Wein Frostschutzmittel hinzu. Der Inhaltsstoff Diethylenglykol schmeckt süß. Anders als der Zusatz von Zucker war die Glykol-Zugabe aber gefährlich, da der Stoff giftig ist. Auch deutscher Wein war betroffen, da er mit österreichischem gestreckt wurde. 

1985/86 – Flüssigei-Skandal in Deutschland: Kurze Zeit nach dem Glykol-Wein kam der Flüssigei-Skandal, der die Öffentlichkeit verunsicherte und die deutsche Nudel-Industrie traf. Das Flüssigei, mit denen die Nudeln gemacht wurden, sollen Verunreinigungen von Embryos und Bakterien enthalten haben. Entsprechend groß war der Ekel, und die Fertignudeln blieben in den Regalen.

1987 – Parasiten im Fisch in Deutschland: Nach den Eiern ging es zum Fisch. Das Fernsehmagazin „Monitor“ berichtete von Parasiten in Fischen, die den Deutschen die Lust am Fisch verdarben. Nematoden, die sich in den Eingeweiden der Fische befinden, bewegen sich nach dem Tod ihres Wirtes in das Muskelgewebe. Der Fisch darf also nicht zu lange unausgenommen liegenbleiben. Menschen können beim Verzehr lebender Nematoden erkranken. Das Kochen oder Braten und das Einfrieren von Frischfisch tötet die Parasiten aber ab. Erzeugerinnen und Erzeuger müssen den Fisch überprüfen. 

In den 90er-Jahren ging die Furcht vor BSE um, diesen Rindern aus Apenrade geht es augenscheinlich gut, vielleicht halten sie den Fotografen für merkwürdig. Foto: Helge Möller

1990er-Jahre – BSE, GB, Deutschland: Was in Großbritannien in den 80er-Jahren begann, setzte sich in den 90er-Jahren in Deutschland fort. Ende 1996 gab es den ersten BSE-Fall in Deutschland bei einem Rind, das aus Großbritannien stammte. BSE zerstört das Gehirn der Rinder – daher wurde BSE umgangssprachlich auch oft als Rinder-Wahnsinn bezeichnet. Über Lebensmittelprodukte kann es auf den Menschen übertragen werden und auch dort das Hirn angreifen. Tiermehl wurde als Verursacher ausgemacht. Dabei zerstören abnorme Proteine im Mehl das Hirn. Die Vermutung lautet, dass Schafkadaver, die zu Tiermehl in Großbritannien verarbeitet wurden, die Rinder krank machten. Im Jahr 2000 gab es den ersten BSE-Fall bei einem Rind, das in Schleswig-Holstein geboren worden war.

2002 - der Nitrofen-Skandal in Deutschland: Mit dem Nitrofen-Skandal hat in Deutschland die ökologische Landwirtschaft ihren ersten Lebensmittelskandal. Nitrofen, ein Pflanzengift, das in Tierversuchen Krebs erzeugte, gelangte offenbar über das Geflügelfutter in Hühner und Puten, und wurde dann in einigen Eiern und im Fleisch nachgewiesen – dort in nennenswerter Menge deutlich über dem Grenzwert.

2005 – Gammelfleisch: Aus alt mach neu. Das Umetikettieren und Umverpacken von Fleischwaren von Supermarkt-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern machte zum ersten Mal Schlagzeilen. Hackfleisch, das abgelaufen war, wurde neu verpackt und bekam ein neues Etikett mit „frischem“ Datum. Der Begriff Gammelfleisch machte die Runde. Andere Fälle kamen ans Licht. Und auch danach kamen immer wieder Etikettenschwindel und der Verkauf von altem Fleisch, Gammelfleisch, an die Öffentlichkeit.

Novoviren auf Himbeeren verursachten 2005 schlimme Krankheitsfälle in Dänemark (Symbolfoto). Foto: Ulrike Leone auf Pixabay

2005 – verseuchte Himbeeren in Dänemark:  Im Mai 2005 starben fünf Menschen und 1.000 erkrankten, weil sie Himbeeren aus Polen gegessen hatten, die höchstwahrscheinlich in Abwasser gewaschen wurden. Die Himbeeren gelangten roh in Desserts unter anderem im Krankenhaus von Aalborg. Die Beeren waren mit Novoviren verseucht, die zu Durchfall und Erbrechen führen. Das Novovirus ist hochansteckend, in Dänemark heißt die Krankheit „Roskildesyge“, nach einem Ausbruch in Roskilde im Jahr 1936.

