Klimawandel

Rufe nach nationalem Küstenschutzplan für Dänemark werden lauter

Rufe nach nationalem Küstenschutzplan werden lauter

Rufe nach nationalem Küstenschutzplan werden lauter

Gerrit Hencke
Gerrit Hencke Journalist
Apenrade/Aabenraa/Kopenhagen
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Landunter in Frederikssund.
Viele Küstengebiete in Dänemark werden regelmäßig überschwemmt oder sind davon akut bedroht. Foto: Katrine Emilie Andersen/Ritzau Scanpix

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Dänemark investiert 150 Millionen Kronen in zehn Küstenschutzprojekte im ganzen Land. Doch gerade in Kommunen, die leer ausgegangen sind, regt sich Kritik. Dort wünscht man sich mehr Gelder und einen nationalen Küstenschutzplan.

Zehn Küstenschutzprojekte in ganz Dänemark profitieren von einer Millionenförderung der Regierung. Der Klimawandel und damit verbunden häufiger auftretendes Extremwetter sowie der steigende Meeresspiegel sorgen in immer mehr Küstenabschnitten für Probleme.

Insgesamt verteilt die Regierung aus einem Fördertopf rund 150 Millionen Kronen für das Jahr 2022. Neben der Kommune Hadersleben bekommen weitere neun Kommunen Gelder für notwendige Maßnahmen. Das Gießkannenprinzip sorgt vor allem dort für Unmut, wo Küstenschutzprojekte weiter ohne staatliche Förderung auskommen müssen. Mehrere Bürgermeister und ein Klimaexperte sprechen sich für einen nationalen Küstenschutzplan und deutlich mehr staatliche Investitionen aus.

Glück hatte das Küstenschutzprojekt der Kommune Hadersleben. „Vores Kyst“ (Unsere Küste) wird mit 8,7 Millionen Kronen vom Staat gefördert, um unter anderem Sandaufspülungen und einen Deich in der Bucht von Sandvig zu realisieren. Zuletzt war Kelstrup Strand im November von schweren Überschwemmungen heimgesucht worden. Gleich drei Sommerhausgebiete waren betroffen.

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„Der Klimawandel und der steigende Meeresspiegel bedeuten einen steigenden Druck auf unsere Küsten“, sagt Umweltminister Magnus Heunicke (Sozialdemokratie) gegenüber Ritzau. „Man soll bei einer exponierten Wohnlage nachts sicher schlafen können, auch wenn ein Sturm kommt.“ Dafür müsse man die Menschen an den Küsten in Zukunft besser gegen Überschwemmungen und Extremwetter schützen, so Heunicke.

Einer der größten Förderbeträge geht an die Kommune Køge südlich von Kopenhagen. Mit 26,6 Millionen Kronen sollen die küstennahen Wohngebiete entlang der elf Kilometer weiten Ostseebucht vor Überschwemmungen geschützt werden. Deiche, Niveauanhebungen, eine Hochwasserschutzmauer und ein Hafen, der bei hohem Wasserstand geschlossen werden kann, stehen hier auf der Liste der Maßnahmen.

Auch Esbjerg bekommt für einen sechs Kilometer langen Deich fast 30 Millionen Kronen. Das freut Bürgermeister Jesper Frost Rasmussen (Venstre), der das Geld sonst nicht in seiner kommunalen Kasse gefunden hätte, um alte Deiche künftig stärker und höher zu bauen.

Es ist eine große und wichtige Aufgabe, für die eine Reihe von Gemeinden und Deichgesellschaften jetzt finanzielle Unterstützung erhalten. Die Anpassung der dänischen Küsten an den Klimawandel ist sowohl kostspielig als auch ein sehr langwieriger und schwieriger Prozess, aber sie ist eine notwendige Aufgabe, da Dänemark ein flaches Land mit viel Küste ist.

Magnus Heunicke

Mit dem Finanzgesetz von 2021 hatte die vorherige Regierung einen 350 Millionen Kronen schweren Fördertopf verabschiedet, um Projekte zu fördern und gleichzeitig die Kriterien für relevante Bewerber auszuweiten. Davon wurden 50 Millionen Kronen 2021 ausgeschüttet, weitere 150 Millionen im Jahr 2022. Für 2023 können sich Kommunen erneut um Förderung bewerden.

„Es ist eine große und wichtige Aufgabe, für die eine Reihe von Gemeinden und Deichgesellschaften jetzt finanzielle Unterstützung erhalten. Die Anpassung der dänischen Küsten an den Klimawandel ist sowohl kostspielig als auch ein sehr langwieriger und schwieriger Prozess, aber sie ist eine notwendige Aufgabe, da Dänemark ein flaches Land mit viel Küste ist“, sagt Heunicke.

