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Silbermöwen: So werden sie in Sonderburg geschossen

Silbermöwen: So werden sie in Sonderburg geschossen

Silbermöwen: So werden sie in Sonderburg geschossen

Sonderburg/Sønderborg
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Wenn im Alsensund nichts mehr zu holen ist, weichen die Silbermöwen auch auf Mülleimer aus, um dort Fressbares zu finden. Foto: Karin Riggelsen

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Der von der Kommune angeheuerte sogenannte Regulierungsjäger hat in knapp zwei Monaten lediglich fünf Möwen geschossen. Die Ausbreitung des Vogels, der vielen in Sonderburg zur Last fällt, soll aber auch auf andere Weise verhindert werden.

In Sonderburg werden Möwen geschossen – diese Nachricht sorgte in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen in Deutschland. Doch worum geht es eigentlich?

Wer sich in der Sonderburger Innenstadt aufhält, kann die Silbermöwe weder übersehen noch überhören: Der bis zu 65 cm große Vogel mit einer Flügelspannweite von 1,55 Metern und dem charakteristischen gelbgrünen Schnabel kommuniziert mit durchdringenden Schreien.

Auf diese Weise haben die allerorts präsenten Silbermöwen nicht zuletzt die Mitarbeitenden des Rathauses, Touristinnen und Touristen und auch die Politikerinnen und Politiker bei verschiedenen Treffen mit ihrem kreischenden Lärm geplagt, wenn beispielsweise im Rathaus gearbeitet wird.

Sondergenehmigung von der Naturbehörde

Und es ist nicht nur der Krach, der die Bürgerinnen und Bürger und nicht zuletzt auch die Gäste der Hafenstadt irritiert. Die Möwen, die ihr Futter eigentlich in der Natur an der Küste finden, sind in die Stadt gezogen, um sich dort bei den Cafés und Restaurants rund um das Rathaus ihr Futter zu holen, oder in Mülltonnen nach Fressbarem zu suchen. Zudem stehlen sie die Eier und kleine Jungvögel von anderen Vögeln. 

Das Problem wurde immer größer, sodass die Kommunalverwaltung schließlich beschloss, der Möwenplage etwas entgegenzusetzen. Die Verantwortlichen stellten fest: Es gibt schlicht zu viele hungrige und schreiende Silbermöwen in der Stadt am Alsensund. Deshalb hat die Naturbehörde der Kommune Sonderburg Anfang des Jahres die besondere Erlaubnis erteilt, die Zahl der unter Naturschutz stehenden Silbermöwe auf dem Rathausmarkt vom 1. Februar bis 15. April von einem Jäger begrenzen zu lassen.

Die für den Möwenabschuss zuständige Mitarbeiterin Lisa Nielsen und Jäger Svend Aage Juhler mit seinem Jagdhund Oda Foto: Ilse Marie Jacobsen

Die Kommune hat daher den für die Regulierung zuständigen Jäger Svend Aage Juhler (78) für diese Aufgabe engagiert. Er und seine Deutsch Drahthaar-Hündin Oda durchkreuzen seit fast zwei Monaten immer wieder den Bereich am Rathaus, um auf den hohen Dächern der Kommune nach großen Silbermöwen Ausschau zu halten. 

Sitzen die Vögel auf dem Dach eines für diesen Zweck gutgeheißenen kommunalen Gebäude, erlegt Juhler sie mit einem Kleinkalibergewehr. Landet der tote Vogel auf dem Boden, holt die abgerichtete Hündin Oda die Beute. „Wenn das Tier oben auf dem Dach liegen bleibt, dann bleibt es halt dort“, so der erfahrene Jäger, der seit seinem 16. Lebensjahr auf die Jagd geht.  

Deutsche Medien schauen nach Sonderburg

Im Augenblick werden keine Silbermöwen in der Innenstadt geschossen. „Die befinden sich im Augenblick alle auf den Düppeler Schanzen auf den Feldern. Dann sind sie gar nicht hier“, so Svend Aage Juhler.

