Deutsche Minderheit

Geld fehlt, Gebäude bröckeln – 36 Millionen Euro Investitionsbedarf

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BDN-Generalsekretär Uwe Jessen forderte bei der Sitzung des Nordschleswig-Gremiums in Kopenhagen mehr Investitionsbereitschaft aus Berlin – insbesondere für den geplanten Campus Apenrade.

Die Gebäude der deutschen Minderheit sind vielerorts sanierungsbedürftig, doch das Geld fehlt. Ein Investitionsstau in Millionenhöhe und drohende Kürzungen aus Berlin bringen das finanzielle Gleichgewicht ins Wanken. Der Druck wächst – und mit ihm der Appell nach stärkerer Unterstützung.

Die deutsche Minderheit sieht sich unter finanziellem Druck – insbesondere mit Blick auf die Fördermittel aus Berlin. „Wir stehen vor großen Investitionsherausforderungen. Doch die Lage ist angespannt – besonders in Bezug auf die Bundesmittel“, sagte Hinrich Jürgensen, Vorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), bei der Sitzung des Nordschleswig-Gremiums am Montag in der Deutsch-Dänischen Handelskammer in Kopenhagen.

Zwar sei man für die Grundförderung aus Berlin dankbar, doch sie reiche längst nicht mehr aus – weder für dringend nötige Investitionen noch zur Abfederung gestiegener Kosten. Die institutionelle Förderung aus Deutschland – bereitgestellt durch das Bundesministerium des Innern – sei über Jahre hinweg nicht oder nur minimal angepasst worden, und das trotz anhaltend hoher Inflation.

Das Nordschleswig-Gremium ist ein gemeinsames Forum des Schleswig-Holsteinischen Landtags und der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Vertreterinnen und Vertreter beider Seiten tauschen sich regelmäßig über politische, kulturelle und gesellschaftliche Themen aus. Ziel ist es, die Belange der deutschen Minderheit zu stärken und den grenzüberschreitenden Dialog zu fördern.

2025 habe es eine kleine Erhöhung für den Personalbereich gegeben, doch der Bundesanteil an der Gesamtförderung der deutschen Minderheit sei auf nur noch 19 Prozent gesunken – während Dänemark inzwischen 56 Prozent trage.

Es muss jetzt etwas passieren!

Uwe Jessen

„Rechnet man die Förderungen beider Minderheiten zusammen, liegt der dänische Anteil sogar bei über 70 Prozent“, so Jürgensen. Das werde zunehmend auch in Kopenhagen zum Thema: „Die Frage nach dem deutschen Anteil wird uns immer häufiger gestellt“, erklärte er. „In Berlin war diese Entwicklung bekannt – das Problem ist nur: Viele unserer politischen Freunde sind dort inzwischen nicht mehr im Amt.“

36 Millionen Euro Investitionsbedarf

Besonders herausfordernd sei die Lage bei den Investitionen. Die Liste notwendiger Maßnahmen umfasst inzwischen 36 Millionen Euro – vor wenigen Jahren waren es noch 30 Millionen. „Mit den heutigen Förderhöhen können wir diese Liste nicht einmal ansatzweise abarbeiten – im Gegenteil: Sie wächst jedes Jahr weiter“, so Jürgensen. Viele Gebäude stammen noch aus den 1950er- und 1960er-Jahren, sind sanierungsbedürftig und verursachen hohe laufende Kosten.

Campus Apenrade: Hoffnungsträger mit Signalwirkung

Ein zentrales Zukunftsprojekt ist der geplante Campus Apenrade. Der Neubau soll das marode Internat des Deutschen Gymnasiums (DGN), zwei Kindergärten, Klassenräume und eine Kantine unter einem Dach vereinen. Ursprünglich mit 18 Millionen Euro veranschlagt, liegt der Projektwert inzwischen bei rund 22 Millionen – nicht zuletzt wegen gestiegener Baukosten. Immerhin sind dank staatlicher Mittel aus Dänemark bereits 750.000 Euro für zwei neue Klassenräume gesichert. Der Bau ist bereits im Gang.

Ein Drittel der Gesamtkosten könnte durch Eigenmittel und dänische Förderungen gestemmt werden. Dennoch fehlen noch wichtige Millionenbeträge. „Wir reden also nicht davon, dass der Bund die vollen 22 Millionen tragen müsste“, betonte Jürgensen. Ein moderner Campus sei nicht nur dringend nötig, sondern langfristig auch wirtschaftlich sinnvoll: „Er würde Platzprobleme lösen und zugleich die Betriebskosten senken.“

Das Nordschleswig-Gremium bringt Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Minderheit und des Schleswig-Holsteinischen Landtags zusammen – für Austausch, Beratung und politische Unterstützung.

