Nordschleswigs Frauen

Anna Martensen: Die Mutter des heutigen Sozialdienstes

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Anna Martensen wurde 1896 geboren. Sie war Gründerin des Wohlfahrtsdienstes Nordschleswig, der bis 1945 einen großen humanitären Einsatz geleistet hat. Anna Martensen, die noch vor Kriegsende 1945 verstorben ist, widersetzte sich einer „Gleichschaltung“ ihres Vereins durch die NS-Spitze.

Wichtige Frauen der dänischen Geschichte sollten nach Ansicht des Kulturministers mehr im öffentlichen Raum vorkommen. Zu den Frauen, die die Geschichte Nordschleswigs weit über die Grenzen hinaus geprägt haben, zählt Anna Martensen: Gründerin des Wohlfahrtsdienstes. Eine Frau, die Großes leistete und ein Geheimnis mit ins Grab nahm.

„Sie war so eine kleine, zarte Frau. Ich hätte zu gerne gewusst, wie ihre Stimme klingt.“ Das sagt eine Frau über Anna Martensen, die selbst eine hoch angesehene Persönlichkeit in der Minderheit ist: Ilse Friis, frühere Rektorin am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) und Vorsitzende des Trägervereins des Deutschen Museums Nordschleswig in Sonderburg (Sønderborg).

Mit dem Leben von Anna Martensen hat sich Ilse Friis intensiv auseinandergesetzt. In zahlreichen Vorträgen und Abhandlungen das Leben einer Frau skizziert, die Großes leistete: wie viele andere Frauen in der Nazi-Zeit. In der breiten Öffentlichkeit ist das allerdings häufig kaum bekannt. Weil es immer noch die Männer sind, die Friis' Ansicht nach in der Geschichte Nordschleswigs nach vorne gerückt werden.

„Søndertysk Moder Teresa“

Der damalige deutsche Botschafter Pascal Hector übergibt 2024 die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik an Ilse Friis. Die ehemalige Rektorin hat sich unter anderem mit dem Leben von Anna Martensen intensiv befasst.
Anna Martensen war ein absolutes Organisationstalent mit besten Verbindungen auf der deutschen und der dänischen Seite.

Zu eben diesen eher unbeachteten Frauenschicksalen gehört auch das von Anna Martensen: die Frau, die im Jahr 1929 den „Wohlfahrtsdienst Nordschleswig“ in Tingleff (Tinglev) gründete; die Vorgänger-Organisation des heutigen Sozialdienstes. Geboren wurde sie 1896 in Riesjarup (Rise-Hjarup) und wuchs in Klipleff (Kliplev) auf. Jene Frau, deren Stimme Ilse Friis so gerne einmal gehört hätte, von der sie aber lediglich schriftlich verfasste Reden kennt, Jahresberichte, Briefe.

Eine Stimme kann auch sie Anna Martensen zwar nicht mehr verleihen. Wohl aber ein Gesicht. Eine Vorstellung davon, was diese Frau, die der dänische Journalist Poul Erik Thomsen in einem Artikel als „søndertysk Moder Teresa“ bezeichnete, in ihrem Leben geleistet hat: als Gründerin des Wohlfahrtsdienstes, als eine, die sich gegen die NSDAP-N auflehnte, den Nordschleswigschen Ableger der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Der Nazi-Partei, der Anna Martensen selbst angehörte.

Als 1920 die deutsch-dänische Grenze neu gezogen wurde, ging Anna Martensen zunächst nach Berlin, um sich zur Diakonie-Schwester und sogenannten Volksfürsorgerin ausbilden zu lassen. Später kehrte sie jedoch zurück nach Nordschleswig. „Sie war sehr deutsch“, erklärt Ilse Friis. Und, so Friis weiter: „Anna Martensen war anfangs eine glühende Anhängerin des Nationalsozialismus. Und eine der Ersten, die in die NSDAP-N eintrat.“

Das ist ein Widerspruch, den ich bis heute nicht begreife in meinem Kopf.

Ilse Friis

In einem ihrer Jahresberichte schrieb Anna Martensen Folgendes: „Auch wir haben im vergangenen Sommer in unserer Arbeit die starke Welle gespürt, die unser Volk gepackt hat, und die uns aufrüttelt zur Besinnung, zu neuer Zielsetzung und zum starken Einsatz jedes Einzelnen für die Gemeinschaft.“

Dieser anfängliche Enthusiasmus legte sich allerdings schnell, so Friis. Und Anna Martensen legte sich im Laufe der Zeit immer wieder mit der Parteispitze an und lehnte sich gegen das Regime auf. Warum und welches Geheimnis sie am Ende mit ins Grab nahm – dazu später mehr.

Eine starke Frau, die anderen Frauen den Rücken stärken wollte

Anna Martensen war diejenige, die den Wohlfahrtsdienst 1929 gründete, „nicht Pastor Schmidt-Wodder, wie es in einigen historischen Artikeln und Schriften genannt wird“. Bei ihm in Tondern (Tønder) hatte Martensen zuvor als Sekretärin gearbeitet. In seinem Nachruf über Anna Martensen schreibt er später: „Ich gab sie frei und aus eigener Kraft schuf sie dann den Wohlfahrtsdienst Nordschleswig, der mit ihrem Namen verknüpft bleiben wird.“

Martensen habe vor allem Frauen den Rücken stärken wollen, erzählt Ilse Friis. So bot sie unter anderem Beratung in der Säuglingspflege und Weiterbildung für Frauen an. Sorgte dafür, dass Frauen Arbeit bekamen. Sie nahm Pflegekinder auf, organisierte Ferienaufenthalte für Kinder. Sammelte Kleider für Familien in Not. Sorgte dafür, dass lungenkranke Kinder ins Sanatorium kamen. „Sie war so eine kleine, zierliche Frau, aber unglaublich stark. Ich frage mich, wie sie das alles gemacht hat“, sagt Ilse Friis.