2006 – Gammelfleisch in Dänemark: Roskilde ist auch Ort des Geschehens im Jahr 2006, als ein dort ansässiger Großhändler Gammelfleisch verkaufte. Nachdem „Danmarks Radio“ den Skandal aufdeckte, schloss der Eigner die Firma. „DR“ deckte zu der Zeit auch auf, dass ein Fischvertrieb Garnelen verkaufte, die nicht mehr frisch waren.

2009 – Umetikettieren im Königreich: Das Umetikettieren, das in Deutschland 2005 Thema war, wird 2009 in Dänemark Thema. „DR“ macht Stichproben in 20 Supermärkten mit eigener Schlachterei und kommt zu dem Schluss, dass in mehr als der Hälfte der untersuchten Ware mit dem abgedruckten Datum geschwindelt wurde. Auch kam heraus, dass in Lammhack nicht nur Lamm, sondern auch Schwein war. Ein Jahr später wiesen „DR“ und „B.T.“ nach, dass das Fleisch nicht wie angegeben aus Dänemark stammte, sondern aus dem Ausland.

2011 – der Dioxin-Skandal in Deutschland: Erneut löst ein Futtermittelhersteller einen Lebensmittelskandal aus. Dieses Mal ist es das giftige Dioxin, dass sich im Futteröl befindet, wobei letzteres als Zutat für Hühnerfutter dient. Eier werden vernichtet, Tausende Legehennen werden notgeschlachtet. Auch in Schweinen wird das Gift gefunden.

Landwirte deponieren aus Protest im Jahr 2011 vor dem Rathaus Salatgurken. Sie galten zunächst als Quelle der EHEC-Verseuchung. Die Bauern protestierten gegen ihrer Meinung nach ungenügende Ausgleichszahlungen der EU. Foto: Raymond Roig/AFP/Ritzau Scanpix

EHEC 2011: Im Frühjahr 2011 erkranken auffällig viele Menschen an schwerem Durchfall. Im Sommer gilt die Krise überwunden, knapp 4.000 Menschen erkranken, über 50 sterben. Nach spanischen Gurken, die zunächst als Verdächtige gehandelt wurden, werden Bockshornkleesamen als Ursache identifiziert. Sie gaben die Belastung mit Bakterien an ihre Sprossen weiter, die roh verzehrt werden. EHEC ist 2011 auch in Dänemark Thema. 25 dänische Bürgerinnen und Bürger erkranken schwer.

Pferdefleisch 2013: Betrüger aus der Lebensmittelbranche geben 2013 billiges Pferdefleisch als teures Rindfleisch aus und verdienen damit viel Geld. So tauchte Pferdefleisch in Fertigprodukten auf, etwa Gulasch oder Lasagne. Konsumentinnen und Konsumenten sahen, wie Discounter vorsorglich erstaunlich viele Produkte aus ihren Regalen nahmen. Auch andere Länder waren betroffen – wie etwa Dänemark. Auch hier fanden sich in den Gefriertruhen der Supermärkte Produkte mit Rinderhack, in dem auch Pferdehackfleisch zu finden ist.

2013 – Fischfrikadellen, Dänemark: In diesem Jahr untersuchte die Lebensmittelbehörde Fischfrikadellen. Es zeigte sich, dass jede zweite Frikadelle zu viele Bakterien enthielt.

Weihnachten 2015, Dänemark: Ende 2015 musste eine Firma aus Struer 1.400 Enten zurückrufen, die landesweit in Supermärkten über das Kassenband gingen. Die Enten waren verdorben und sollen fürchterlich gerochen haben.

Fipronil 2017: Das Insektengift wird bei Haustieren gegen Läuse eingesetzt, in der Lebensmitteltierhaltung ist es aber verboten. Trotzdem kam es ins Ei und sorgte in Europa für den nächsten Skandal. Es wurde in Belgien einem erlaubten Reinigungsmittel beigemischt und in die Niederlande verkauft. Von den Hühnern gelangte es in die Eier. Die Belastung mit Fipronil war in einigen Fällen deutlich. 22 Tonnen kontaminierte Eier wurden auch in Dänemark aufgespürt.

2023 PFAS in dänischen Eiern: Anfang 2023 fand die dänische Lebensmittelbehörde und die Dänische Technische Universität fluorierte Kohlenwasserstoffverbindungen, PFAS, in dänischen Bio-Eiern, oft in Mengen über dem Grenzwert. Als Verursacher wurde Fischmehl enttarnt, das dem Hühnerfutter beigemischt wird.

Quellen: Deutschlandfunk, Der Spiegel, Die Welt, NDR, Stiftung Warentest, Süddeutsche Zeitung, Deutsche Welle, Frankfurter Allgemeine, Ritzau

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