Stadtratspolitik

Früherkennung statt Wegsehen: Sonderburgs Antwort auf negative soziale Kontrolle

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Wenn sich Kinder und Jugendliche isolieren, sollen kommunale Angestellte ganz besonders hinschauen, welche Gründe dahinterstecken. Das sieht ein neuer Plan der Kommune Sonderburg vor.

Der Stadtrat der Kommune Sonderburg hat einen umfassenden Notfallplan verabschiedet, der Mitarbeitende und Institutionen im Umgang mit negativer sozialer Kontrolle, ehrenbezogenen Konflikten, Extremismus und Radikalisierung schult und anleitet. Wie der Plan im Alltag helfen soll.

Sonderburg ist als international geprägte Grenzregion mit über 120 Nationalitäten auf ein sicheres und respektvolles Miteinander angewiesen, und genau das soll ein Plan sichern, den am Mittwochabend der Stadtrat der Kommune Sonderburg verabschiedet hat: Es geht darum, negative soziale Kontrolle, ehrenbezogene Konflikte, Extremismus und Radikalisierung früh zu erkennen und zu verhindern.

Hintergrund ist eine nationale Gesetzgebung

Alle Kommunen im Land müssen zum aktuellen Kinderschutzgesetz („Barnets lov 15, stk. 3“) der dänischen Regierung einen solchen Plan implementieren. Ziel ist es, allen Bürgerinnen und Bürgern gleichermaßen Möglichkeiten zur Entfaltung zu bieten und gleichzeitig auf mögliche Gefahren frühzeitig zu reagieren.

Der Notfallplan richtet sich sowohl an Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, als auch an alle, die Kontakt zu Erwachsenen haben. Er soll für das zivile Gemeinwesen in Sonderburg transparent machen, wie bei Verdacht oder Kenntnis von negativer sozialer Kontrolle, ehrenbezogenen Konflikten, Extremismus oder Radikalisierung zu handeln ist.

Die Vorsitzende des kommunalen Integrationsrates, Imee Tappa Henriksen, begrüßt den neuen Notfallplan. Für sie ist klar: Der Plan kann nur dann wirken, wenn er im Alltag von allen Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen wird.

Es reicht nicht, wenn nur Lehrer oder Sozialarbeiter aufmerksam sind – auch wir als ganz normale Bürger müssen hinschauen und handeln, wenn wir etwas bemerken.

Imee Tappa Henriksen

„Der Notfallplan ist ein wichtiger Schritt, weil er nicht nur Fachkräfte, sondern uns alle in die Verantwortung nimmt“, sagt sie. „Es reicht nicht, wenn nur Lehrer oder Sozialarbeiter aufmerksam sind – auch wir als ganz normale Bürger müssen hinschauen und handeln, wenn wir etwas bemerken.“

Henriksen betont, dass Prävention und frühes Erkennen im Mittelpunkt stehen: „Wenn jemand in meinem Umfeld sich plötzlich verändert, sich zurückzieht oder Anzeichen von Druck und Kontrolle zeigt, dann ist es wichtig, das nicht zu ignorieren. Der Plan gibt uns klare Handlungswege, wie wir so etwas melden können – und das ist neu und sehr hilfreich.“

„Als Gesellschaft aufeinander aufpassen“

Im Integrationsrat habe man den Plan intensiv diskutiert. „Wir prüfen die Vorschläge der Kommune sorgfältig und geben Rückmeldung, wenn wir Verbesserungsbedarf sehen.“

Wie möchte sie den Plan im Alltag umsetzen? „Ich habe mit Stadtteilgruppen zu tun, in denen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen. Dort spreche ich offen über das Thema, kläre auf und ermutige dazu, sich bei Verdacht an die Behörden zu wenden. Es ist wichtig, dass wir das Thema enttabuisieren und zeigen: Jeder kann betroffen sein, nicht nur bestimmte Gruppen.“

Henriksen weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend negative soziale Kontrolle sein kann. „Ich habe das selbst erlebt und weiß, wie schwer es ist, sich daraus zu befreien. Deshalb ist es mir ein persönliches Anliegen, dass wir als Gesellschaft aufeinander aufpassen.“

Der Plan fußt auf der sogenannten „Steuerungspyramide“ der Kommune, die eine ganzheitliche Entwicklung und den Zusammenhang zwischen Vision, Strategie, kommunalem Plan, Politik und Maßnahmen sicherstellt.

Der Plan unterscheidet zwischen negativer und positiver sozialer Kontrolle: Erstere schränkt die Freiheit und Entwicklung ein, während Letztere unterstützt und fördert. Ehrenbezogene Konflikte entstehen, wenn Familienmitglieder gegen familiäre Normen verstoßen und dadurch die „Ehre“ der Familie infrage gestellt sehen. Extremismus bezeichnet das Befürworten oder Ausüben von Gewalt aus politischen, religiösen oder ideologischen Gründen, Radikalisierung beschreibt den Prozess, in dem Menschen sich extremistischen Ansichten zuwenden.

Hier im Rathaus von Sonderburg haben die 31 Stadtratsmitglieder den Vorschlag aus der Verwaltung gutgeheißen.

Prävention und Früherkennung

Im Mittelpunkt stehen Prävention und frühes Erkennen: Mitarbeitende sollen sensibilisiert werden, um Warnsignale wahrzunehmen und angemessen zu reagieren. Dazu zählen etwa auffällige Verhaltensänderungen, Isolation, psychische oder physische Gewalt, Drohungen sowie eine Hinwendung zu extremistischen Inhalten. Wichtig ist, dass diese Zeichen nicht als Checkliste, sondern als Hinweise für besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge verstanden werden.

Der Notfallplan legt fest, wie bei Verdacht oder konkreter Kenntnis vorgegangen werden soll – von der Meldung an die zuständigen Stellen bis hin zur Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Behörden. Besonders betont wird die Bedeutung der interdisziplinären und sektorübergreifenden Zusammenarbeit.

Der Stadtrat verabschiedete den von der Verwaltung vorgelegten Plan einstimmig. Venstre-Politiker Daniel Staugaard gab vorab zu bedenken, dass der Zusammenhang zu extremen religiösen Verkündenden noch deutlicher hervorgehoben werden sollte.