100 Jahre Volksabstimmung

Interessante kritische Einblicke ins Grenzland 1920-2020

Interessante kritische Einblicke ins Grenzland 1920-2020

Interessante kritische Einblicke ins Grenzland 1920-2020

Apenrade/Aabenraa
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Bis zum Beitritt Dänemarks zum Schengener Vertrag 2001 gehörten Kontrollen an der deutsch-dänischen Grenze zum Alltag. Zuvor war auch die Zollkontrolle ein wichtiger Aspekt, der allerdings schon mit der Einführung des EU-Binnenmarktes verblasste. Foto: Henningsen, Räthel, Greiner

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Das reich illustrierte Buch „Grenz/Raum – Grænse/Region“ zieht ein teilweise kritisches Fazit zum Grenzjubiläum: dänisch-deutsche Geschichte(n) zweisprachig präsentiert.

Die umfassende Ausstellung in Flensburg zur Würdigung des 100-jährigen Bestehens der deutsch-dänischen Grenze als Ergebnis der Volksabstimmungen 1920 wurde nicht nur von der coronabedingten Schließung der Ausstellungsorte im Frühjahr 2020 überschattet.

Aktualität durch Corona-Grenzschließung

Das Programm des „deutsch-dänischen kulturellen Freundschaftsjahres“ bekam auch angesichts der Schließung der oft schon als verbindendes Element gerühmten Grenze zu Beginn der Corona-Krise eine neue Aktualität. In diesem Jahr ist nun ein gut 250 Seiten starker Katalog mit deutschen und dänischen Texten zur Ausstellung mit dem Titel „Grenz/Raum – Grænse/Region“ im Verlag Rombach Wissenschaft erschienen.

Das Erscheinen des Buches „Grenzraum – Grænseregion“ ist durch Zuschüsse der deutschen und dänischen Regierungen sowie des Landes Schleswig-Holstein und der Stadt Flensburg gefördert worden. Foto: Rombach Wissenschaft

In Redaktion von Bernd Henningsen, Clemens Räthel und Paul Greiner ist ein interessantes „Geschichtsbuch“ entstanden, das, illustriert mit vielen Fotos, Karten und Faksimiles von Originaldokumenten nicht nur regionsgeschichtlich interessierten Grenzlandbewohnerinnen und -bewohnern gefallen wird. Das zum Preis von 25 Euro im Buchhandel erhältliche Werk soll, so Mitherausgeber Bernd Henningsen, nicht nur die Zusammenhänge erläutern, die zur Grenzziehung nach zwei Volksabstimmungen, festgelegt im Versailler Friedensvertrag 1919, führten.

Thema auch Sinn und Zweck von Grenze

Es werde auch dem „Sinn und Zweck von Grenze“ nachgegangen. Es wird darauf hingewiesen, dass nach der anfangs nach 1920 in Zweifel gezogenen demokratischen Legitimation des Grenzverlaufs sich die Perspektiven zu beiden Seiten der deutsch-dänischen Grenze von einem Gegeneinander über das Nebeneinander zum Miteinander entwickelt hätten.

Thematisiert wird auch die aktuelle Tendenz zur Renationalisierung und Selbstbezüglichkeit in Europa und die Vorbildlichkeit „des Lebens in der Region zweier Nationalitäten und zweier nationaler Minderheiten“.

Die Herausgeber betonen, dass die Form der Ausstellung und des nun vorliegenden Kataloges besonders auch jüngeren Menschen Einblick in Grenzlandgeschichte und Gegenwart in der deutsch-dänischen Region liefern soll. So werden im Text von Simone Wörner Beiträge von Personen vorgestellt, die eigene „Grenzgeschichten“ und Exponate und Vorschläge anlässlich des Jubiläums angefertigt haben.

