Nachruf

„In memoriam PC“

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Der ehemalige Chefredakteur des „Nordschleswigers“ würdigt das Wirken von Peter Christensen in einem Nachruf. Der Politiker sei ein „Sønderjyde“ mit großem S gewesen, der Nordschleswig nie in Vergessenheit geraten ließ. In Erinnerung bleibe aber auch sein humorvolles Lächeln, schreibt Siegfried Matlok.

Nicht nur die dänische Politik, sondern vor allem auch viele in Nordschleswig trauern gemeinsam mit seiner Familie um den nur 49-jährig verstorbenen Ex-Minister Peter Christensen, der nach langem Kampf einem Krebsleiden erlag. Vor vier Jahren wurde die tückische Krankheit erneut bei ihm diagnostiziert, jene Krankheit, die ihn schon als 16-Jährigen fast das Leben gekostet hatte. Damals überlebte er als Teenager und setzte sich frühzeitig als Lebensziel, einen Unterschied zu bewirken: durch die Politik, die ihm viele ehrenvolle Höhen aber auch Tiefen mit bitteren persönlichen Tiefschlägen brachte.

Peter Christensen war ausgebildeter Elektriker, also ohne den heutzutage fast schon zur Bedingung gewordenen akademischen Hintergrund, und bewies schon in jungen Jahren sein politisches Talent in der VU-Jugend. Als nur 26-Jähriger wurde er im Wahlkreis Tondern (für Venstre übrigens erstmalig!) 2001 im Jahr des sogenannten Systemwechsels ins Folketing gewählt, um danach bis 2015 stets mit hohen persönlichen Stimmenzahlen wiedergewählt zu werden – allerdings nun erst für den Wahlkreis Lügumkloster und dann für den Wahlkreis Apenrade. Eine nicht unumstrittene wahltaktische Entscheidung von „PC“ – wie er von seinen Freunden stets genannt wurde –, doch der kleinere Wahlkreis Tondern war ihm für sein Venstre-Mandat zu unsicher.

Auf Christiansborg – wo Venstre mehr als zehn Jahre lang den Regierungschef stellte, erst unter Fogh und danach unter Løkke – wurde nicht nur die eigene Partei früh auf ihn aufmerksam. Die Zusammenarbeit mit Kjærsgaards DF fand zwar seine Unterstützung, aber ihm und einigen anderen jungen Venstre-Politikern (darunter vor allem Søren Pind) missfiel der Mitte-Kurs von Fogh, mit „zehn liberalen Thesen“ sorgten sie 2003 für Aufruhr in der Partei der Liberalen. Sowohl Staatsminister Fogh als auch Venstres Chefstratege Claus Hjort wiesen die „Emporkömmlinge“ hart aber unmissverständlich in die Schranken, doch seine Fähigkeiten hielten ihn auch parteiintern im Spiel.

Als Anders Fogh 2009 den Stab im Staatsministerium an Lars Løkke abgab, um den Posten als Nato-Generalsekretär zu übernehmen, da schlug auch die Stunde von „PC“, der im März 2011 erstmalig ein Ministeramt übernahm – als Steuerminister. Doch schon im Oktober musste die Regierung Løkke zurücktreten und wurde durch die Sozialdemokratin Helle Thorning abgelöst. In der darauffolgenden Oppositionszeit fühlte sich Christensen jedoch pudelwohl: als finanzpolitischer Sprecher und als politischer Wortführer seiner Fraktion zeigte er seine Stärken, einerseits Opposition mit Muskeln und andererseits auch die Kunst zum Vergleich auf Christiansborg beherrschend.

Die erste schwere politische Niederlage musste er jedoch 2015 einstecken, als Venstre eine katastrophale Wahlniederlage mit dem Verlust von 13 Mandaten hinnehmen musste und er in Nordschleswig (nun Großkreis Südjütland) selbst sein Folketingsmandat einbüßte.

„Æ ministe fra Varnæs“ wurde er zwar lokal genannt – nachdem er als Handwerker seiner Familie und sich in Warnitz ein eigenes Haus gebaut hatte –, doch als er sich von seiner von Bornholm stammenden Frau und ihren beiden Töchtern trennte, wurde er von den nordschleswigschen Venstre-Wählerinnen und -Wählern hart bestraft, auch wegen seiner zu häufig politisch bedingten Abwesenheit vom eigenen Wahlkreis.

