Gastkommentar

„Das Allzweck-Mojn und ich: Angekommen in Nordschleswig“

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Im aktuellen Gastkommentar berichtet Melina Krenz über ihren Start in den Freiwilligendienst beim Deutschen Jugendverband für Nordschleswig.

Vor zwei Monaten habe ich meinen Freiwilligendienst als Trainerin beim Deutschen Jugendverband für Nordschleswig in Apenrade begonnen. Anfangs war ich sehr aufgeregt, nicht nur in eine neue Stadt, sondern in ein neues Land zu ziehen – völlig im Umklaren, was mich erwarten würde. Im Vorfeld erfuhr ich zwar, dass die Minderheit wie eine große Familie sei, aber was dies wirklich bedeutet, wurde mir erst vor Ort klar.

Denn das Gefühl, hier niemanden zu kennen, war schon an meinem ersten Arbeitstag verflogen. Als ich zum ersten Mal das Haus Nordschleswig betrat, war ich sofort von der Größe des Gebäudes und der Anzahl der dort beschäftigten Menschen überwältigt. Schnell wurde mir bewusst, dass ich die Größe der Minderheit unterschätzt hatte. 

Meine Vorstellung von einem kleinen, überschaubaren Büro wurde spätestens dann verworfen, als ich von Büro zu Büro ging, um mich vorzustellen und ich in die vielen neuen Gesichter blickte, die mich mit einem Lächeln willkommen hießen. Damit war auch das Gefühl, in einer fremden Stadt zu sein und niemanden zu kennen, innerhalb weniger Stunden verflogen. Obwohl ich zuvor noch keine Berührungspunkte mit der Minderheit gehabt hatte, fühlte ich mich schon bald dazugehörig.

Zu diesem Gemeinschaftsgefühl trägt vor allem bei, dass irgendwie alle direkt oder über ein paar Ecken miteinander verbunden zu sein scheinen. So ist es mir zu Beginn häufig passiert, dass ich in meiner neuen WG von meinem Tag erzählt habe und meine  Mitbewohnerinnen genau wussten, welche Person ich meinte. Zunächst war ich völlig perplex – woher sollten sie die Person nun kennen? Schließlich arbeitet sie doch in einem ganz anderen Bereich. Doch es dauerte nicht lange, bis ich verstanden hatte, dass das eben die Minderheit ausmacht. 

Meinen Freunden aus der Heimat erkläre ich das immer folgendermaßen: Es fühlt sich an wie bei uns auf dem Dorf. Jeder kennt jeden. Nur dass wir nicht in einem Dorf sind, sondern in vielen verschiedenen Städten mit mehr Einwohnern und Einwohnerinnen. Es werden zusammen Feste gefeiert, Traditionen und gemeinsame Geschichte geteilt. Immer wieder finde ich es erstaunlich, festzustellen, wer mit wem verwandt ist oder dass sich hinter einem mir scheinbar unbekannten Namen das Kind einer Arbeitskollegin verbirgt. 

In mir weckt das ein vertrautes Gefühl. Sollte ich dann doch mal jemanden nicht kennen, google ich kurzerhand den Namen, und schon ploppt ein Artikel vom „Nordschleswiger“ auf. Ich meine, ist man wirklich Teil der Minderheit gewesen, wenn man nicht zumindest einmal im „Nordschleswiger“ auftaucht?

Aber Spaß beiseite: Das Miteinander erleichtert auch das Netzwerken erheblich. In der Minderheit wird irgendwie immer zusammen eine Lösung gefunden, und jeder kennt stets jemanden, der helfen kann. So entstehen unzählige schöne Projekte, die verschiedene Bereiche der Minderheit, aber vor allem die zu ihr gehörenden Menschen zusammenbringen.

Und dadurch, dass man sich eben kennt – oder kennenlernt –, scheinen die Hierarchien tatsächlich sehr flach und die Hemmschwelle, in Kontakt zu kommen, sehr niedrig. Im Gegensatz zu Deutschland, wo, in meinen Augen, besonders in der Arbeitswelt einiges eher angespannt und streng gehandhabt wird, ist hier das Konzept der Hygge deutlich spürbar. Vielleicht fällt mir auch deswegen immer wieder die Gelassenheit der Nordschleswiger und Nordschleswigerinnen auf, die mir oft zwar imponiert, aber auch mein deutsches Gemüt in gewissen (Arbeits-)Situationen herausfordert.

In nur einer Situation fehlt mir diese Gelassenheit: Am Ende eines Telefonats wird plötzlich ein kurzes „Mojn” genuschelt und daraufhin so schnell aufgelegt, dass ich mich anfangs oft gewundert habe, ob ich meinen Gesprächspartner nun verärgert hatte oder auf einmal der Handyempfang weg war. Generell löste es in mir als Schleswig-Holsteinerin Verwunderung aus, dass die Begrüßung „Mojn“ hier auch als Verabschiedung genutzt wird. Glücklicherweise konnte ich mich schnell von diesem Schock erholen, und so langsam gewöhne ich mich an das Allzweck-Mojn.

Rückblickend hätte ich vor zwei Monaten, als ich nach Apenrade gekommen bin, gar nicht so aufgeregt sein müssen. Natürlich bin ich immer noch in ein anderes Land gekommen, aber die deutsche Minderheit lässt mich das oft vergessen – hier bleibt man nicht lange allein. Wenn man eine Person kennt, dann dauert es nicht lange, bis man den Rest auch kennenlernt. Besonders als Zuzüglerin ist das wirklich schön. Die Offenheit, die sich die Minderheit zuschreibt, erlebe ich auch so. Und für diese herzliche Aufnahme bin ich sehr dankbar. Ich bin gespannt, was ich in den nächsten Monaten noch über die Minderheit und das Leben hier lernen darf.

Hinweis

Dies ist ein Leserinnen- oder Leserbeitrag. Er gibt nicht notwendigerweise die Ansicht der Redaktion wieder. „Der Nordschleswiger“ übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit.