Gesundheitswesen

Revolution durch Roboter-Chirurgie – auch in Apenrade

Revolution durch Roboter-Chirurgie – auch in Apenrade

Revolution durch Roboter-Chirurgie – auch in Apenrade

Apenrade/Aabenraa
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Der OP-Roboter wird an den Operationstisch herangefahren. Foto: Karin Riggelsen

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In einem Operationssaal des Apenrader Krankenhauses (Sygehus Sønderjylland) steht „daVinci“. Es ist ein Roboter, der am Menschen operiert. Warum das ein Vorteil für Patient und Krankenhaus ist, erklärt Professor Michael Festersen Nielsen. „Der Nordschleswiger“ durfte einer solchen Operation folgen.

Achtung: Im Text sind Fotos der Operation zu sehen.

Der Patient ist vorbereitet für die Operation. Still in der Narkose atmend liegt er auf dem OP-Tisch im Apenrader Krankenhaus (Sygehus Sønderjylland). Grüne Laken bedecken die Geräte, die um den Tisch herum stehen. Weiße Laken bedecken den Körper. Nur der Bauch liegt frei. Eine OP-Schwester desinfiziert den Bauch als letzten Arbeitsschritt vor der OP mit einer gelb-orange-farbigen jodhaltigen Flüssigkeit.

Die letzten Vorbereitungen am Patienten vor der OP Foto: Karin Riggelsen
Das Operationsfeld wird kurz vor dem Eingriff mit einer jodhaltigen Flüssigkeit desinfiziert. Foto: Karin Riggelsen

Entscheidung für minimal-invasiven Eingriff

Der Mann hat einen Leistenbruch, wie der operierende Professor Michael Festersen Nielsen erklärt. Doch statt den Bruch konventionell zu operieren, hat er entschieden, den Eingriff minimal-invasiv vorzunehmen. „In diesem Fall ist das von Vorteil, denn wir können den Schaden von innen operieren“, sagt er. Minimal-invasiv nennen sich solche Operationen, die über kleine Schnitte im Gewebe durchgeführt werden. Manchen sind solche Prozeduren auch als Schlüsselloch-Chirurgie bekannt. Der Fachbegriff dafür ist Laparoskopie.

Roboter kommt zum Einsatz

Doch Festersen Nielsen nutzt nicht nur diese Art, um zu operieren. Neben dem OP-Tisch steht „daVinci“, ein Roboter. Der wird Michael Festersen Nielsen bei der OP helfen. Der Arzt ist nämlich Spezialist für Roboter-Chirurgie und arbeitet als Professor am Apenrader Krankenhaus.

„daVinci“ wird für den Einsatz vorbereitet. Foto: Karin Riggelsen
Unter dem Nabel wird ein kleiner Schnitt gemacht, über den der erste Port eingesetzt wird. Durch ihn wird die Kamera eingeführt, die als erstes Instrument benötigt wird. Foto: Karin Riggelsen
Der Port wird eingesetzt. Durch ihn gelangen wenig später die Instrumente in den Bauchraum. Foto: Karin Riggelsen
Während der Roboter bereit gemacht wird, setzen Chirurg Professor Michael Festersen Nielsen (l.) und ein assistierender Arzt die Instrumente ein. Foto: Karin Riggelsen

Nachdem drei kleine Schnitte gemacht wurden – Blut fließt dabei kaum – setzen Nielsen und sein Team drei Instrumententräger ein. Port nennt sich der Durchgang in den Bauchraum. Es handelt sich um eine Kamera und zwei Instrumente, die so in den Bauchraum geführt werden. Dann wird „daVinci“ an den Tisch geschoben. Der Roboter hat vier Arme. An drei von ihnen werden die Instrumente und die Kamera angeschlossen. Wenn nötig, kann über den vierten Arm ein weiteres Werkzeug bedient werden.

