Leitartikel

„Das Potenzial der gesellschaftlichen Vielfalt wird in Dänemark unterschätzt“

Das Potenzial der gesellschaftlichen Vielfalt wird in Dänemark unterschätzt

Potenzial der gesellschaftlichen Vielfalt wird unterschätzt

Apenrade/Aabenraa
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Die „Familie Dänemark“ bleibt gerne unter sich – auch in den Medien. Cornelius von Tiedemann meint, dass es im eigenen Interesse klug wäre, die Familie zu erweitern und all jene aufzunehmen, die schon längst da sind. Ansonsten drohe der Zerfall.

Die Tageszeitung „Politiken“ berichtete kürzlich, dass von den 225 neuen Journalismus-Studierenden an der dänischen Journalismus-Hochschule schlechthin, der DMJX, nur eine einzige Person einen „anderen ethnischen Hintergrund als Dänisch“ hat.

Heißt: Wenn diese Generation von Journalistinnen und Journalisten eines Tages zur sogenannten Vierten Gewalt wird, die Regierenden kontrolliert und die Bevölkerung informiert, dann wird sie dies fast ausschließlich aus der Warte weißer, alteingesessener Däninnen und Dänen tun. Die Abertausenden Mitbürgerinnen und Mitbürger mit anderen Wurzeln, die die dänische Gesellschaft in allen Bereichen bereichern, werden lediglich als „die“ vorkommen, über die „wir“ aus „unserer“ Sicht berichten.

Dabei ist Dänemark heute eine vielfältige, eine diverse Gesellschaft. Auch was die Herkunft der Mitbürgerinnen und Mitbürger angeht. 14 Prozent der Menschen hierzulande haben einen sogenannten „anderen ethnischen Hintergrund als dänisch“.

Doch der Studie zufolge, die „Politiken“ zitiert, werden auch heute schon weniger als 1 Prozent der Nachrichten in Dänemark von Menschen aus dieser Gruppe produziert, und nur 3,5 Prozent aller zitierten Quellen in den dänischen Medien gehören dieser Gruppe an. Und die Nachrichtenbranche ist nur ein Beispiel, wenngleich ein zentrales.

Durch diese Schieflage kann keine gesellschaftliche Zusammenhangskraft entstehen, wie sie zum Beispiel die regierende Sozialdemokratie gerne hätte.

Stattdessen entstehen tiefe Risse in der Gesellschaft, wenn Bevölkerungsgruppen sich nicht repräsentiert fühlen.

Das haben diejenigen, die Angst vor Einwanderung, „Überfremdung“ und kultureller Vielfalt haben, stets für sich beansprucht. Niemand höre ihre Stimme, klagten und klagen sie. Dabei haben sie längst ihre Sprachrohre in Politik und Medien und kommen unverhältnismäßig häufig und vor allem lautstark zu Wort.

Doch während die ausländerfeindliche Minderheit in Dänemark die politische Tagesordnung mitbestimmt, wird über die andere Seite noch immer als Sonderfall, als Phänomen berichtet. Und das, obwohl es längst Eingewanderte und ihre Nachkommen sind, die die dänische Gesellschaft und Wohlfahrt mittragen.

Es bringt nichts, die Augen vor den vielen Problemen, die die Integration von Menschen aus anderen Ländern bedeutet, zu verschließen, das sagen zu Recht in Dänemark heute fast alle, egal welcher Partei oder Denkrichtung sie angehören.

Doch genau dies passiert, wenn die dänische Politik und die dänischen Medien nicht endlich offen damit umgehen, dass Dänemark Teil einer sich verändernden Welt ist, in der Heimat und Gemeinschaft nicht mehr kulturnationalistisch und ethnisch definiert werden können und dürfen.

Wer sich in den Reden der Politikerinnen und Politiker, in den Berichten in Internet, Radio, Fernsehen und Zeitungen, in der Werbung, in den Filmen und im Sport nur selten als ganz normaler Mensch wiederfindet – sondern wenn überhaupt, dann als positiver oder negativer Sonderfall im Themenbereich Integration –, dem wird es geradezu aufgedrängt, sich von dieser Gesellschaft abzuwenden.

Denn was die Medien ihnen zu sagen haben, ist für sie in weiten Teilen gar nicht relevant. Es richtet sich nicht an sie, selbst wenn es um sie geht.

Umso bemerkenswerter, wie hartnäckig sich die allermeisten mit einem „Migrationshintergrund“ in Dänemark dennoch darum bemühen, dazuzugehören.

Es stimmt ja: Integrationswillen muss gefordert und vorausgesetzt werden – aber eben unbedingt auf allen Seiten!

Menschen, Medien und Politikerinnen, die Teile der Bevölkerung bewusst oder unbewusst ausschließen oder ignorieren, machen sich ebenso am Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhanges schuldig, wie jene, die die geschriebenen und ungeschriebenen dänischen gesellschaftlichen Normen ablehnen.

Ob es nun Eingewanderte und ihre Nachfahren sind, Rockerinnen und Rocker oder Juppies, die glauben, dass für sie andere Maßstäbe gelten als für andere.

In Dänemark wird das Potenzial der gesellschaftlichen Vielfalt noch immer unterschätzt. In Bereichen wie Geschlechtergerechtigkeit und Kampf gegen Heteronormativität ist viel passiert, wenngleich noch lange nicht genug.

Doch die dänische Gesellschaft verliert gerade durch die als Selbstschutz verkaufte Doktrin der Homogenität an Zusammenhangskraft. Und damit an Dynamik und jenem dänischen Schwung, der bisher so viele in so vielen Bereichen mitgerissen hat. Im Lande selbst – und international.

Es ist grundsätzlich kein Problem für eine Gesellschaft, wenn Menschen dazukommen.

Es wird erst dann zum Problem, wenn sie nicht gewollt sind.

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