Viele Kommunen gucken in die Röhre

Trotz der Rekordsumme gucken viele Kommunen in die Röhre. Denn insgesamt gab es für das vergangene Jahr bis zum Fristende am 30. September 17 Bewerbungen für Projekte in einer Gesamthöhe von 857 Millionen Kronen − etwa sechsmal so viel wie vom Land gefördert wird. Daher ist die Kritik groß. Etwa in der Kommune Hedensted. Wenn 857 Millionen Kronen beantragt wurden und 150 Millionen zur Verfügung stehen, dann gebe es zu wenig staatliche Mittel, sagt etwa Hedensteds Bürgermeister Ole Vind (Venstre) zu Ritzau.

In der Kommune liegt Juelsminde, eines der 14 Gebiete im Land mit einem hohen Risiko für Überschwemmungen. Für neue Deiche und eine Hafenschleuse wollte man 33 Millionen Kronen Zuschüsse bekommen. Gegenüber dem dänischen Rundfunk „DR“ wünschte sich Bent Alminde, Vorsitzender des Deichverbands der Stadt, daher einen nationalen Aktionsplan, damit es nicht an den Gemeinden sowie einzelnen Bürgerinnen und Bürgern liege, für eine trockene Zukunft zu sorgen. Damit ist er nicht allein.

Die hohe Zahl der Anträge zeigt, vor welcher Herausforderung die Kommunen stehen. Ich würde sehr gerne einen nationalen Plan für den Küstenschutz sehen.

Kenneth Gøtterup, Bürgermeister der Dragør Kommune

Wunsch nach nationalem Plan zu Küstensicherung

Kenneth Gøtterup, Bürgermeister der Dragør Kommune südlich von Kopenhagen, wo man mit 37,4 Millionen Kronen den größten Zuschuss vom Land bekommen hat, fordert bereits weiteres Geld vom Land. „Die hohe Zahl der Anträge zeigt, vor welcher Herausforderung die Kommunen stehen. Ich würde sehr gerne einen nationalen Plan für den Küstenschutz sehen“, sagte er Ritzau. Die geplanten neuen Deiche würden 109 Millionen Kronen kosten. Abzüglich der Förderung müssten den Restbetrag die Bürgerinnen und Bürger über Steuern aufbringen.

Es braucht jemanden, der beschließt, wo man bauen muss und wo man es lässt. Wo lassen wir die Natur Natur sein, und wo müssen wir auf die Menschen aufpassen, die von Sturmfluten betroffen sind?

Karsten Arnbjerg-Nielsen, Professor für Klimaanpassung an der DTU Sustain

Die Kommunen und die betroffenen Grundstückseigentümerinnen und Grundstückseigentümer müssten zwar weiterhin zur Finanzierung beitragen, denn die Bauvorhaben seien groß, ein gemeinsamer Plan für Dänemark und damit einhergehend eine staatliche Finanzierung würden aber einen besseren und zusammenhängenderen Küstenschutz ermöglichen, sagt Gøtterup.

Ähnlich sieht es Karsten Arnbjerg-Nielsen, Professor für Klimaanpassung an der Dänischen Technischen Universität (DTU Sustain). Gegenüber „DR“ sagte er, dass Dänemark unter den europäischen Staaten vor den größten Herausforderungen stehe. Um sich hierzulande an den Klimawandel anzupassen und die Küsten entsprechend zu sichern, muss viel Geld in die Hand genommen werden. „Wir sprechen hier von einem jährlich zweistelligen Milliardenbetrag bis zum Ende des Jahrhunderts“, sagt Arnbjerg-Nielsen.

Bisher sind Kommunen und Eigentümer zuständig

Tatsächlich ist es so, dass vor allem die jeweiligen Kommunen und die Grundstückseigentümerinnen und -eigentümer verantwortlich dafür sind, sich gegen Überflutungen zu schützen. Genaue Zahlen zur Höhe der Investitionen kann das Küstendirektorat auf Nachfrage des „Nordschleswigers“ nicht liefern. Auf die Frage, wie sich die Ausgaben für den Küstenschutz über den aktuellen Fördertopf hinaus zusammensetzen, heißt es: „Wir haben keine Zahlen, da die Zuständigkeiten bei den Kommunen liegen.“ Tatsächlich unterscheiden sich die Mittel für den Küstenschutz von Kommune zu Kommune.

