Kommentar

„Warum es auch okay ist, keinen Führerschein zu haben“

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Praktikant Jakob Münz besitzt bewusst keinen Führerschein. Dafür erntet er gerne mal argwöhnische Blicke. Für ihn ist klar, dass das Leben ohne Führerschein auch Vorteile mit sich bringt.

„Wie, du hast keinen Führerschein?“ Fragen wie diese, meist verbunden mit einem ungläubigen, ja fast schon angsterfüllten Blick, erwarten Menschen ohne Führerschein häufiger. Für viele Leute scheint ein Leben ohne Führerschein kaum vorstellbar zu sein, geradezu grausam.

Ganz verwunderlich ist diese Reaktion nicht. Menschen ohne Führerschein sind eher seltene Exemplare. Nach einer Statistik aus dem Jahr 2012 (aktuellere Daten ließen sich bis zur Veröffentlichung nicht finden) besaßen ungefähr 88 Prozent der Erwachsenen in Dänemark einen Führerschein. Aber sind Menschen ohne ein Auto wirklich völlig aufgeschmissen?

Nicht überall kann man ohne Führerschein auskommen

Die klare Antwort: Es kommt darauf an. Ich selbst habe mich bewusst dazu entschieden, keinen Führerschein zu machen. Dazu muss gesagt werden, dass diese Entscheidung nicht für alle Leute gleichermaßen einfach ist.

Ich bin in Deutschland in der Nähe der Stadt Düsseldorf aufgewachsen und hatte das Privileg, dass dort der öffentliche Personennahverkehr regelmäßig und verhältnismäßig zuverlässig fährt.

Für mich persönlich stellte sich dadurch nie die Frage, ob ich einen Führerschein machen möchte. Ich brauchte ihn schlicht nicht. Wozu dann eine Menge Geld für Fahrstunden und ein Auto ausgeben? Ein positiver Nebeneffekt – nicht nur für mich: Deutlich klimafreundlicher als das Autofahren ist es auch.

Für Leute, die auf dem Land an Orten leben, wo der Bus nur einmal alle zwei Stunden in jeder ungeraden Woche fährt, bedeutet ein Führerschein dagegen Unabhängigkeit und Freiheit.

Mit diesem Thema befasste sich auch der Expertenausschuss für kollektive Mobilität in Dänemark, der im Juli 2024 seinen Teilbericht vorstellte. Daraus geht hervor, dass ungefähr 7 Prozent der Bevölkerung mit öffentlichen Verkehrsmitteln mehr als eine Stunde bräuchten, um morgens in eine Stadt mit mindestens 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu gelangen.

Zudem werden in ländlichen Gebieten rund 70 Prozent aller Fahrten mit dem Auto zurückgelegt. In solchen Orten ist es schwer, ohne einen Führerschein zurechtzukommen.

Mehr Menschen könnten auf den Führerschein verzichten

Allerdings erreichen auch 70 Prozent der Bevölkerung die nächste Stadt mit mindestens 10.000 Einwohnenden morgens an einem Werktag in weniger als 30 Minuten mit dem ÖPNV. Die Möglichkeit, vom Auto auf Bus und Bahn zu wechseln, wäre also zumindest für einige Menschen gegeben.

Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel hat auch viele Vorteile. Fährt man Zug oder Bus, kann man die Zeit, die man sonst damit verbringen würde, sich durch den Berufsverkehr zu schlängeln, für die Arbeit oder Freizeit verwenden.

Wie oft saß ich schon neben meinem Vater im Auto, während er sich über die mangelhaften Fahrkünste der anderen aufregte. Dass die anderen Autofahrenden sein Gemecker ohnehin nicht hören können, hielt ihn da eher nicht auf. Diesem unnötigen Stress entgehe ich zum Glück.

Klar ist trotzdem, dass man weniger spontan ist. Mit dem Auto kann selbst entschieden werden, wann es losgeht, und auch kurzfristige Termine sind meist kein Problem. Ohne Auto muss mehrheitlich mehr Zeit eingeplant werden.

Für mich selbst ist es mittlerweile zum Alltag geworden, einen zeitlichen Puffer einzuplanen, um rechtzeitig bei Terminen zu sein. Fakt ist aber auch, mit ein wenig Erfahrung beim Bus- und Bahnfahren sowie guter Planung kann sich der Aufwand in Grenzen halten. Bei kleineren Strecken lohnt sich außerdem der Griff zum Fahrrad.

Verzicht kann sich auch finanziell lohnen

Auch finanziell kann sich der Verzicht auf ein Auto lohnen. Mir ist selbstverständlich klar, dass dies nicht für jeden und jede gilt. Je nach Nutzungsverhalten und Wohnort kann ein Auto auch günstiger sein. Ich spare mir aber eine Autoversicherung, die Kfz-Steuer, die Anschaffungskosten für ein Auto und den Führerschein sowie die Spritkosten.

In Deutschland kann ich stattdessen für 49 Euro im Monat mit allen Bussen und Regionalzügen durch das ganze Land fahren. Die Rechnung dürfte eindeutig sein.

Hier in Dänemark ist das leider nicht so günstig, doch auch hier gibt es Möglichkeiten, wie Pendlerkarten, Reisekarten oder andere Preismodelle, um möglichst günstig zu fahren.

Abgesehen davon gibt es etwas, das viele Menschen möglicherweise gar nicht im Blick haben: Nicht jede Person möchte gerne Auto fahren.

Meine sporadischen Ausflüge auf Verkehrsübungsplätze liegen schon eine Weile zurück, aber ich habe damals gemerkt, dass das Autofahren und ich keine Freunde mehr werden. Warum also noch einen überforderten Autofahrer mehr auf die Straße loslassen?

Ich fühle mich nicht eingeschränkt dadurch, dass ich keinen Führerschein habe. Im Gegenteil. Meistens macht mir das Reisen mit Bus und Bahn sehr viel Spaß. Das muss nicht für alle gelten. Aber ich kann nur empfehlen, den Führerschein eine Zeit lang zu Hause zu lassen und ein Leben ohne Autofahren mal auszuprobieren.