Lokalgeschichte

Vor 100 Jahren Weihnachtsfeier für 180 Kinder in Tingleff

Vor 100 Jahren Weihnachtsfeier für 180 Kinder in Tingleff

Vor 100 Jahren Weihnachtsfeier für 180 Kinder in Tingleff

Tingleff/Tinglev
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Das Bahnhofshotel in Tingleff war 1905 erbaut worden. Das stattliche Gebäude unterstrich die Bedeutung des Ortes als Bahnknotenpunkt. Hier kreuzen sich die Verbindungen von Hoyerschleuse bis Sonderburg und von Flensburg nach Fredericia. Foto: Archiv DN

Die „Neue Tondernsche Zeitung“ berichtete am 23. Dezember 1920 über eine Großveranstaltung im Bahnhofshotel. Der Vortrag am Festabend war von „Liebe zur alten Heimat durchglüht“.

Im zu Ende gehenden Jahr 1920 ist viel über die Volksabstimmungen in Nord- und Mittelschleswig am 10. Februar und 14. März 1920 sowie die am 15. Juni 1920 erfolgte staatsrechtliche Abtretung des laut Ergebnisses in der Abstimmungszone 1 an Dänemark zu übertragenden Gebietes berichtet worden. Doch wie ging es weiter, nachdem sich Hoffnungen in der deutschen Bevölkerung Nordschleswigs zerschlagen hatten, es könnten grenznahe Orte wie Tingleff, Tondern oder Hoyer mit deutlichem Votum für einen Verbleib bei Deutschland aus dem laut Friedensvertrag von Versailles an Dänemark zu übertragenden Territorium laut En-bloc-Votum „herausgeschnitten werden“?

Deutsche Minderheit formierte sich

In Tingleff formierten sich nach und nach Institutionen der deutschen Volksgruppe, die im September 1920 bereits in Nordschleswig mit der neuen Liste „Schleswigsche Partei“ ein Mandat im dänischen Folketing erringen konnte. Es fiel an Johannes Schmidt Wodder. Auch auf schulischem Gebiet wurde man aktiv, um unter der Regie des neuen deutschen Schulvereins Privatschulen zu gründen. Nachdem es in Tingleff ab 1920 eine deutschsprachige Abteilung in der Kommunalschule gegeben hatte, erfolgte 1924 die Gründung einer „Deutschen höheren Privatschule“.

Neben politischen Aktivitäten gab es aber auch noch gesellschaftliches Leben in der noch von Versorgungsengpässen als Folge des Ersten Weltkriegs geprägten neuen Grenzregion. Am Donnerstag, 23. Dezember 1920, berichtete die „Neue Tondernsche Zeitung“ (NTZ) aus Tingleff. Der Ort war bis 1920 Teil des Kreises Tondern, von dem der Bereich Südtondern am 15. Juni 1920 abgetrennt wurde, denn er war nicht der deutsch geprägten Abstimmungszone 1 zugeteilt worden, die an Dänemark abgetreten wurde, während Südtondern als Teil der Abstimmungszone 2 mehrheitlich für den Verbleib bei Deutschland votiert hatte.

Der Bericht der NTZ von 1920

„ -n. Tingleff, 21. Dezbr. Am Sonntag nachmittag waren im hiesigen Bahnhofshotel über 180 Kinder versammelt, die auf Einladung des deutschen Schulvereins Nordschleswig eine Weihnachtsfeier abhielten. Einige nett vorgetragene Gedichte und Lieder und das sehr gut gespielte Weihnachtsstück ‘Julklapp‘ ernteten reichen Beifall. Eine Lust war es, zuzuschauen, wie nachher am Kaffeetisch ein Stück nach dem anderen von den reichlich gespendeten Weihnachtskuchen vertilgt wurde. Am Abend fand ein Unterhaltungsabend statt, an dem sich an die 300 Personen beteiligten. Vorgetragene Lieder und Gedichte fanden reichlichen Beifall. Alsdann wurde von dem Herrn Kreisschulinspektor Gröndahl ein Vortrag mit Lichtbildern aus Nordschleswig gehalten. Seine von Liebe zur alten Heimat durchglühten Ausführungen über Geschichte und Landschaftsbild unserer engeren Heimat fanden begeisterte Zustimmung. Kaffeetisch, Tanz und frohe Gesänge füllten den Rest des Abends aus. Von dem prophezeiten Aussterben des Deutschtums war nichts zu merken. Im vollbesetzten Lokal herrschte vielmehr eine lebensfrohe Stimmung, die eher vom Gegenteil zeugte.“

Eine Postkarte zeigt, dass das Bahnhofshotel in Tingleff über ansehnliche Räumlichkeiten wie den abgebildeten Saal mit Bühne verfügte. Foto: Archiv DN

Im Bericht wird nicht erwähnt, wer das Weihnachtsstück aufgeführt hat. Es ist anzunehmen, dass die 1905 gegründete Volkshochschule Tingleff daran beteiligt war. Das einst kleine Dorf Tingleff hatte seit Eröffnung der Eisenbahn Flensburg-Woyens 1864 als Bahnstation einen großen Aufschwung erlebt. Seit Inbetriebnahme der Bahnen nach Tondern (1867) und Sonderburg (1901) war Tingleff Verkehrsknotenpunkt, was sich auch im stattlichen Gebäude des Bahnhofhotels widerspiegelt, das, 1910 erbaut, nach 1920 den Namen „Tinglevhus“ bekam und später auch als dänisches Versammlungshaus diente. 1959 wurde das große Gebäude durch einen schlichteren Neubau ersetzt, der nach einem Feuer im Jahr 2000 abgebrochen wurde. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg lebten 637 Einwohner in Tingleff.

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