Professor Michael Festersen Nielsen schaut auf den Bildschirm, auf dem zu sehen ist, was im Bauchraum des Patienten geschieht. Die Kamera ist das erste Instrument, das eingeführt wird, um sehen zu können, wenn die weiteren Werkzeuge durch den Port in den Körper hineingeschoben werden. Foto: Karin Riggelsen
Zwei OP-Instrumente und eine Kamera befinden sich im Bauchraum des Patienten. Sie sind mit dem Roboter verbunden, dessen vier Arme über dem OP-Tisch hängen. Im Hintergrund ist der Chirurg zu erkennen, der wenige Meter entfernt an der OP-Konsole sitzt. Foto: Karin Riggelsen

Steuerung des Roboters über externe Konsole

Michael Festersen Nielsen setzt sich jetzt an eine Konsole, die etwa zwei Meter entfernt vom OP-Tisch an der Wand des Raumes steht. Er zieht die Schuhe aus und blickt durch zwei Öffnungen, die wie eine Brille geformt sind. Mit den Händen steuert er die Geräte, die sich jetzt im Bauchraum des Patienten befinden. Mit den Füßen kann er verschiedene Aktionen an den Instrumenten auslösen; so setzt er unter anderem Strom ein, um Gefäße zu veröden und Blutungen zu vermeiden. Durch die beiden Öffnungen sieht er das Bild, das die Kamera aus dem Bauch des Patienten liefert. Es ist dreidimensional. Daumen und Finger schieben sich in zwei Bedienhebel, über die er die Instrumente im Bauch des Patienten steuern kann.

Chirurg Michael Festersen Nielsen (l.) steuert über die Konsole den Roboter und führt die Operation aus. Foto: Karin Riggelsen

Mit Strom schneiden und Gefäße veröden

Zielsicher fängt er an, sich durch das Gewebe an den Leistenbruch heranzutasten. Mit einer Taste, die er mit dem Fuß bedient, kann er die wenige Zentimeter großen Instrumente sogar unter Strom setzen. Dann wird das Gewebe wie mit einer Schere durchtrennt; gleichzeitig werden durch den Stromeinsatz kleine Gefäße verschlossen, sodass es nicht blutet, wenn er arbeitet. Die Kamera liefert hochauflösende Livebilder, und Michael Festersen Nielsen sieht alles mehrfach vergrößert.

Immer weiter arbeitet er sich durch die dünnen Schichten und legt schließlich den eigentlichen Leistenbruch frei. Bis dahin hat der Eingriff nur wenige Minuten gedauert. „Das ist sehr schonend für den Patienten“, erklärt der Roboterchirurg. „Wir müssen keine großen Schnitte machen, um den Schaden zu beheben. Das bedeutet, die Gefahr einer Infektion ist sehr gering.“

Vor erneutem „Bruch“ schützen

Das Gewebe, das sich durch den Riss im Bindegewebe nach außen geschoben hat, hat Festersen Nielsen mithilfe einer kleinen Zange, die gegen die Schere ausgetauscht wurde, nach innen gezogen; das überschüssige Körpermaterial, das sich als „Bruch“ zeigte, wird dann entfernt und durch den Instrumententräger nach außen gezogen. Ein Kunststoffnetz wird über die Bruchstelle gesetzt, damit nicht erneut Gewebe durch die Schwachstelle nach außen tritt. Langsam zieht der Arzt das netzartige Material auseinander und legt es dann über den „Bruch“.

Das „Netz“ wird mithilfe der Instrumente vor dem „Bruch“ entfaltet. Das ist das Bild, wie es der Chirurg durch die Kamera sieht. Es ist mehrfach vergrößert. Foto: Jan Peters
Auf mehreren Bildschirmen können alle im OP-Saal den Eingriff verfolgen. Foto: Karin Riggelsen

Größere Beweglichkeit und Flexibilität durch Robotereinsatz

Dann beginnt der Arzt, das Bauchfell, das den Bauchraum auskleidet und das er zerschnitten hatte, zusammenzunähen. „Ich kann die Instrumente ganz frei bewegen, rotieren und so positionieren, wie ich sie gerade benötige“, sagt der Chirurg. Bei einer herkömmlichen Laparoskopie ist das nicht möglich, denn da setzen die physischen Bedingungen der Chirurgenhände Grenzen. Durch die technischen Möglichkeiten des Roboters gibt es solche Grenzen nicht. Zudem kann die Kamera wesentlich bessere Bilder liefern, sodass der Überblick über das Operationsfeld viel umfangreicher ist.