Im Buch werden auch unbekannte Kapitel der Grenzgeschichte vorgestellt, beispielsweise 1934 in Flensburg gestrandete „Zigeuner“, denen die Reise durch Dänemark untersagt wurde. Foto: Henningsen, Räthel, Greiner

Judith Miggelbrink analysiert kritisch Nationalstaat und Grenze sowie Eigenschaften „moderner“ Staatlichkeit mit Konsequenzen untere anderem für Migranten. In weiteren Beiträgen wird, wie im Text von Ralph Tuchenhagen, die Geschichte im heutigen Grenzland seit 1815 dargestellt. Dazu zählen die Entwicklung des Nationalismus ebenso wie die Geburt der heutigen Minderheiten. Dabei werden neben den oft „wiedergekauten“ Fakten zu den nationalen Lagern Aspekte wie die Prägung der Identität der Grenzlandbewohnerinnen und -bewohner durch bürgerliche Rechte, Zubilligung von Freiheitsrechten und wirtschaftliche Lage beleuchtet.

Die Karte stellt die Abgrenzung der Abstimmungszonen 1920 dar, in denen unterschiedliche Abstimmungsmodalitäten galten, was später Anlass für Zweifel an der Rechtmäßigkeit des international überwachten Verfahrens gab. Foto: Henningsen, Räthel, Greiner

Es ist natürlich auch nicht die Darstellung des Verlaufs der Volksabstimmungen ausgelassen worden. Dabei wird beispielsweise die Abgrenzung der Abstimmungszonen unter Missachtung der Wünsche der deutschgesinnten Grenzlandbewohner und Einflussnahme der sprachlich-empirischen Vorarbeiten des dänischen Magisters Clausen erläutert.

Sprachenkarten zur Friedenskonferenz

Paul Greiner stellt „Sprachenkarten“ als Instrumente der Argumentation im Vorfeld der Abstimmung vor. Dabei erwähnt er auch die Kartenflut im Umfeld des US-Präsidenten Woodrow Wilson während der Versailler Friedenskonferenz, der in Dänemark als Erfinder der Forderung nach dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ bis heute große Anerkennung genießt.

Der dänische Magister Clausen, dessen Spracherhebungen in Schleswig die Basis für seine 1889 veröffentlichte Karte zum Sprachengebrauch bildete, lieferte die Basis für die vom dänischen Politiker H. P. Hanssen durchgesetzte Festlegung der nördlichen Abstimmungszone, in der eine dänische Mehrheit sicher erschien. Nationalistische Dänen kritisierten die Clausen-Linie, weil historische dänische Rechte auf ganz Schleswig verraten worden seien. Foto: Henningsen, Räthel, Greiner

Dabei wird erwähnt, dass es Ziel Wilsons war, den Menschen zu ermöglichen, über ihre Staats- und Regierungsform frei zu wählen. Zu Recht setzt Greiner Fragezeichen hinter Wilsons Konzept, das nach dem Ende multiethnischer Imperien teilweise schreckliche Konflikte im Bereich der neuen Nationalstaaten ausgelöst hat.

Fragezeichen hinter Zugehörigkeit zu Nationen

Er schreibt: „Wie lässt sich feststellen, wo das Territorium der einen Gruppe endet und jenes einer anderen beginnt.“ Und er fragt: „Über welche Kriterien definiert sich die Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Nation?“ Solche Fragestellungen sind in diesen Tagen angesichts der schrecklichen Ereignisse in der Ukraine nach dem Einmarsch russischer Streitkräfte und der von den Aggressoren vorgebrachten Begründungen für ihr Vorgehen aktueller als je zuvor.

Es werden die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 vorgestellt, die es den Grenzlandbewohnern in Nord- und Südschleswig freistellen, welcher Mehrheits- oder Minderheitenbevölkerung sie sich zugehörig fühlen. Die Minderheitenverhältnisse einschließlich früher undenkbarer Kooperationen zwischen der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein und der deutschen in Nordschleswig werden in mehreren Beiträgen erläutert.

Beitrag von Büchereidirektorin

Es werden auch viele unbekannte Geschehnisse dargestellt, beispielsweise das Schicksal von „Zigeunern“ auf dem Flensburger Bahnhof 1934, denen Dänemark die Einreise verweigerte. Menschen, die wenige Jahre später als Verfolgte des Naziregimes wie viele andere Sinti und Roma vielfach zu Tode gekommen sind.