Der nicht zuletzt in den deutschen Medien – ob Bayerischer Rundfunk, Stern oder Spiegel – mittlerweile häufig erwähnte Möwen-Abschuss in Sonderburg ist bislang überschaubar. „Fünf Möwen“, stellt die zuständige Umwelt-Mitarbeiterin der Kommune, Lisa Nielsen, nüchtern fest. Zwei der Vögel wurden zur Analyse des Mageninhalts in ein Labor bei Kalø geschickt. Svend Aage Juhler wollte wissen, was die weißen Möwen zu sich genommen hatten. 

Die Leute, die hier auf dem Rathausmarkt sitzen, werfen ihnen vielleicht auch etwas Essen zu. Oder die Tische werden nicht schnell genug nach dem Verlassen der Gäste abgeräumt. Dann sind die Möwen sofort da.

Svend Aage Juhler

Eigentlich ernähren sich Silbermöwen von Fischen, Insekten, Würmern, Schnecken, Musscheln, Eiern, kleinen Küken, Obst und Seeigeln. „Aber jetzt finden sie draußen im Wasser ja nichts mehr“, so Svend Aage Juhler. Deshalb suchen sie sich andere Orte, wo sie sich schnell etwas stibitzen können. Aber nicht, indem sie die Menschen attackieren, wie Lisa Nielsen hervorhebt: „Das hatten wir hier nicht.“

Das Problem liegt auch bei den Menschen. „Die Leute, die hier auf dem Rathausmarkt sitzen, werfen ihnen vielleicht auch etwas Essen zu. Oder die Tische werden nicht schnell genug nach dem Verlassen der Gäste abgeräumt. Dann sind die Möwen sofort da“, so der Jäger. Er reguliert nicht nur Möwen. Das zehnköpfige feste Regulierungsteam der Kommune geht auch auf die Jagd nach Mardern, Füchsen und Tauben. 

Möwen sollen vorzugsweise verscheucht werden

Die Kommune will den vielen Möwen auch auf andere Weise zu Leibe rücken – oder sie besser gesagt verscheuchen. So soll der Jäger Svend Aage Juhler künftig eine gelbe Reflexweste tragen. Dann werden die scheuen Möwen sofort verschwinden, wenn auch die anderen Mitarbeiter der Kommune mit ihren gelben Westen in einer anderen Funktion auf den Rathausmarkt kommen. 

 

Lisa Nielsen und Svend Aage Juhler trafen sich am Dienstag bei eiskalten und windigen 5 Grad vor dem Sonderburger Rathaus am Alsen-Mädchen mit einem Journalisten des Senders Sat1. Videoreporter Kevin Laske hatten via SHZ über die Silbermöwen-Plage in Sonderburg gehört. Foto: Ilse Marie Jacobsen

Ein weiteres Projekt, das im April in Angriff genommen wird, ist das Abspülen von neuen Möwen-Nestern auf den Dächern. Die Vögel sollen mithilfe von Drohnen entdeckt und bei ihrem Nesterbau und damit auch bei der Fortpflanzung gestört werden, bevor auf dem Dach eine neue Kolonie entsteht. Dafür braucht die Kommune grünes Licht von jeder betroffenen Hausbesitzerin oder jedem Hausbesitzer. 

Ein Silbermöwen-Paar kann jedes Jahr drei bis fünf Jungvögel aufziehen, sie werden zwischen 20 und 30 Jahre alt. Silbermöwen haben keine natürlichen Feinde. So haben die Silbermöwen sich unter anderem auch unter den Solarzellenanlagen auf dem Dach des Sonderburger Krankenhauses eingenistet, so Lisa Nielsen. 

Auch in anderen Städten wird der Möwenbestand reguliert

Dass Sonderburg mit der Möwen-Jagd so auf sich aufmerksam gemacht hat, darüber können Lisa Nielsen und Svend Aage Juhler nur den Kopf schütteln. Die Silbermöwen würden nicht nur in Sonderburg, sondern auch schon in einigen deutschen Städten und unter anderem auch in Aalborg und Apenrade (Aabenraa) mithilfe eines Jägers reguliert.

Die Silbermöwe steht prinzipiell unter Naturschutz. Sie darf lediglich mit einer besonderen Erlaubnis geschossen werden und ist laut der Sonderburger Kommune keine bedrohte Art. Sie wurde lediglich geschützt, um auf Sturmmöwen, Mantelmöwen und Heringsmöwen aufpassen zu können. 

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Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
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