Knappe Mittel zwingen zu harten Entscheidungen

Wie ernst die Lage ist, zeigt die Schließung des Deutschen Kindergartens in Wilsbek zum 30. Juni. „Die Entscheidung fiel uns sehr schwer“, so Jürgensen. „Aber wir müssen gezielt dort investieren, wo der Zulauf stark ist.“ Zum Stichtag am 1. August 2025 werden voraussichtlich insgesamt 602 Kinder in den deutschen Kindergärten der Minderheit betreut – im Vorjahr waren es noch 679.

Simone Sippel Pedersen, designierte Schulrätin des Deutschen Schul- und Sprachvereins (DSSV), erklärte: „Vor allem ländliche Kindergärten spüren den demografischen Wandel.“ Ohne Bundesmittel könne der Personalschlüssel nicht gehalten werden.

Wir bezeichnen dies als weiße Flecken auf der Landkarte, wo die deutsche Minderheit nicht mehr präsent ist.

Hinrich Jürgensen

Im Schulbereich hingegen sind die Zahlen stabil oder leicht steigend: Im September 2024 besuchten 1.507 Schülerinnen und Schüler die deutschen Schulen – im kommenden Jahr werden es voraussichtlich 1.532 sein. Das Deutsche Gymnasium in Apenrade (DGN) erwartet ab August 207 Schülerinnen und Schüler – so viele wie nie zuvor.

„Eigentlich wollten wir unter 200 bleiben“, sagte Sippel Pedersen. Der Platzmangel und das marode Internat machen sich bemerkbar. Der BDN mietet aktuell fünf Wohnungen an, um Schülerinnen und Schüler des DGN unterzubringen – ein zusätzlicher Kostenfaktor.

Förderlücke aus Berlin

Auch BDN-Generalsekretär Uwe Jessen verdeutlichte den finanziellen Engpass: Der Bund stellt aktuell 11,24 Millionen Euro an institutioneller Förderung im Jahr 2025 bereit. Für Investitionen beantragte der BDN 1,51 Millionen Euro – bewilligt wurden nur 614.000. Und der Blick nach vorn verheißt wenig Besserung: Im vorläufigen Finanzplan für 2026 – der Entwurf wurde noch vor dem Regierungswechsel aufgestellt – ist eine institutionelle Förderung von nur noch 10,55 Millionen Euro vorgesehen. Eine Erhöhung der Investitionsmittel ist nicht in Sicht.

„Wenn wir für 2026 keine Aufstockung erhalten, stehen wir real eine Million Euro schlechter da“, so Jessen. Und selbst mit einer Projektförderung in Höhe von einer Million jährlich lasse sich der Investitionsstau nicht im Ansatz beheben. Für den geplanten Campus brauche es jetzt klare politische Signale.

„Wir könnten theoretisch auch einen Campus für 17 oder 18 Millionen bauen – aber es muss jetzt etwas passieren!“, forderte Jessen. „Doch mit 600.000 Euro oder auch mit einer Million für investive Mittel können wir gerade mal Fenster und Dächer sanieren – dort, wo es am schlimmsten ist.“

Ein Dank an Kiel

Von Schleswig-Holstein hingegen kommt Planungssicherheit: Ein neuer Zuwendungsvertrag sichert der Minderheit 9,5 Millionen Euro bis 2028 zu – das entspricht rund vier Prozent der Gesamteinnahmen.

Neu ist auch die Unterstützung für das Museum Nordschleswig: Das Land zahlt künftig jährlich 97.000 Euro. Sekretariatsleiter Harro Hallmann zeigte sich zuversichtlich, dass bald auch Dänemark eine ähnliche Förderung beisteuert.

Harro Hallmann, Uwe Jessen und Hinrich Jürgensen (v.l.) dankten unter anderem Landtagsvizepräsidentin Anabell Krämer, Landtagsdirektor Prof. Dr. Utz Schliesky und Bettina Hagedorn (SPD) für ihre Unterstützung.

Ausblick: Hoffnung auf Haushaltsverhandlungen

Am Ende bleibt die Hoffnung, dass Berlin die Signale aus Nordschleswig ernst nimmt. „Die Schließung des Kindergartens in Wilsbek war eine sehr schmerzhafte Entscheidung“, sagte Jürgensen. „Wir bezeichnen dies als weiße Flecken auf der Landkarte, wo die deutsche Minderheit nicht mehr präsent ist. Aber diese Entscheidung zeigt auch, dass wir mit unseren Mitteln sehr verantwortungsvoll umgehen.“

Das könnte in den bevorstehenden Haushaltsverhandlungen helfen – denn es braucht nun jede Menge Überzeugungsarbeit. „Wir hoffen, dass uns in Berlin zugehört wird“, so Jürgensen.