Einen Paketdienst für Soldaten an der Front, eine Verpflegungsstation für deutsche Soldaten in Fredericia in Zusammenarbeit mit dem Dänischen Roten Kreuz: ebenfalls Maßnahmen, die der Wohlfahrtsdienst unter Anna Martensen umsetzte.

Organisationstalent mit besten internationalen Kontakten

Anna Martensen kooperierte aber auch mit dem Deutschen Roten Kreuz, mit der Diakonissenanstalt in Flensburg. Denn all die Arbeit konnte sie nicht allein stemmen. „Die freiwilligen Helferinnen, die sie anheuerte, kamen aus der deutschen Minderheit. Zweisprachig mussten sie sein, darauf legte Anna Martensen wert.“ Doch innerhalb der dänischen Mehrheitsbevölkerung war „Søster Anna“, wie sie dort genannt wurde, ebenfalls bestens vernetzt – bis hin ins Außenministerium, wie Ilse Friis weiß. Auf der anderen Seite der Grenze reichten Martensens Kontakte bis nach Berlin.

Mit dem zunehmenden Erfolg ihrer Organisation kam es zu Konflikten mit der Parteispitze der NSDAP-N. „Die Partei wollte den Wohlfahrtsdienst unter die NS-Frauenschaft stellen. Außerdem sollten nur Parteiangehörige Hilfe erhalten.“ Dagegen wehrte sich Anna Martensen.

Ungeachtet der Kämpfe mit der Nazi-Partei sorgte Anna Martensen dafür, dass Tausende Kriegsflüchtlinge in Nordschleswig Unterschlupf fanden. Genaue Zahlen gebe es nicht, sagt Ilse Friis, doch Martensen habe sicherlich an die 15.000 Menschen geholfen. Ihr unglaubliches Organsisationstalent und wie gut ihr Netzwerk war, habe sie einmal mehr im Juli 1943 demonstriert: „Nachdem durch die sogenannte Operation Gomorrha 900.000 Hamburgerinnen und Hamburger obdachlos geworden waren, bot sie etwa 5.000 Menschen Unterschlupf in Privathäusern in ganz Dänemark an“, weiß Ilse Friis.

Anna Martensen sorgte dafür, dass Kinder sich erholen konnten und Lungenkranke in ein Sanatorium kamen.

Daher findet sie auch angemessen, für Anna Martensen einen Platz der Erinnerung zu schaffen. „Eine Statue ist ja letztlich ein Platz des Gedenkens und auch der Dankbarkeit für das, was sie getan hat. Man könnte aber genauso gut eine Tafel mit Informationen zu Anna Martensen aufstellen.“ Etwa am heutigen Ärztehaus in Tingleff, wo der Wohlfahrtsdienst früher sein Büro hatte.

Dieses Geheimnis nahm Anna Martensen mit ins Grab

Was Anna Martensen für andere Menschen getan hat, davon ist auch die Vorsitzende des Sozialdienstes Nordschleswig, Gertraudt Jepsen, tief beeindruckt. Auch wenn Anna Martensen bis zuletzt Mitglied in der NSDAP-N war. „Humanitär hat sie Riesiges geleistet. Und wahrscheinlich war sie einfach auch zu beschäftigt, um sich um Gesinnungsfragen zu kümmern“, sagt Gertraudt Jepsen.

Für Ilse Friis ist Anna Martensen bis heute eine „total faszinierende Frau“. Auch wenn bei ihr diese eine Frage bleibt: „Warum ist sie nie aus der Partei ausgetreten? Das ist ein Widerspruch, den ich bis heute nicht begreife in meinem Kopf.“ Andererseits, macht Friis auch deutlich: „Es steht uns heute überhaupt nicht zu, das Verhalten oder das, was die Frauen damals taten, zu bewerten.“ Immerhin habe Martensen erfolgreich verhindert, dass die Nazis sich den Wohlfahrtsdienst einverleibten und habe bis zum Schluss unabhängig von der Partei gearbeitet.

Der inzwischen pensionierte Journalist Poul Erik Thomsen schrieb in seinem Artikel über die „søndertysk Moder Teresa“: Anna Martensen habe der Nazi-Partei ihren Rücktritt angeboten, der sei jedoch abgelehnt worden. Offenbar wollten die Funktionäre nicht riskieren, sich mit Anna Martensen beziehungsweise den dänischen Behörden anzulegen, zu denen sie beste Kontakte hatte.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass sie humanitär Riesiges geleistet hat.

Gertraudt Jepsen

Am Ende nahm Anna Martensen dieses Geheimnis mit ins Grab, als sie kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs mit 49 Jahren an einer Tuberkulose-Infektion starb. Diese kleine, zierliche Frau mit ihrem riesigen humanitären Erbe. Für die Nachwelt zwar nicht mehr hörbar, aber durch den Sozialdienst bis heute für viele Menschen sichtbar und spürbar.