Nach dem K.o. warf Peter Christensen (zu voreilig) das Handtuch und teilte offiziell das Ende seiner politischen Kartiere mit, doch schon zwei Monate später trat eine Wende ein mit persönlichen Konsequenzen: Løkkes Comeback als Staatsminister bedeutete, dass Løkke – seit Jahren eng und auch sehr trinkfest befreundet mit dem nordschleswigschen Venstre-Politiker Carl Holst und Peter Christensen – überraschend Carl Holst zum Verteidigungsminister ernannte. Schon kurz darauf landete Holst jedoch in einem medialen Sturm und musste unter dramatischen Umständen gehen, doch Løkke fand schnell einen Nachfolger: Freund Peter Christensen, der am 30. September 2015 als Verteidigungsminister und als Minister für nordische Angelegenheiten nach Christiansborg zurückkehrte.

Aber das große Ministerglück währte nicht lange: Christensen schrieb zwar Geschichte, als er für rund 60 Milliarden Kronen insgesamt 27 Kampfflugzeuge F35 in den USA kaufte, die heute im nordschleswigschen Skrydstrup stationiert sind. Doch schon ein Jahr später kam ein erneuter Anruf von Freund Løkke, der ihn schwer traf, als Chef Løkke ihm mitteilte, dass er (der nun die sogenannte VLAK-Regierung gebildet hatte) jetzt auf Christensen verzichten musste, um die Koalitions-Kabale erfolgreich vollenden zu können.

Løkke hat selbst in einem Nachruf auf „PC“ daran erinnert, dass dies eine seiner schwersten Entscheidungen gewesen sei und hinzugefügt, dass er glücklicherweise noch vor dem Tode die verletzenden Scherben im Verhältnis zu Peter Christensen wieder kitten konnte. Politik ist eben auch brutal, kennt oft keine Freunde – und diese bittere Erkenntnis war natürlich ein persönlicher Absturz für „PC“, der seit Jahren – selbst in schwersten Stunden – seinem Chef die Treue und Rückendeckung nach innen und außen gewährt hatte.

Nun war aber endgültig Schluss mit Politik, Christensen fand Jobs in der Wirtschaft, ja der sozialdemokratische Finanzminister Wammen machte ihn sogar zum Vorsitzenden von „Danske Spil“ – gewiss ein ökonomischer Trost, aber eben doch keine Ersatzdroge für die Politik, der er als Venstre-Mann so viel, ja alles gegeben hatte.

Peter Christensen hatte „ein besonderes Verhältnis“ zur deutschen Minderheit: Er war zwar in Sonderburg geboren, wuchs aber – wie er gern scherzhaft berichtete – in Hjerting bei Rödding auf; just auf dem Hof, wo auch der deutsch-nordschleswigsche Folketingsabgeordnete Jes Schmidt geboren war. Christensen war auch aktives Mitglied im Kopenhagener Kontaktausschuss und eine wichtige Kontaktperson für das deutsche Sekretariat Kopenhagen, auch wenn es zum Beispiel in der Frage der Kommunalreform 2007 doch Meinungsverschiedenheiten mit ihm wegen der Haltung seines Chefs gegeben hatte. Man konnte sich aber, wie sein sozialdemokratischer „Gegenspieler“ Benny Engelbrecht in seinem Nachruf zu Recht hervorhob, stets auf „PC“ verlassen: hart und fair, aber sein Wort war ein Wort.

Peter Christensen war Familienmensch, trotz der Scheidung hielt er stets engsten Kontakt zu seinen beiden Töchtern, die er nun hinterlässt ebenso wie einen Jungen, der aus seiner zweiten Ehe mit einer Kopenhagener Rundfunkjournalistin stammt.

Von „PC“ viel zu früh Abschied zu nehmen erinnert uns an einen Politiker, der mehr als ein Jahrzehnt auch die Geschicke dieses Landes wesentlich mitgestaltet hat und der als „Sønderjyde“ mit großem S auch stets Nordschleswig nie in Vergessenheit geraten ließ: Es bleibt aber auch sein humorvolles Lächeln, das so viele von uns nun vermissen werden!