Christian Lietzen, Pressesprecher im Umweltministerium, sagt auf Nachfrage: „Seit vielen Jahren gilt der Grundsatz, dass jeder Grundstückseigentümer dafür verantwortlich ist, sein Eigentum vor Erosion und Überschwemmungen zu schützen, und somit auch dafür bezahlen muss. Ein oder mehrere Grundstückseigentümer können daher bei der Kommune einen Antrag auf ein Küstenschutzprojekt nach dem Küstenschutzgesetz stellen. Alternativ können die Grundeigentümer die Gemeinde bitten, ein Projekt zu initiieren (kommunales Gemeinschaftsprojekt). Dies kann die Gemeinde auch von sich aus entscheiden.“ Am Ende werde bei Gemeinschaftsprojekten ein Beitrag für Bau und Unterhaltung des Küstenschutzes festgelegt.

Gemeinschaftsabsprachen sollen die gefährdetsten Küsten schützen

Auch gibt es sogenannte Gemeinschaftsabsprachen (fællesaftaler) zwischen Regierung und einigen, aber nicht allen, Küstenkommunen, wo zusätzliche Gelder in Projekte fließen. Hier stehen die am meisten gefährdeten Küstenabschnitte im Fokus.

„Das Meer trägt jedes Jahr mehrere Meter des mittleren Teils der Westküste Jütlands ab. Seit 1983 unterstützt der Staat den Schutz der Westküste Jütlands, des am stärksten gefährdeten Küstenabschnitts Dänemarks, durch gemeinsame Vereinbarungen mit den Kommunen Thisted, Lemvig, Holstebro und Ringkøbing-Skjern finanziell“, sagt Lietzen.

Ein jüngeres Beispiel für so eine Absprache findet sich in der Kommune Varde. Sie wurde auf fünf Jahre geschlossen und läuft im Jahr 2024 aus. Hier werden etwa Sandaufspülungen und weitere Maßnahmen im Bereich von Blåvand realisiert, die von Kommune und Staat in dem Zeitraum mit jährlich insgesamt 5,52 Millionen Kronen finanziert werden.

Abgesehen davon gibt es einige Küstenschutzprojekte wie „Byerne og det stigende Havvand“, das 2018 vom Verein Realdania und dem Umweltministerium ins Leben gerufen wurde, sowie diverse EU-life Projekte zum Klima- und Umweltschutz.

Neben den für 2023 ebenfalls veranschlagten weiteren 150 Millionen Kronen Projektförderung werden im Haushaltsentwurf zusätzliche 271,6 Millionen Kronen für den Küstenschutz veranschlagt. Der Staat gibt somit knapp 420 Millionen Kronen für den Küstenschutz aus.

Wie viel die Küstenkommunen investieren, ist unterschiedlich. Allein die Kosten für die Umsetzung des Maßnahmenkatalogs des Küstenschutzprojektes „Unsere Küste“ der Kommune Hadersleben belaufen sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Hier freut man sich zwar über die 8,7 Millionen Kronen Förderung aus dem Pool des Umweltministeriums, hatte aber mehr erhofft, um die Sommerhausgebiete Heisagger und Kelstrup vor Überschwemmungen zu schützen. „Das ist schon mal ein Viertel der Miete!“, sagt Leth Schmidt, Vorsitzender des kommunalen Klimaausschusses und Mitglieder der Schleswigschen Partei (SP) dem „Nordschleswiger“. Ohne Eigenbeteiligung der Grundeigentümer werde es aber auch hier in Zukunft nicht gehen.

Die Kommune Sonderburg (Sønderborg) gibt jährlich eine Million Kronen für Klimaanpassungsmaßnahmen aus. Aktuell gebe es etwa Untersuchungen, wie man Gravenstein (Gråsten) und Ekensund (Egernsund) bei Sturmfluten besser schützen kann, sagt Jane Ruby Hansen, Projektkoordinatorin für Klimaanpassung bei der Kommune. Zuletzt sei 2021 in Gravenstein für eine Million Kronen eine Hochwasserschutzmauer im Fiskenæsvej fertiggestellt worden. „In Sonderborg wird etwa bei der Entwicklung des geplanten Wohngebietes in der Sundgade berücksichtigt, wie widerstandsfähig dieser Bereich bei Sturmfluten sein muss.“

Kommunen sollten nicht entscheiden

Arnbjerg-Nielsen hält die bisherige Strategie, Entscheidungen zum Küstenschutz auf die Kommunen abzuschieben, für nicht ausreichend. Er fordert ebenfalls einen nationalen Klimaanpassungsplan. „​​​Es braucht jemanden, der beschließt, wo man bauen muss und wo man es lässt. Wo lassen wir die Natur Natur sein, und wo müssen wir auf die Menschen aufpassen, die von Sturmfluten betroffen sind?“