Die Operation ist vorüber. Die Geräte werden entfernt, die kleinen Schnitte werden mit wenigen Stichen vernäht. Dann beginnt die Narkoseschwester, den Patienten aus der Narkose zu wecken.

Der Assistenzarzt vernäht die kleinen Schnitte. Foto: Karin Riggelsen
Die Narkoseschwester hat die Vitalfunktionen des Patienten ständig im Blick. Der OP-Bereich hinter den grünen Tüchern ist steril. Der Narkosebereich ist vom Operationsfeld abgetrennt. Foto: Karin Riggelsen

Wenig später wird der Mann im Aufwachraum die Augen öffnen „und schon heute Abend wieder zu Hause sein“, wie Festersen Nielsen berichtet. Das sei ein weiterer Vorteil dieser schonenden Operationsmethode.

Steuerung über weite Strecken möglich

Der Arzt ist begeistert von dem OP-Roboter. „Es ist sogar möglich, dass ein Arzt an einem anderen Ort in Dänemark oder sogar einem anderen Land sitzt, der OP folgt und sogar selbst eingreifen kann. Tele-Operation nennt sich eine solche Methode. „Wir können dadurch Unterstützung von überallher anfordern – oder diese Möglichkeit dazu nutzen, Ärzte über die Entfernung hinweg zu schulen“, so der 55-Jährige.

Gut investiertes Geld

22 Millionen Kronen hat der Roboter 2017 gekostet. Seither ist das Gerät ständig erweitert worden. Durch die kurze Verweildauer der Patientinnen und Patienten im Krankenhaus und die damit verbundenen geringeren Kosten eine gute Investition, findet Michael Festersen Nielsen.

Zukunft der Roboterchirurgie

Inzwischen werden auch andere OPs mit dem Roboter durchgeführt. „Der Roboter wird bei Operationen von Darmkrebs und anderen Darmerkrankungen eingesetzt. Sogar Eingriffe am Herz sind schon möglich. „Die Grenzen werden immer weiter verschoben. Diese OPs sind nur der Start“, sagt der Spezialist. Das machen auch die immer ausgereifteren Instrumente möglich, die für den Roboter entwickelt werden. So sieht der Mediziner selbst bei akuten Eingriffen keine Hürde mehr. „Man kann etwa Gallenblasen damit entfernen, eine der häufigsten akuten OPs“, sagt er. „Solche Eingriffe können mit dem Roboter viel eleganter gemacht werden.“

Grenzen und Schwächen der neuen Technik

Doch auch der Roboter hat Grenzen, gibt der Mediziner zu. „Wenn wir etwa große Leistenbrüche haben, ist die Operation von innen nicht möglich. Dann müssen wir auf die herkömmliche Methode operieren“, sagt er. Ein Nachteil der Roboter-Operationen ist, dass sie mehr Zeit in Anspruch nehmen. „Der Roboter muss in Position gebracht und verbunden werden. Das dauert etwas länger als bei herkömmlichen Laparoskopien“, erklärt er. Zudem müsse beim Einsatz von „daVinci“ mit größerer Vorsicht und Umsicht gearbeitet werden, denn „im Gegensatz zur manuellen Operation haben wir nicht das Gefühl für die Instrumente“, sagt Festersen Nielsen.

Komplikationen eingedacht

Leistenbrüche sind eine der häufigsten Operationen. Über 2.000 OPs sind am Apenrader Krankenhaus inzwischen mit dem Roboter durchgeführt worden. Zwischenfälle gab es bisher keine.

Sollte es doch einmal zu Komplikationen kommen, steht immer noch der Weg offen, auf die konventionelle Operationsmethode – den Schnitt – auszuweichen. Auch ein Stromausfall ist kein Problem, denn das Krankenhaus verfügt über Notstromaggregate, die dann einspringen.