Die Direktorin der Deutschen Büchereien in Nordschleswig, Claudia Knauer, ist mit einem Beitrag über die „Transitregion“ deutsch-dänisches Grenzland vertreten. Darin geht sie auf den touristischen Blick auf das Gebiet ein, stellt aber auch das Erleben der Eingliederung Nordschleswigs in den dänischen Staat aus der Perspektive der Deutschgesinnten vor, die nach 1920 eindeutig nicht Teil der dänischen „Gemeinschaft“ wurden. Heute sei das aber nicht mehr so.

Steen Bo Frandsens Grenzkritik

Ein Schlusskapitel liefert in dem gut lesbaren Buch, das sich als Unterrichtsmaterial in deutschen und dänischen Schulen geradezu aufdrängt, der Historiker an der Süddänischen Universität, Steen Bo Frandsen. Sein Beitrag ist bemerkenswert, denn er weist darauf hin, dass deutsche wie dänische Politiker anlässlich des Grenzjubiläums die gute Situation an der deutsch-dänischen Grenze feierten.

Professor Steen Bo Frandsen leitet das Center für Grenzregionsforschung an der Süddänischen Universität in Sonderburg Foto: Volker Heesch

Dennoch wurde das Jubiläum vor allem dazu genutzt, um zurückzuschauen. Erstaunlich nennt es Frandsen dabei, „dass wieder der bekannte Aufzug von Konflikten, Streit, Feindschaft und Benachteiligungen hervorgeholt wurde – all das, was bis heute die Erzählungen von der deutsch-dänischen Nachbarschaft dominiert“.

An diese Geschichte wurde dann anlässlich des Jubiläums ein „glückliches Ende“ angeflickt. Kritisch schreibt Frandsen: „Der hundertste Jahrestag der Grenze wurde als Feier für die Teilungsgrenze konzipiert, doch wäre es ebenso möglich gewesen, den zukunftsweisenden Charakter der Kontaktzone zu betonen, zu der sich die Grenzregion inzwischen entwickelt hat.“ Es gehe inzwischen nicht mehr darum, wo die Grenze verlaufen sollte, sondern welche und wie viel Grenze die Region benötigt.

Der hundertste Jahrestag der Grenze wurde als Feier für die Teilungsgrenze konzipiert, doch wäre es ebenso möglich gewesen, den zukunftsweisenden Charakter der Kontaktzone zu betonen, zu der sich die Grenzregion inzwischen entwickelt hat.

Steen Bo Frandsen

Der Wissenschaftler erklärt, dass die Selbstzufriedenheit mit der Grenze sicher nicht immer berechtigt sei, aber sie habe doch dazu beigetragen, den alten Grenzkonflikt zu entschärfen. Frandsen greift aber auch sein Anliegen auf, daran zu erinnern, dass es in der Region Schleswig eigentlich nur eine kurze Phase gegeben habe, in der ein deutsch-dänischer Konflikt das Bild prägte.

„Langweiligerer“ Teil der Geschichte

Der „langweiligere“ Teil der Geschichte Schleswigs umfasse viele Jahrhunderte eines friedlichen Zusammenlebens in einer mehrsprachigen und kulturell vielseitigen Region. Er greift auch die Problematik auf, dass aus dem einst wirtschaftlich dynamischen Schleswig nach der Grenzziehung zwei Wirtschaftsräume in Randlage geworden sind.

Optimistisch stellt Frandsen fest, dass es für die Menschen in der Grenzregion wieder wichtiger geworden ist, „zwischen den verschiedenen Kulturen, Sprachen und Identitäten zu navigieren“. Das täten sie anders als in der Großzeit der Nationalideologien, die simplifizierend ein „Entweder/Oder“ in Sachen Zugehörigkeit verlangt hätten. Heute stelle die Grenzregion nicht mehr die getrennte Welt dar, die eigentlich Hintergrund der Feiern zum 100. Geburtstag der Grenze bildete.

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