100 Jahre deutsche Bücherei

Zwischen digitalem Wandel, Siegfried Lenz und politischer Bildung

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Claudia Knauer, Nis-Edwin List-Petersen
Claudia Knauer ist seit 2015 Büchereidirektorin. Ihr Vorgänger ist Nis-Edwin List-Petersen, der am 1. Oktober 1999 die Geschicke übernahm.

Nis-Edwin List-Petersen und Claudia Knauer haben im deutschen Büchereiverband in den vergangenen 25 Jahren ihre persönlichen Spuren hinterlassen. Wie der Bestand digital wurde, die Bibliotheken zu Kulturtreffs und Lernorten wurden und warum politische Bildung heute eine große Rolle spielt. Im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“ zum 100-jährigen Bestehen des Verbandes erinnern sich beide an die vergangene Zeit.

„Siegfried Lenz war ein Glückstreffer, der mir gelungen ist. Es war eine Folge der besseren Kooperation mit den Kulturpartnern vor Ort“, sagt der frühere Büchereileiter Nis-Edwin List-Petersen am Tisch im Büro seiner Nachfolgerin Claudia Knauer im Haus Nordschleswig. Der Dichter ist auch der Grund, warum es zur 100-Jahr-Feier des Büchereiwesens in Nordschleswig am vergangenen Freitag, 5. September, keine Tapas-Bar, sondern eine Kuchentafel gab.

List-Petersen sah Lenz, der 2008 die Novelle „Kummer mit der jütländischen Kaffeetafel“ veröffentlichte, im Juni 2008 als Gast in der damaligen Talkshow von Reinhold Beckmann. Dort habe er gemeinsam mit Loki Schmidt das Studio rauchend in Nebel gehüllt, erinnert sich der 77-Jährige. Damals habe Beckmann gefragt, welche Auszeichnung sich Lenz angesichts der Verleihung des Literaturnobelpreises an Günter Grass noch wünschen würde. Der damals 82-Jährige sagte mehr im Scherz, er könnte sich anlässlich seiner Erzählung über die Tradition der nordschleswigschen Kaffeetafeln einen Orden der Bäckerinnung vorstellen.

List-Petersen war so angetan, dass er sofort alle Hebel in Bewegung setzte und den damaligen Vorsitzenden der Bäckerinnung, Iwer Hansen, kontaktierte. Am Ende schlug die Konditor- und Bäckerinnung Sønderjysk Bager- og Konditorlaug eine Ehrenmitgliedschaft vor, obwohl man dort zunächst nicht wusste, wer dieser Siegfried Lenz überhaupt war, berichtet List-Petersen.

Siegfried Lenz
Siegfried Lenz (links, 1926-2014) mit seiner guten Freundin Loki Schmidt (1919-2010) in der Talkshow von Reinhold Beckmann (hinten rechts) und Schauspieler Jan Vedder (1955-2019).

Der Büchereileiter war sich nicht sicher, wie Lenz auf die Auszeichnung reagieren würde. „Ich dachte, entweder wird er sauer, weil er sich verschaukelt fühlt, oder…“

Später habe er dann einen Anruf bekommen und hatte einen begeisterten Lenz am Apparat, der die Idee „einen Ausbruch des deutsch-dänischen Humors“ nannte.

Die Verleihung sollte anlässlich des Literaturfestivals im Schloss Brundlund stattfinden. Weil Lenz am Rücken operiert werden musste, trugen die Schauspieler Jens Albinus (Der Adler) und Mathias Harrebye Brandt ein Grußwort von Lenz in deutscher und dänischer Sprache vor. Die Verleihung fand im Mai 2009 im Haus Nordschleswig statt.

Siegfried Lenz
Der Schriftsteller und Dichter Siegfried Lenz (links) mit Nis-Edwin List-Petersen bei der Übergabe der Ehrenmitgliedschaft. Den Artikel verfasste damals Claudia Knauer, die zu dieser Zeit als Journalistin für den „Nordschleswiger“ arbeitete.

An dieses Highlight seiner Laufbahn als Büchereidirektor erinnert sich der 77-Jährige gerne, der aufgrund seiner eigenen Biografie vor allem Musikveranstaltungen ins Haus Nordschleswig brachte – von Jazz-Cafés bis zu Folkbaltica-Eröffnungskonzerten.

„Jütländische Kaffeetafeln“ wurde sogar ins Dänische übersetzt.
„Jütländische Kaffeetafeln“ wurde sogar ins Dänische übersetzt und fehlt auch in der „Nordschleswiger“-Redaktion nicht.

Lenz-Nachlass „keine Kernkompetenz“

Als Siegfried Lenz 2014 im Alter von 88 Jahren starb, wandte sich dessen zweite Ehefrau, Ulla Reimer, an Claudia Knauer, die 2015 von Nis-Edwin List-Petersen die Geschicke übernahm, und die deutschen Büchereien bis heute weiterführt.