Immer häufiger heißte es Landunter in Kelstrup und Heisagger. Foto: Viggo Hjort Kohberg

Ein staatlicher Plan müsse die ganze Küstenlinie berücksichtigen und Gebiete festlegen, die geschützt werden müssen. Dabei werde es auch Gebiete geben, wo man den Kampf gegen die Natur aufgeben muss. An einigen Stellen sei es das beste, wenn man die Bevölkerung umsiedelt, sagt der Klimaexperte. „Diese schwierigen Aufgaben müssen auf einer anderen Ebene als der kommunalen entschieden werden.“

Neue Bewerbungsrunde für das Jahr 2023

Für Aufmunterung bei den Kommunen, die bei der Förderrunde diesmal leer ausgegangen sind, versucht Kristian Hanstedt zu sorgen. Zwar hätten einige der Projekte in der Vergangenheit bereits Gelder erhalten oder aktuell nicht die Anforderungen erfüllt. Diese könnten sich aber erneut bewerben, so der Chef im Küstendirektorat. Für das Jahr 2023 erwartet er erneut großes Interesse. „Wir wissen, dass es da draußen gute Projekte in der Pipeline gibt.“ Insgesamt werden 2023 nochmals 150 Millionen Kronen ausgeschüttet.

In Hedensted will man sich erneut bewerben. „Wir denken, dass wir die Anforderung erfüllen und werden mit dem Direktorat sprechen, was wir eventuell verkehrt gemacht haben“, sagt Ole Vind. Vielleicht bekommt Juelsminde dann noch rechtzeitig seine Küstenschutzanlagen. In der Gemeinde befürchtet man, dass schon die nächste Sturmflut so stark sein könnte, dass sie den Ort überschwemmt.

Im Nachbarland Deutschland verfolgt man bereits eine Art nationalen Küstenschutzplan. Die dänischen Investitionen lassen sich mit denen in Deutschland wegen der unterschiedlichen Wirtschaftskraft und verschiedenen Zuständigkeiten kaum vergleichen. Zieht man bei der Betrachtung die Küstenlinie heran, wird es etwas einfacher. Dänemark hat rund 7.300 Kilometer Küste. Die staatlichen 150 Millionen Kronen für den investiven Küstenschutz ­­− also neue Bauvorhaben − scheinen mit Blick nach Süden vergleichsweise gering.

Deutschland besitzt nur 2.389 Kilometer Küstenlinie und investiert allein mit einem „Sonderrahmenplan Küstenschutz“ seit 2009 jährlich rund 25 Millionen Euro (185 Millionen Kronen) in die beschleunigte Verstärkung von Küstenschutzanlagen in den fünf Küstenländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern sowie Hamburg und Bremen.

Die im Jahr 2025 auslaufende zusätzliche Förderung wurde 2022 mit Blick auf den fortschreitenden Klimawandel bis zum Jahr 2040 verlängert und gleichzeitig um rund 5 Millionen Euro (37 Millionen Kronen) jährlich aufgestockt.

So viel investiert Schleswig-Holstein

Davon profitiert auch Schleswig-Holstein, das mit 1.125 Kilometern fast die Hälfte der deutschen Küstenlinie zu sichern hat. Dem Bundesland stehen für den investiven Küstenschutz in diesem Jahr rund 58,7 Millionen Euro (436 Millionen Kronen) zur Verfügung, die sich aus Geldern von Bund (70 Prozent) und Land (30 Prozent) für die „Gemeinschaftsaufgabe Küstenschutz (GAK)“, dem „Sonderrahmenplan Küstenschutz (SRP)“ und weiteren Sondervermögen, Förderungen sowie EU-Mitteln zusammensetzen.

„Durch den Sonderrahmenplan stehen Schleswig-Holstein in diesem Jahr erstmalig 13,2 Millionen Euro (98 Millionen Kronen) zur Verfügung“, sagt Matthias Kissing vom Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein auf Nachfrage.

Neben den Mitteln für den investiven Küstenschutz stehen dem Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN.SH) weitere 23 Millionen Euro (171 Millionen Kronen) jährlich für die Unterhaltung der Küstenschutzbauwerke zur Verfügung. Insgesamt kann das nördlichste Bundesland im Jahr 2023 knapp 81,7 Millionen Euro (607 Millionen Kronen) in Deiche, Sperrwerke oder Sandaufspülungen investieren.

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