Dass Michael Festersen Nielsen angestellt werden konnte, ist übrigens für das Krankenhaus ein großer Gewinn, denn der Professor ist einer der wenigen dänischen Spezialisten auf dem Gebiet der Roboterchirurgie.

Michael Festersen Nielsen

Michael Festersen Nielsen ist in Sonderburg (Sønderborg) zur Welt gekommen. Er wuchs in Bollersleben (Bolderslev) auf, wo der Vater eine Schlachterei führte. Der Großvater war Teil der deutschen Minderheit in Nordschleswig.

Durch die Freundschaft der Eltern mit dem lokalen Hausarzt entdeckte Michael sein Interesse für die Medizin.

Nach dem Abitur ging es zum Medizinstudium an die Universitäten in Aarhus und Aalborg. Einen Teil seiner Fachausbildung zum Chirurgen absolvierte er im amerikanischen Bundesstaat Minnesota.

Michael Festersen Nielsen arbeitete nach seiner Promotion zwei Jahre in London und Edinburgh. Dann ging es für ihn nach Kopenhagen an das Reichshospital (Rigshospital), wo er als Transplantationschirurg tätig war. Es folgte eine Oberarztstelle am Krankenhaus in Viborg.

Seit November 2022 arbeitet er als Chirurgieprofessor mit dem Spezialgebiet Roboterchirurgie am Apenrader Krankenhaus.

Roboterchirurgie

Die Robotik in der Chirurgie bezieht sich auf den Einsatz von robotischen Systemen oder Geräten, um chirurgische Eingriffe durchzuführen. Die Roboterchirurgie ist eine fortschrittliche Form der minimal-invasiven Chirurgie, die es Chirurgen ermöglicht, präzisere Bewegungen und feinere Kontrolle über Instrumente zu haben. Das Ziel der Roboterchirurgie ist es, die Präzision, Genauigkeit und Effektivität von chirurgischen Eingriffen zu verbessern, während gleichzeitig das Risiko von Komplikationen und Schäden für den Patienten minimiert wird.

Bei der Robotchirurgie interagiert der Chirurg mit einem computergesteuerten System, das mit speziellen Instrumenten und Kameras ausgestattet ist. Der Chirurg sitzt an einer Konsole und verwendet Handgriffe und Pedale, um die Bewegungen des robotischen Systems zu steuern. Das System selbst besteht aus einem Operationsarm, der mit verschiedenen chirurgischen Instrumenten ausgestattet ist, sowie aus einer Kamera, die detaillierte Bilder des Operationsbereichs liefert.

Die Roboterchirurgie wird für eine Vielzahl von chirurgischen Eingriffen eingesetzt, wie urologische, gynäkologische, thorakale, kardiovaskuläre und gastrointestinale Eingriffe. In einigen Fällen kann die Roboterchirurgie eine schnellere Genesung, weniger Schmerzen und einen kürzeren Krankenhausaufenthalt für den Patienten ermöglichen.

Leistenbruch

Ein Leistenbruch, auch bekannt als „Hernie", tritt auf, wenn ein Teil des inneren Gewebes, wie Darm oder Fett, durch eine Schwäche oder einen Riss in der Bauchwand hindurchdringt und in den Bereich der Leistengegend tritt. Ein Leistenbruch kann bei Männern und Frauen auftreten, tritt jedoch bei Männern häufiger auf. Es kann verschiedene Ursachen haben, wie angeborene Schwächen, chronischer Husten oder körperliche Anstrengung.

Ein Leistenbruch kann verschiedene Symptome verursachen, wie Schmerzen oder Beschwerden in der Leistengegend, ein Gefühl der Schwere oder ein Vorwölben in der Leistengegend. Wenn ein Leistenbruch nicht behandelt wird, kann er sich verschlimmern und zu Komplikationen wie Einklemmung oder Strangulation führen, was eine medizinische Notfallsituation darstellen kann. Eine Operation ist normalerweise erforderlich, um einen Leistenbruch zu behandeln.

https://www.gesundheitsinformation.de/leistenbruch-bei-maennern.html
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