Diese Woche in Kopenhagen

„Wie deutsche Regierungen dänische Vorurteile bestätigen“

Veröffentlicht Geändert

17 Jahre, nachdem Deutschland und Dänemark einen Staatsvertrag über die Fehmarnbeltverbindung unterzeichnet haben, hat die deutsche Regierung die Planunterlagen für die Hinterlandanbindung veröffentlicht. Walter Turnowsky hat versucht zu eruieren, wieso das so lange gedauert hat – so ganz konnte er die Antwort nicht finden.

Dänemark ist in vielen Dingen Weltmeister – zumindest in eigener Optik: Umwelt, Klima, Wohlfahrt und Gleichstellung (wobei bei genauerem Nachdenken: Letzteres war einmal).

Worin die Bevölkerung im Königreich nun tatsächlich Weltmeister ist: Vorurteile – und zwar gegenüber Völkern in Nachbarländern. Früher haben sie dem Volk südlich der Krusau gerne nachgesagt, es sei besonders versessen darauf, alles besonders genau und präzise zu machen. „Ordnung muss sein“, lautete das Klischee.

Doch das Vorurteil hat sich gewandelt: bürokratisch, umständlich, altmodisch und ineffizient heißt es seit einigen Jahren. Die Faxgeräte aus Corona-Zeiten sind ein dauerbrennendes Symbol für diese Sicht auf die Bundesrepublik.

Sackgasse für die Bahn

Üblicherweise sehen Menschen in verantwortungsvollen Ämtern ja das Abbauen von Vorurteilen als erstrebenswertes Ziel – das gilt insbesondere, wenn die Klischees sie selbst betreffen. Aus mir schleierhaften Gründen scheinen wechselnde Bundesregierungen das nicht so zu sehen.

Man nehme nur die Affäre um die verspätete Bahnverbindung über den Fehmarnbelt – beziehungsweise unter ihn hindurch. Genau genommen ist diese Verbindung ja nicht verspätet (zumindest nur geringfügig), aber auf Fehmarn endet die Fahrt dann mindestens drei Jahre lang.

Der Grund: Erst am Montag hat das Eisenbahn-Bundesamt die Planunterlagen für den notwendigen Tunnel zwischen Fehmarn und dem holsteinischen Festland veröffentlicht. Dabei wird unter dem Belt – also auf der Strecke zwischen Dänemark und Deutschland – schon längst gebuddelt.

Planunterlagen nach 17 Jahren

Da werden sich die vorurteilsvolle Dänin und der vorurteilsvolle Däne fragen: Sind die Planunterlagen einige Jahre lang in irgendeinem Faxgerät stecken geblieben – oder hat hier jemand besonders ausführlich Beamtenmikado gespielt?

Schließlich haben Dänemark und Deutschland bereits am 3. September 2008 vereinbart, dass Dänemark die Beltverbindung baut; Deutschland dafür sorgt, dass man dann auf der anderen Seite weiterfahren kann. Man ist sogar so vorausschauend gewesen, dass man abgesprochen hat, dass beides zugleich fertig werden soll.

Da wäre in den fast 17 Jahren eigentlich Zeit gewesen, schon mal ein wenig mit dem Planen anzufangen. Allerdings hat man auf der deutschen Seite gedacht: Die alte Fehmarnsundbrücke hat schon seit 1963 gut funktioniert, ein wenig extra Verkehr wird sie schon aushalten.

Schwere skandinavische Güterzüge

Doch da hatte man die Rechnung ohne die skandinavischen Güterzüge gemacht. Die sind nämlich länger und damit schwerer als die deutschen. 2010 kam die Deutsche Bahn dann auf den Gedanken, man solle doch vielleicht mal prüfen, ob die gute alte Brücke das nun wirklich verträgt. Bereits zwei Jahre später teilte die Bahn die Antwort in einem Gutachten mit: Sie tut es nicht.

Also muss eine neue Verbindung her, um die Beltverbindung mit dem deutschen Festland zu verbinden. Wiederum aus vorurteilsvoller dänischer Sicht wird die eine oder der andere sagen: Aber seit 2012 war doch eigentlich auch Zeit, um diese neue Verbindung zu planen.

Doch hier sollten die Vorlauten bedenken, dass die Bahn und die Behörden erst mal überlegen mussten, wie denn diese Verbindung aussehen soll. Im November 2019 konnten sie dann vier Varianten vorstellen, und im März 2020 gaben das Bundesverkehrsministerium, das Land Schleswig-Holstein und die Deutsche Bahn bekannt, dass man sich für einen kombinierten Senktunnel entschieden hat.

Dänischer Beschluss per Gesetz

Nur drei Monate später begannen die Tunnelbauer von Femern A/S mit den Arbeiten auf der dänischen Seite.

Ein Grund, weshalb es in Dänemark mit derartigen Großprojekten schneller geht, ist, dass der Einfluss der Bürgerinnen und Bürger in diesen Fällen geringer ist. Sie laufen nämlich nicht über ein normales Planungsverfahren, sondern werden per Gesetz vom Folketing beschlossen.

Das Folketing hat das Gesetz für den Bau der Fehmarnbeltquerung (anlægslov) 2015 beschlossen – und schwupp waren alle Einspruchsmöglichkeiten weg.

So ganz erklärt das jedoch nicht, warum die Hinterlandanbindung auf deutscher Seite voraussichtlich erst 24 Jahre, nachdem sie versprochen wurde, fertig wird. Das Wort „voraussichtlich“ ist in dem vorherigen Satz mit Bedacht gewählt.