Reimer schlug vor, dass die Bücherei den dinglichen Nachlass des Dichters doch versteigern könne. „Das war jetzt nicht unsere Kernkompetenz“, erinnert sich Knauer heute. Mithilfe des Experten Jürgen Ostwald und ihrem Team gelang es jedoch, eine Versteigerung mit Hammer und Gebot durchzuführen.

Digitalisierung und Zusammenarbeit

Lenz-Stiftung
20.000 Kronen kamen bei der Versteigerung für die Lenz-Stiftung zusammen.

Diese besonderen Ereignisse liefen parallel zu der Weiterentwicklung der Büchereien, die sowohl List-Petersen vorantrieb, als auch Knauer fortführt. Als der gebürtige Lügumklosteraner im Oktober 1999 die Stellung in einer Doppelfunktion, Chef des Büchereiverbands und Kulturkoordinator der Minderheit, antrat, war die Skepsis mitunter recht groß, denn mit Nis-Edwin List Petersen kam erstmals kein ausgebildeter Bibliothekar.

„Hier hatte man begriffen, dass wir nicht nur Bücherverleih sind, sondern dass man Leute braucht, die Kulturvermittlung machen, Ahnung von Medien haben und auch etwas von Personalverwaltung und Ökonomie verstehen“, sagt List-Petersen rückblickend. Er verstand es, die Expertise in dem Bereich seinen Mitarbeitenden zu überlassen und seine Kenntnisse bei der weiteren Umstellung der Büchereien zur „hybriden Bibliothek“ – vor Ort und im Internet – einzusetzen.

Die Digitalisierung und auch die Öffnung der deutschen Büchereien in Richtung der dänischen Kolleginnen und Kollegen waren dem früheren Leiter überdies eine wichtige Angelegenheit. „Es sind ganz wesentliche Dinge, die passiert sind.“

Die Modernisierung und Anbindung an die dänischen Büchereien, die teils auch gesetzlich vorgegeben war, mündete am Ende von List-Petersens Amtszeit in die „offene Bücherei“, in der Kundinnen und Kunden bis heute auch außerhalb der Öffnungszeiten rund um die Uhr Bücher und Medien ausleihen, zurückbringen oder verlängern können.

Über die Jahre haben sich die deutschen Büchereien im Landesteil somit dem dänischen Standard angepasst – mitunter beneidet von deutschen Bibliotheken, wie beide erzählen.

Deutsche und dänische Büchereien unter einem Dach

Claudia Knauer und Nis-Edwin List-Petersen
Claudia Knauer und Nis-Edwin List-Petersen könnten stundenlang über das Büchereiwesen in Nordschleswig referieren.

Die engere Zusammenarbeit zwischen Minderheit und Mehrheit sorgte auch für verbesserte Beziehungen. „Von einem Gegeneinander über ein Nebeneinander zu einem Miteinander“, sagt List-Petersen. Was früher undenkbar war, ist heute trotz anfänglicher Widerstände Realität. So koexistieren deutsche und dänische Büchereien unter einem Dach in Sonderburg und Hadersleben – jeweils mit ihrer eigenen Identität. „Die Außenwirkung zeigt: Das lässt sich machen“, sagt Knauer.

Mit dem Bibliotheksgesetz ist auch die Breite an Angeboten gewachsen. „Wir mussten ein Kulturangebot schaffen“, sagt Knauer mit Blick auf den Kulturvermittlungsauftrag, der die Bücherei als Lern- und Integrationsort sowie als Treffpunkt sieht.

Inzwischen gibt es den Wunsch, bei einer Revision des Gesetzes auch aufzunehmen, dass Büchereien auch den demokratischen Diskurs fördern sollen. Hier setzt die 64-Jährige im Vergleich zu ihrem Vorgänger bereits eigene und neue Schwerpunkte.

„Das ist etwas, das ich, als ich hier angefangen habe, mit dem Politischen Forum ins Werk setze.“ Eine der ersten Amtshandlungen Knauers war eine Podiumsdiskussion, ob das Langbehn-Haus auf dem Knivsberg umbenannt werden sollte. Dazu organisierte sie einen Pro-Contra-Diskussionsabend. „Solche Formate haben wir zu ganz vielen Themen gemacht, aktuell zum Beispiel zum Krieg in der Ukraine.“

Wir haben damit in keinster Weise irgendwas verändert in der Welt, aber wir haben uns gemeinsam unseres Entsetzens vergewissert.

Claudia Knauer

„Wir haben damit in keinster Weise irgendwas verändert in der Welt, aber wir haben uns gemeinsam unseres Entsetzens vergewissert. Das ist auch schon mal eine richtig wichtige Sache.“

Claudia Knauer
Claudia Knauer leitet die Geschicke der Büchereien seit 2015.

Die Demokratie vor Ort verteidigen

Auch zur Kommunalwahl werde die Bücherei wieder Veranstaltungen – auch mit der Schleswigschen Partei – anbieten. „Wir sind in keiner Weise parteipolitisch geprägt, aber wir sind demokratieparteiisch. Das ist etwas, was uns ganz und gar am Herzen liegt.“ In den Büchereien habe man in Zeiten von Fake News belastbare Informationen und schlaue, ausgebildete Leute, die prüfen und nachgucken können, sagt Knauer.

