Studie

Mehr als 20 Prozent haben homophobe Ansichten

Veröffentlicht Geändert
Eine Pride-Veranstaltung in Nordschleswig im Jahr 2022. Noch immer werden queere Personen zum Ziel von Diskriminierungen und Hasskriminalität.

Die Forschenden hinter der Studie fordern entschlossenes Handeln der Politik. Im ländlichen Nordschleswig ist Homophobie häufiger als in der Hauptstadtregion. Das bekommen auch Mitglieder der LGBTQ+-Gemeinschaft in Sonderburg im Alltag zu spüren. Deren Vorsitzender zeigt sich überrascht über das Ausmaß, sieht aber auch Medien in der Pflicht.

dass Sex zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts moralisch verwerflich ist

Während die Mehrheit der Däninnen und Dänen homo- und bisexuelle Menschen genauso betrachtet wie Heterosexuelle, sei es überraschend – und besorgniserregend –, dass jeder Fünfte dies nicht tue, wird der Oberarzt und Professor Morten Frisch vom SSI zitiert. Er leitete die Untersuchung in Zusammenarbeit mit Forschenden der Universität Aalborg.

Wir wissen, dass einige unserer Mitglieder Diskriminierung, Hasskriminalität – und in einzelnen Fällen auch Gewalt – erlebt haben.

Niels Christian Aahøj Bech

Diskriminierung gehört zum Alltag

„Wir wissen, dass einige unserer Mitglieder Diskriminierung, Hasskriminalität – und in einzelnen Fällen auch Gewalt – erlebt haben. Es überrascht mich als Vorsitzender, dass diese Einstellungen noch immer so verbreitet sind“, sagt Niels Christian Aahøj Bech. Auf der anderen Seite sei es positiv, nun konkrete Zahlen zur Wirklichkeit zu haben. „Das macht es für uns leichter, gegenüber Politikerinnen und Entscheidungsträgern zu argumentieren, wenn es um Aufklärung und Veränderung geht.“

Ähnlich äußert man sich bei der Organisation „LGBT+ Danmark“. Zwar sei das Ergebnis „niederschmetternd“, es sei jedoch wichtig, belastbare Zahlen zu haben, so Sekretariatsleiterin Susanne Branner Jessen. Sie sagt zu „Ritzau“: „Es gibt Grenzen, was wir als Organisation selbst tun können. Es ist nötig, dass alle an einem Strang ziehen. Das gilt für muslimische und christliche Freischulen, das gilt für Politikerinnen und Politiker, und das gilt für Gewerkschaften.“

Homophobie im ländlichen Raum weiter verbreitet

Auffällig: Außerhalb der Hauptstadtregion ist der Anteil an Bürgerinnen und Bürgern, die gleichgeschlechtlichen Sex ablehnen, größer. Im Großraum Kopenhagen sind es 10,9 Prozent der Frauen und 19,2 Prozent der Männer.

In Süddänemark – damit auch in Nordschleswig – beträgt der Anteil der Frauen 17,2 Prozent, bei den Männern sind es 35,1 Prozent. Das ist der landesweit höchste Wert. Nur in der Region Nordjütland liegt der Anteil der Frauen mit 17,6 Prozent etwas höher (Männer 33,5 Prozent).

Homophobe Äußerungen auch in Nordschleswig

Niels Christian Aahøj Bech vom Verein „LGBTQ+ Sønderborg“ berichtet, dass sich einige Mitglieder im Alltag sowohl im öffentlichen Raum als auch im Internet mit unangenehmen homophoben Äußerungen konfrontiert sehen. Auch er selbst sei wie erwähnt bereits betroffen gewesen.

Seine Erfahrungen bei Netto seien ein unangenehmes Beispiel dafür, dass LGBTQ+-Personen immer noch nicht frei sie selbst sein können – nicht einmal im öffentlichen Raum, schrieb er in einem Facebook-Beitrag. „Wir sehen es immer wieder: Junge Menschen, ältere Menschen, Regenbogenfamilien und Einzelpersonen werden mit Spott, Blicken, Kommentaren – und im schlimmsten Fall mit Drohungen und Gewalt – konfrontiert.“

Mehr Männer als Frauen mit homophoben Ansichten

Niels Christian Aahøj Bech bei einem Christopher Street Day (CSD) in Flensburg (Flensborg).

Aber es gibt noch eine weitere Erkenntnis: Die Forschenden fanden heraus, dass Homophobie unter Männern (29 Prozent) weit häufiger vorkommt als bei Frauen (14 Prozent) – und ihr Anteil steigt mit dem Alter. 58 Prozent der Männer über 75 Jahren finden Sex zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts als moralisch unakzeptabel. Bei den Frauen sind es 36 Prozent.

Bei den Männern im Alter zwischen 15 und 24 sind es 16 Prozent, bei den Frauen nur 7 Prozent.

„Das bedeutet, dass das Problem in Zukunft möglicherweise an Bedeutung verlieren wird, da die homophobsten Dänen nach und nach sterben“, sagt Frisch. Andererseits sei es traurig, dass immer noch ganze 16 Prozent der jungen Männer homophobe Einstellungen haben.

„Besonders besorgniserregend ist, dass fast drei von zehn dänischen Männern Sex zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts für moralisch inakzeptabel halten“, sagt Morten Frisch.

Einige Bevölkerungsgruppen besonders anfällig

Die Untersuchung zeigt, dass Personen mit homophoben Ansichten häufiger sozial benachteiligt sind und viele von ihnen weder Sexualkundeunterricht in der Schule erhalten noch in ihrer Kindheit mit ihren Eltern über das Thema Sexualität gesprochen haben.

Frisch ergänzt: „Es sind auch Menschen, die stark von Religion beeinflusst sind, nur eine kurze oder gar keine Ausbildung haben, unter wirtschaftlichen Problemen leiden, gesundheitlich angeschlagen sind und ein schlechtes oder nicht funktionierendes Sexualleben haben.“

Religiöse Menschen häufig homophober

Es gibt zudem einen klaren Zusammenhang zwischen Homophobie und religiöser Überzeugung. Homophobe Haltungen sind besonders ausgebreitet unter Personen mit Verbindungen zum Islam, den Zeugen Jehovas, dem Kirchenverein für die Innere Mission (Indre Mission) sowie gewissen christlichen Glaubensgemeinschaften.

„Es ist sehr besorgniserregend, dass Homophobie unter Gläubigen in Dänemark so verbreitet ist, nicht zuletzt unter den Musliminnen und Muslimen im Land, die die größte religiöse Minderheit ausmachen“, sagt Frisch. Nur 17 Prozent der männlichen Muslime und 26 Prozent der weiblichen Muslime finden gleichgeschlechtlichen Sex okay, während ein großer Teil ihn ablehnt.

Sexualkundeunterricht als Pflichtfach

Eine Lösung sieht Forscher Morten Frisch unter anderem in verbessertem Sexualkundeunterricht in Schulen und allen schulischen Ausbildungen. Dies könne man von politischer Seite beschließen. „Der Unterricht sollte außerdem obligatorisch für alle Kinder und Jugendlichen in Dänemark sein.“

Besonders Menschen mit einem niedrigen Bildungsabschluss zeigen in hohem Maße homophobe Einstellungen. „Ich denke, dass es eine naheliegende Möglichkeit gibt, diesen Bereich in der Ausbildung von Vertrauenspersonen stärker in den Fokus zu rücken“, sagt sie.

Das sieht auch Aahøj Bech so: „Ein Teil der Lösung könnte darin bestehen, frühzeitig zu beginnen, beispielsweise mit Unterricht in der Grundschule über die vielfältigen Familienkonstellationen der heutigen Zeit, einschließlich LGBTQ+-Perspektiven.“ Gleichzeitig ist der Verein überzeugt, dass Aufklärung in der breiten Bevölkerung – unter anderem durch Medien wie Radio und Fernsehen – dazu beitragen kann, Verständnis zu fördern und Vorurteile abzubauen.

Frisch sieht politischen Auftrag

Auch Morten Frisch sieht weiteren Handlungsbedarf: „Wir wissen, dass homo- und bisexuelle Menschen besonders häufig psychische und mentale Probleme haben, weil sie homophoben Äußerungen, Diskriminierung und im schlimmsten Fall gewalttätigen Übergriffen und regelrechter Brutalität ausgesetzt sind.“

Daher ist es für ihn auch eine wichtige politische Frage, wie man sich gegenüber Eltern positioniert, die systematisch verhindern, dass ihre Kinder die notwendigen Informationen und den Unterricht darüber erhalten, auf welch unterschiedliche Weise man in diesem Land leben kann.

Mehr Offenheit und Verständnis fördern

Um Verständnis und Aufklärung geht es auch „LGBTQ+ Sønderborg“. „Wir arbeiten kontinuierlich daran, sichere und inklusive Gemeinschaften zu schaffen. Wir veranstalten alle 14 Tage Events – beispielsweise ein Drag-Bingo, das viele Teilnehmende anzieht, darunter einen großen Anteil Heterosexueller. Es ist schön zu sehen, wie dies zu mehr Offenheit und Verständnis auf allen Seiten führt“, sagt der Vorsitzende Aahøj Bech.

„Im August veranstalten wir unsere Pride-Woche mit täglichen Veranstaltungen, zu denen alle willkommen sind. Hier kann man sich informieren, Fragen stellen und sowohl uns aus dem Verein als auch andere treffen, die sich für die Sache engagieren“, sagt er. Die Pride konzentriere sich besonders darauf, die breite Bevölkerung in Nordschleswig und Norddeutschland – insbesondere Flensburg – zu erreichen. „Damit wollen wir Wissen, Dialog und Respekt fördern.“