10 Jahre Grenzkontrollen

Racial Profiling: „Man fühlt sich wie ein Mensch zweiter Klasse“

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Zwei Stimmen, ein Thema: So erleben Kirubalini Subenthiranathan und Nano Goosmann Personenkontrollen im Alltag.

Was ist es für ein Gefühl, immer wieder kontrolliert zu werden, nur wegen des Aussehens? Kirubalini Subenthiranathan und Nano Goosmann teilen ihre Erfahrungen und erzählen – einerseits mit Wut und Erschöpfung, andererseits humorvoll und zugleich ernüchtert – wie sie die Kontrollen an der deutsch-dänischen Grenze erleben und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Ein paar Sekunden Blickkontakt mit den Beamtinnen und Beamten genügen. Ein kurzer, aber deutlich spürbarer Moment des Abwägens. Und jedes Mal dasselbe Gefühl. „Gleich werde ich rausgewinkt. Wieder.“

Die Grenzlandmedien „JydskeVestkysten“, „Flensborg Avis“, „Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag“ und „Der Nordschleswiger“ berichten in diesen Tagen über die Lage an der Grenze. Grund sind die von Dänemark vor 10 Jahren eingeführten Grenzkontrollen.

Kirubalini Subenthiranathan und Nano Goosmann gehören zur deutschen Minderheit. Sie sind in Dänemark und in Deutschland aufgewachsen, tief in der Region verwurzelt, Kirubalini besitzt sowohl die deutsche als auch die dänische Staatsbürgerschaft, Nano die deutsche, und beide sind beruflich erfolgreich – und dennoch erleben sie im Alltag Situationen, in denen ihr Aussehen wichtiger zu sein scheint als ihr Verhalten.

Kirubalinis Geschichte: Ein ständiger Generalverdacht

„Wenn sie mich anschauen, mein Auto mustern und bei mir jedes Mal ein bisschen länger überlegen, dann habe ich immer sofort das Gefühl: Die werden mich rausziehen“, sagt Kirubalini. 

„Ich habe das Gefühl, dass man mir unterstellt, ich hätte etwas angestellt oder würde gleich etwas anstellen – dass man davon ausgeht, dass irgendetwas nicht stimmen kann. Dann fühlt man sich wie ein Mensch zweiter Klasse.“

Die Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) kam als Zweijährige von Sri Lanka nach Deutschland. Heute lebt sie in Rothenkrug (Rødekro) und fährt regelmäßig mit dem Auto über die deutsch-dänische Grenze, um einzukaufen oder die Familie zu besuchen. 

Was ist Racial Profiling?

Racial Profiling bezeichnet polizeiliche oder behördliche Maßnahmen, bei denen Menschen allein aufgrund äußerlicher Merkmale wie Hautfarbe, ethnischer Herkunft, Religion oder Sprache verdächtigt, kontrolliert oder benachteiligt werden, ohne dass ein konkreter Anlass vorliegt.

Als die Grenzkontrollen eingeführt wurden, sei sie in den ersten Jahren gefühlt jedes Mal rausgewinkt und kontrolliert worden. In letzter Zeit habe dies zwar abgenommen, aber auch jetzt werde sie noch häufiger angehalten als beispielsweise ihre Arbeitskolleginnen und -kollegen. 

„Dass man als dunkelhäutige Person automatisch noch mehr beäugt wird, das ist kein schönes Gefühl. Ich bin ein korrekter Mensch, und wenn das immer wieder infrage gestellt wird, fühlt man sich überhaupt nicht wohl. Ich habe dadurch immer das Gefühl, mich beweisen zu müssen, noch korrekter sein zu müssen als alle anderen. Das nagt an einem.“

Ein Jahrzehnt Grenzkontrollen 

Seit einem Jahrzehnt kontrolliert Dänemark wieder den Grenzverkehr bei der Einreise ins Land. Nach Angaben des stellvertretenden Polizeiinspekteurs für Südjütland und Nordschleswig, Karsten Høy, beruhen die Kontrollen auf „konkreten polizeifachlichen Bewertungen“ und äußere Merkmale wie Hautfarbe spielten dabei keine Rolle. Kontrolliert würden vor allem Personen aus Drittstaaten, Reisende außerhalb des Schengen-Raums sowie Menschen ohne dänischen Pass. „Die Auswahl erfolgt stichprobenartig sowie analyse- und nachrichtenbasiert“, so Høy.

Studien legen nahe, dass ethnische Minderheiten in Dänemark häufiger polizeilichen Kontrollen ausgesetzt sind. Laut einem Bericht des Danish Institute for Human Rights (2022) besteht bei der Strafverfolgung eine Überrepräsentation von Minderheiten. Auch die European Commission against Racism and Intolerance (ECRI) weist auf Risiken für ethnisches Profiling hin, insbesondere durch weitreichende „Stop-and-Search”-Befugnisse ohne konkreten Verdacht. 

Ähnliche Beobachtungen gibt es auch in Deutschland: Seit Wiedereinführung der Grenzkontrollen im Jahr 2024 häufen sich Beschwerden über Racial Profiling, wie der Bundespolizeibeauftragte Uli Grötsch berichtet.