Mit der Zeit sind daher auch weitere verlässliche Informationsquellen für Bürgerinnen und Bürger eingeführt worden. Neben dem Munzinger-Archiv, das bereits 2009 Einzug hielt, ist seit kurzem auch das Angebot der Riff-Reporter, der Genossenschaft für freien Journalismus, verfügbar. Auch Medien wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) würden stark nachgefragt werden, sagt Knauer.

„Die Büchereien sollen ein Ort für alle sein, niederschwellig, wo niemand eine Frage scheuen muss. Ein Ort, an dem man sich trifft, und ein Ort für den demokratischen Diskurs, wo man unterschiedliche Meinungen aushält – solange sie faktenbasiert sind.“

Orte des Austausches – auch ohne Bücher

Bibliothek, das ist heute ein Kulturtreff.

Nis-Edwin List-Petersen

Die Büchereien haben sich außerdem zu einem „3. Ort“ entwickelt, wo Menschen zusammenkommen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, Brettspiele zu spielen oder gemeinsam zu stricken. Auch Jugendliche haben hier eine geschützte Ecke, um Zeit zu verbringen.

„Bei uns treffen Menschen Menschen“, sagt Claudia Knauer. Und List-Petersen sagt: „Bibliothek, das ist heute ein Kulturtreff.“

Die 64-Jährige erfüllt es mit Freude, dass die Büchereien Menschen froh machen können. „Weil wir das richtige Buch finden, die wichtige Quelle, weil wir mit Menschen reden und Kultur anbieten können – alles, was das Leben lebenswert macht. Und dass wir so ein gutes Team sind.“ Die Bücherbusse leisteten zudem so etwas wie Sozialarbeit. „Wir tragen den Menschen quasi die Minderheit ins Haus“, sagt sie.

Nahm im ersten Jahrzehnt unter Nis-Edwin List-Petersens Leitung die Digitalisierung an Fahrt auf – die DVD kam, die ersten Smartphones eroberten den Markt – ist es in Claudia Knauers Amtszeit – vom Streaming bis zur künstlichen Intelligenz – kaum weniger rasant weitergegangen. Die Büchereien beobachten die Entwicklungen genau. „Wir sind ja kein Archiv, sind nicht verstaubt. Wir müssen die Trends kennen“, sagt Knauer. Dennoch gebe es natürlich Grenzen und man mache nicht alles mit.

Nis-Edwin List-Petersen, Claudia Knauer
Der frühere Büchereidirektor und seine Nachfolgerin am Bücherregal: Trotz aller digitalen Entwicklungen ist das Buch nach wie vor die Kernkompetenz der Bibliotheken.

„Wir stellen zudem fest: Unser zentrales Medium ist ein physisches Buch.“ Das belegten die steigenden Ausleihzahlen.

Ihren persönlichen Stempel habe die 64-Jährige mit dem politischen Forum gesetzt, sagt sie. Mit dem Kümmern um die Demokratie und die Fakten. Mit der Entwicklung der Filialen, die „ein so gutes und gut besuchtes Angebot machen“. Auch die Arbeit „ins Dänische hinein“ hebt sie hervor.

Ein Geburtstagswunsch von List-Petersen

Nis-Edwin List-Petersen
Nis-Edwin List-Petersen leitete die Büchereien von 1999 bis 2015.

Nis-Edwin List-Petersen hat hingegen mit der Biografien-Sammlung, dem Nordschleswig-Wiki seine Fußstapfen hinterlassen, wie er sagt. Seit 2010 habe die Webseite rund 20 Millionen Aufrufe gehabt. Noch heute pflege er die Seite allein. „Ich kann verstehen, dass es nicht Claudias Priorität ist, aber es ist schmerzlich, dass es nicht weitergeführt wird.“ Es gebe noch eine Menge Recherchearbeit und auch die Webseite brauche Updates. „Mein Geburtstagswunsch ist es, dass die Nordschleswig-Sammlung künftig weiter betreut wird.“

Der Büchereiverband der deutschen Minderheit unterliegt einem steten Wandel, in dem die jeweiligen Leitungen – und auch die Teams an den lokalen Standorten – ihre persönlichen Fußspuren hinterlassen. So fasste es auch der Vorgänger der beiden jüngsten Bücherei-Chefs, Hans Walter Petersen, zusammen: „Jeder Bibliothekar schafft sich seine Bücherei.“

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Am 5. September feierte die deutsche Minderheit ein besonderes Jubiläum: Seit 100 Jahren gibt es die deutsche Bücherei in Nordschleswig. Aus diesem Anlass hat „Der Nordschleswiger“ diesen Sommer Geschichten, Erinnerungen und Entwicklungen rund um das Thema Bücherei beleuchtet. Alle Artikel und weitere spannende Schwerpunktthemen sammeln wir auf unserer Themenseite.