Deutsche Büchereien

Hans Walter Petersen: Bücher, LP‘s und Literatur-Café

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Hans Walter Petersen mit einem der Werke, die im Haus Nordschleswig aufgehängt und ausgestellt wurden.

Knapp 30 Jahre leitete Petersen den Verband Deutsche Büchereien Nordschleswig. Von knapp 5.000 Büchern wuchs der Bestand in dieser Zeit auf das zehnfache. Und nicht nur das: Es kam eine Kunstsammlung dazu, erste Hörbücher und viele Besuche von Schriftstellerinnen und Schriftstellern – und auch dänische Gäste kamen aus einem bestimmten Grund. Im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“ zum 100-jährigen Bestehen des Verbandes erinnert er sich an diese Zeit.

„Als ich das erste Mal zwischen den Regalen stand, konnte ich beide Arme weit von mir strecken, so weit standen sie auseinander“, erinnert sich der heute 86-Jährige. Knapp 5.000 Bücher umfasste die Sammlung damals und „ein Teil davon waren Schriften der ,Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft HAG´“.

Hans Walter Petersen hat viele Jahre das literarische Leben in Nordschleswig mitgestaltet. Von 1970 bis 1999 leitete er den Verband Deutscher Büchereien im Landesteil.

Das änderte sich bald, denn der studierte Bibliothekar Petersen hatte ein Credo: „Jeder Bibliothekar schafft sich seine Bücherei.“ Und seine Büchereien sollten Bücher haben, viele Bücher, wie er sagt – vor allem moderne. Die HAG-Schriften wichen in andere Räume.

Hans Walter Petersen zwischen den Bücherregalen in der Zentralbücherei

Und er wollte mehr, denn „eine Bücherei ist viel mehr als nur Bücher“. Diesen Spruch hatte er von den dänischen Bibliotheken entliehen. Zum Ende seiner Schaffenszeit standen knapp 50.000 Bücher in der Bücherei, die den halben Teil des Hauses Nordschleswig einnahm. Die Regale waren inzwischen zusammengerückt, um Platz für die vielen Lesewerke zu schaffen. Die Arme konnte Hans Walter Petersen schnell nicht mehr zu beiden Seiten ausstrecken. Auch ein Anbau ist in dieser Zeit hinzugekommen.

Neben den Büchern standen bald Langspielplatten im Angebot der Büchereien. „Und da kamen plötzlich auch dänische Besucher und haben bei uns LPs geliehen“, erzählt er. Das gab es bis dahin nur vereinzelt. „Die Platten haben wir bei der Musikhandlung Ahrens in Flensburg bestellt. Das konnten die dänischen Bibliotheken nicht bieten.“ „Wir hatten immer die neusten Platten“, sagt der gebürtige Süderfahrenstedter. Mehr junge Menschen fanden so den Weg ins Haus. Die Langspielplatten wurden dann sogar von den deutschen Büchereien südlich der Grenze bestellt, „weil die sowas nicht im Programm hatten“. Tonträger gehörten seines Erachtens ebenfalls zum Repertoire einer Bücherei.

Mit dem wachsenden Bestand wuchs auch die Anzahl des Personals. „Erst waren wir zu zweit in der Zentralbücherei.“

Hans Walter Petersen vor seiner Bücherwand in seinem Haus

Als Kunstliebhaber wollte Petersen diese auch den Nordschleswigerinnen und Nordschleswigern näher bringen und die Möglichkeit bieten, sich damit zu beschäftigen. Die Artothek entstand: Moderne Kunst zum Ausleihen. Es gab originale Grafiken, manche von den Künstlerinnen und Künstlern signiert. So fanden sich dort unter anderem eine Sammlung von Friedensreich Hundertwasser und Horst Janson – original signiert. Diese Artothek ist noch heute zugänglich. Damals begann Hans Walter Petersen, Werke im Foyer des Hauses Nordschleswig auszustellen. Eine Tradition, die sich bis heute fortgesetzt hat.

Sogar Günter Grass las „bei vollem Haus“

Das reichte Petersen noch nicht. Künstlerinnen und Künstler sollten nach Nordschleswig kommen. Petersen rief ein Literatur-Café ins Leben. Selbst Günter Grass kam, las und stellte seine Grafiken aus – bei vollem Haus, wie der ehemalige Büchereidirektor mit stolz in der Stimme sagt. Nach dem Motto „Eine Bücherei ist mehr als Bücher“ wollte er die Kultur fördern. Im Rahmen dieser Reihe holte er die damals noch unbekannten Gruppe „LaLeLu“ in die Zentralbücherei. „Die fingen an, Schlagertexte zu verändern“, erinnert sich Petersen, der durch einen Zufall auf die vierköpfige Gruppe – damals mit Sören Sieg an der Spitze – stieß und sie einlud. Das politische Kabarett ist seither regelmäßig im Landesteil zu Gast und bereichert die Kultur Nordschleswigs.

Büchergenuss für alle – auch Blinde

Hans Walter Petersen sorgte sich jedoch ebenfalls um diejenigen Menschen, denen Bücher aufgrund von Sehbeschwerden nicht oder nicht mehr zugänglich waren. Er baute eine Blinde-Hörbücherei mit besprochenen Kassetten auf. Petersen sorgte mit einem Bücherbus dafür, dass der Büchergenuss zu den Menschen kam: wenn sie nicht mehr so gut zu Fuß waren etwa. „Wobei der Ausdruck Bus eine Übertreibung war“, wie der Bücherliebhaber findet. „Wir hatten einen kleinen VW-Bus mit Regalen, der mit den Büchern in Richtung Land startete.“ Theodor Pedersen fuhr damals den Bus. Es entstand eine Bereicherung für die Leserinnen und Leser auf dem Land, ist sich der frühere Büchereileiter sicher.

Mit den Aufgaben wuchs auch der Bedarf an Mitarbeitenden – auch für die Filialen. „Wir konnten im Laufe der Zeit mehr Personal einstellen. Viele davon begannen als sogenannte Bücherkinder und haben sich zu Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ausbilden lassen.“

Sehr froh ist Hans Walter Petersen, dass er bei der Digitalisierung des Büchereiverbandes dabei sein konnte. „So habe ich der Bücherei geholfen, aber auch mir, denn ich bekam Einblick in die digitale Welt“, sagt er. Heute benutzt er Smartphone und Tablet im Alltag.

Von Karteikarten mussten alle Medien ins Computersystem überführt werden – Karte für Karte. Eine langwierige Aufgabe. „Die Karten lagen damals in großen Holzschubladen“, erinnert sich Petersen. Silke Amthor – auch heute noch im nordschleswigschen Büchereiwesen beschäftigt – war damals eine helfende Hand, wie er berichtet.

„Wir haben aus der Bücherei eine moderne universelle Bücherei gemacht, die neben der Literatur auch viele andere Interessen abdeckt“, findet Hans Walter Petersen rückblickend.

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