Geschichte

Zwischen Vaterliebe und Massenmord: Der Nazi und seine behinderte Tochter

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Frits Clausen mit seiner Tochter Inge und daneben der Leiter des deutschen Euthanasie-Programms, Werner Heyde

Däne und Vorsitzender der DNSAP, liebevoller Vater einer behinderten Tochter und eng befreundet mit dem Leiter des deutschen Euthanasie-Programms: Das Leben von Frits Clausen ist voller Widersprüche. Dirk Sina ist in das Leben dieses Mannes eingetaucht, weil die Verbindung aus persönlicher Fürsorge und politischer Rolle ihn nicht losgelassen hat.

„Ich wusste schon länger, dass Frits Clausen eine behinderte Tochter hatte“, sagt Dirk Sina. Der Arzt und Palliativmediziner hat sich mit dem Leben des DNSAP-Vorsitzenden intensiv beschäftigt, seit er ein Foto gesehen hat, das ihn nicht mehr losgelassen hat. „Ein Foto, auf dem Clausen seine Tochter Inge im Arm hält und daneben Werner Heyde in SS-Uniform steht.“ 

Frits Clausen arbeitete als Landarzt und Politiker in Nordschleswig und wurde 1931 zum Vorsitzenden der nationalsozialistischen DNSAP in Dänemark.

Werner Heyde gilt als Hauptverantwortlicher für die Organisation und Durchführung des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms. Er entwickelte die Strukturen, entschied über die Methoden und setzte das systematische Morden an Menschen mit Behinderung im Auftrag von Hitler und Himmler um.

Befreundet mit dem Leiter des Euthanasie-Programms

Frits Clausen führte von 1933 bis 1944 als Vorsitzender die Dänische Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP) und setzte sich für eine enge Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland ein.

Sina ist selbst Arzt und war 32 Jahre lang Vater einer behinderten Tochter. Berührt von dem Thema tauchte er tief in die Motive und Widersprüche von Clausen und seinem Umfeld ein, am Montagabend hielt er in Gravenstein einen Vortrag dazu.

„Ich habe mich gefragt, wie jemand gleichzeitig liebevoll mit seiner Tochter umgehen und für eine Ideologie einstehen kann, die genau solche Menschen zur Zielscheibe macht“, erklärt Sina. 

Clausen hat seine Tochter Inge, die das Down Syndrom hatte, nie versteckt und sie auch zu offiziellen Empfängen mitgenommen. „Das ist für mich ein Zeichen, dass familiäre Bindungen oft gegen politische Zwänge ankämpfen“ , sagt Sina.

Frits Clausen und Werner Heyde lernten sich im Herbst 1943 in einer SS-Klinik in Würzburg kennen, in die Clausen gegen seinen Willen als Patient eingeliefert wird. Ursprünglich sollte Clausen dort wegen Alkoholproblemen und angeblich wegen eines Übergriffs auf eine Krankenschwester behandelt werden. „Frits Clausen dachte zuerst, er sollte dort als Arzt tätig werden“, berichtet Dirk Sina, „aber tatsächlich landet er als Patient in Heydes Klinik und wird dort medizinisch und persönlich betreut.“

Das erste Zusammentreffen in dieser nervenärztlichen Einrichtung prägt den weiteren Verlauf: „Heyde freundet sich mit Clausen an, obwohl Clausen in Wahrheit eher als einfacher, sozialer Typ galt und Heyde war Karrierist. Ich glaube, dass das eine eiskalte Berechnung von Heyde war“, betont Sina. 

Wenn das in der Generation meines Vaters gewesen wäre, nur fünf Kilometer weiter südlich, hätte unsere Tochter nicht überleben dürfen.

Dirk Sina

In den folgenden Monaten entwickelt sich zwischen beiden ein enger Kontakt, Heyde begleitet Clausen nach Berlin und Kopenhagen. Sina vermutet: „Für Heyde war Clausen eine Exit-Strategie, genauso wie andere NS-Funktionäre in Dänemark, sie haben an die Zeit danach gedacht.“

Heyde entwickelt ein enges Verhältnis zu Clausen. „Der Kontakt zwischen den beiden bleibt auch nach Kriegsende bestehen“, sagt Sina.

Das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten geht auf ein von Hitler unterzeichnetes Dekret zurück. „Auf Grundlage dieses Erlasses wurde ab 1939 das sogenannte T4-Programm initiiert“, erklärt Sina. „Menschen mit Behinderung wurden systematisch erfasst und in sechs speziellen Einrichtungen ermordet.“

Die Vernichtungsanstalt Hadamar, eine von sechs Standorten, an denen die Nationalsozialisten Menschen mit Behinderungen umbrachten und verbrannten.

Werner Heyde entwickelte dabei Techniken und Abläufe für die Tötung, die sich in perfider Weise in der späteren Vernichtungspolitik gegen Jüdinnen und Juden und andere Gruppen widerspiegeln. „Die Vernichtung sogenannten ‚unwerten Lebens‘ erhält erst durch Vorbilder wie Binding und Hoche in den 1920er-Jahren eine pseudowissenschaftliche Grundlage“, sagt Sina. „Diese wurde dann unter dem Deckmantel von Kriegsnotwendigkeit und Sozialhygiene von der NS-Führung zur systematischen Gewalt.“

„Wie konnte es also sein, dass Frits Clausen mit so einem Menschen befreundet war – und seine Tochter nicht versteckte, sondern sogar zu offiziellen Empfängen mitnahm?“, fragte sich Dirk Sina. Und er begann, diese Geschichte zu recherchieren.

Er formuliert sein persönliches Empfinden: „Ich glaube, ich hätte sonst die Energie nicht gehabt, das alles zu untersuchen. Es hat mich wirklich unheimlich berührt.“ 

Das Dekret von Adolf Hitler, mit dem der Massenmord an Menschen mit Behinderungen in die Wege geleitet wurde.

Die Tochter von Dirk und Karin Sina starb 2022. Über die eigene Familiengeschichte sagt er: „Es hat mich total berührt und beschäftigt. Und jetzt unter dieser Arbeit sind mir nochmal viele Sachen in meiner eigenen Familie aufgegangen.“

Sinas Großvater war ebenfalls Arzt – und unterstützte als Funktionär der Nationalsozialisten innerhalb der Ärzteschaft ein Regime, das behinderte Menschen ermordete. „Ich bin sicher: Mein Großvater, er hat Kerstin nicht mehr kennengelernt, hätte sie geliebt. Da bin ich mir ganz sicher.“

Die Geschichte wird für ihn besonders spürbar in Bezug auf den möglichen Ausgang für die eigene Tochter: „Wenn das in der Generation meines Vaters gewesen wäre, nur fünf Kilometer weiter südlich, hätte unsere Tochter nicht überleben dürfen.“

Frits Clausen, 1893-1947