Die Erfahrungen von Kirubalini zeigen, dass Grenzkontrollen auch soziale Wirkungen haben. Für viele Pendlerinnen und Pendler sind die Beamtinnen und Beamten ein höfliches, routiniertes Hindernis im Alltag. Für Kirubalini sind sie dagegen eine ständige Erinnerung daran, dass sie anders wahrgenommen wird – obwohl sie hier aufgewachsen ist.

Nanos Erfahrungen: Der Luftballon-Moment

Während in Kirubalinis Stimme vor allem Wut und Erschöpfung mitschwingen, erzählt Nano Goosmann mit Humor von einem fast filmreifen Erlebnis beim Überqueren der Grenze. Doch auch er kennt das Gefühl, aufgrund des Aussehens anders behandelt zu werden. 

„Als ich vor ein paar Jahren mit dem öffentlichen Bus von Deutschland über die Grenze nach Dänemark fuhr, kamen die mit Blaulicht hinter unserem Bus her bis zur nächsten Station. Ich hatte mich hingelegt und war weggenickt – sie dachten wohl, ich würde mich verstecken.“

Der Einsatztrupp kontrollierte nicht den ganzen Bus, sondern ging direkt zu ihm. „Man sah ihnen an, dass sie dachten: Jetzt haben wir endlich einen Flüchtling rausgeholt.“ 

Wie ein Ballon, aus dem die Luft rausgeht.

Nano Goosmann

Dann sprach Nano die Beamten auf Sønderjysk an. „Das war wie ein Ballon, aus dem die Luft rausgeht. Der Pass wurde kaum noch angeschaut, und die vier Polizisten sind enttäuscht in ihren Container zurück gekrabbelt.“

Nano lacht, wenn er diese Geschichte erzählt. Doch dahinter liegt auch eine Spur Ernüchterung.

„An Flughäfen ist es schlimmer“

Nano, in Flensburg aufgewachsen, heute Head of Department bei Norstat in Aarhus, lebt inzwischen in Sonderburg (Sønderborg). Während der 31-Jährige an der Landesgrenze selten das Gefühl hat, herausgepickt zu werden, erlebt er vor allem an Flughäfen das Gegenteil.

„Ich bin öfter über die Grenze gefahren, ohne kontrolliert zu werden, als dass ich kontrolliert wurde. Ganz anders ist es in Flughäfen. Auch wenn ich mit Freunden reise, bin ich der Einzige, der noch einen Drogen- oder Sprengstofftest bekommt. Eine Zeit lang war das wirklich bei jedem Flug. Sie sagen mir dann, jeder Zehnte werde nach Zufallsprinzip rausgezogen. Wenn das tatsächlich auf einem Zufallsalgorithmus beruhen würde, müsste ich ja aber auch nur eines von zehn Malen rausgezogen werden.“

Nano spricht ungern von klassischem Rassismus. Und er weist darauf hin: Auch Beamtinnen oder Beamte mit eigener Migrationsgeschichte hätten ihn schon öfter kontrolliert. Racial Profiling sei ihm zufolge ein strukturelles Risiko, das sich unbewusst in alltägliche Routinen einschleichen könne, selbst wenn kein Gesetz es vorschreibe.

Was müsste sich ändern? „Ich wünsche mir Transparenz“

Kirubalini sagt ebenfalls, dass die Grenzpolizistinnen und -polizisten ihr „nichts Böses wollen“ und „ja auch nur ihre Arbeit machen“. Sie wünscht sich aber vor allem eins – Nachvollziehbarkeit: „Ich würde mir mehr Transparenz wünschen und gerne wissen wollen, nach welchen Kriterien man die Leute rauszieht.“ Zum Beispiel könne dokumentiert werden, wer wie häufig kontrolliert wird. 

„Eine Idee wäre vielleicht, dass man eine Übersicht hat oder Kennzeichen einscannt, wer tagtäglich über die Grenze fährt. Dadurch würde man auch nicht unnötig Pendler rausziehen, die mal eben nur einkaufen oder ihre Familie besuchen. Ich gehe doch auch nur einkaufen, wie alle anderen Dänen.“ Wichtig seien ein gesetzlicher Rahmen und klar kommunizierte Kontrollstrategien statt eines reinen Bauchgefühls.

Dieser Wunsch deckt sich mit den Forderungen von Menschenrechtsorganisationen sowie Expertinnen und Experten, die zu Schulungen von Beamtinnen und Beamten aufrufen, in denen implizite Vorurteile thematisiert werden, die Wirkung von Kontrolle auf Betroffene erklärt wird und Routinen hinterfragt werden. 

Trotz ihrer Erfahrungen mit Racial Profiling ist es sowohl Kirubalini als auch Nano wichtig zu unterstreichen, dass die Beamtinnen und Beamten ihnen gegenüber an der deutsch-dänischen Grenze im Gespräch stets freundlich und respektvoll auftraten. 

Deshalb bin ich froh, hier in Dänemark zu sein, wo man mit seinen Mitmenschen in einer respektvollen Art und Weise umgeht.

Kirubalini Subenthiranathan

„Der respektvolle Umgang ist hier noch vorhanden, und heutzutage muss man das schon wertschätzen. Es geht nämlich auch anders, was man derzeit leider in anderen Ländern sieht. Deshalb bin ich froh, hier in Dänemark zu sein, wo man mit seinen Mitmenschen doch in einer respektvollen Art und Weise umgeht“, so Kirubalini abschließend.