Zeitgeschichte

Der Schreibtischtäter aus der Minderheit, der die dänische Juden-Liste erstellte

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Lorenz Christensen kam auf Nordalsen zur Welt und galt in der Besatzungszeit als Judenreferent des Auswärtigen Amtes, der Informationen über jüdische Mitmenschen sammelte und an die Nationalsozialisten weitergab.

Ein Mann aus der deutschen Minderheit trug aktiv zur Judenverfolgung im Nationalsozialismus bei. Gerichtsdokumente aus dem Reichsarchiv beschreiben die Taten von Lorenz Christensen, der den Nationalsozialisten unter anderem Listen und Berichte über jüdische Mitmenschen zuspielte.

Lorenz Christensen war ein Schreibtischtäter aus den Reihen der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Er schrieb zwei antisemitische Standardwerke und gründete 1940 in Apenrade (Aabenraa) die Sippenkanzlei.

Das Deutsche Museum für Nordschleswig arbeitet Christensens Wirken auf. Eingesehene Gerichtsunterlagen dokumentieren das Wirken und Denken von Christensen, der 1892 auf der Insel Alsen (Als) zur Welt kam.

Christensen erstellte Berichte und Listen über jüdische Menschen in Dänemark und gab deren Namen und Wirken an die deutsche Besatzungsmacht weiter. Als im Oktober 1943 die Verhaftungswelle gegen Jüdinnen und Juden begann, konnten die Nationalsozialisten auch aufgrund von Christensens Listen gezielt zuschlagen.

1948 verurteilte ihn das östliche Landesgericht zu sechs Jahren Gefängnis. Die Vorwürfe: Verstoß gegen das Rassismusverbot und Judenverfolgung.

Die Gerichtsdokumente bringen neue Erkenntnisse, was genau Christensen getan hat. „Ich würde ihn aus unserer heutigen Sicht als einen der Chef-Ideologen im antisemitischen Bereich festnageln. Nicht nur für die Minderheit, sondern für ganz Dänemark. Einer, der ganz vorn mit dabei war“, sagt Hauke Grella, Leiter des Deutschen Museums in Nordschleswig.

Das Deutsche Museum für Nordschleswig ist beim Aufarbeiten alter Dokumente auf das Wirken von Lorenz Christensen aufmerksam geworden.

In zwei Büchern schrieb Christensen über die Weltverschwörung des Judentums und münzte antisemitisches Denken auf die dänische Wirtschafts- und Finanzwelt. Er galt inoffiziell als dänischer Judenreferent des Auswärtigen Amtes.

„Einigen Hundert gelang die Flucht nicht“

Hauke Grella zweifelt nicht daran, dass Christensens „Juden-Listen“ dazu beigetragen haben, jüdische Mitmenschen in Dänemark der Gestapo auszuliefern. „Wir wissen, dass ein Großteil der dänischen Juden nach Schweden fliehen konnte. Aber einigen Hundert gelang die Flucht nicht, und das wird auch aufgrund von Christensens jüdischer Listen gewesen sein.“

481 der insgesamt etwa 7.500 dänischen Jüdinnen und Juden wurden im Oktober 1943 verhaftet und deportiert.

Aus Briefen von 1943 geht hervor, dass Christensen direkt mit dem SS-Obergruppenführer Werner Best kommunizierte, dem Reichsvollbemächtigten in Dänemark. Briefe dokumentieren, dass Christensen die Listen Werner Best übermittelte.

In diesem Brief bittet ein Mann namens Peter Kragh Lorenz Christensen um Mithilfe, um „die jüdische Versippung von Bjørn Svensson“ zu untersuchen.

Christensen selbst spricht von einem Justizmord und versucht nach dem Krieg, sein Wirken mit Aufträgen, Befehlen und Anweisungen zu verteidigen. Dem Museum liegt ein rund fünf Zentimeter dicker Stapel von Briefen vor, die Christensen nach Entlassung aus seiner Haft getippt hat. Mit Unterstützung der deutschen Minderheit kämpft er um die Anerkennung und Auszahlung seiner Pensionsansprüche.

„Aus den Briefen geht nicht hervor, dass Christensen seiner Meinung nach etwas Unrechtes getan hat“, sagt der Museumsleiter.

Korrekturleser und Rezensent beim „Nordschleswiger“

Der Wirtschaftsberater blieb auch nach seiner Haft der deutschen Minderheit verbunden: 1953 übernahm er den Ortsvorsitz des BDN (Bund Deutscher Nordschleswiger) in Apenrade, und 1958 trat er als 66-Jähriger eine Stelle als Korrekturleser und Rezensent beim „Nordschleswiger“ an. Er verstarb 1965 in Apenrade.

Dass Menschen aus den Reihen der Minderheit aktiv an der Judenverfolgung mitgearbeitet haben, müsse weiter aufgearbeitet werden, sagt Hauke Grella. „Das ist eine unserer Aufgaben. Wir werden das in den kommenden Jahren weiter erforschen und aufarbeiten.“

Ein internes Museumsdokument hat die Eckdaten über „Lorenzo“ Christensen, wie er von vielen genannt wurde, zusammengefasst.