wort zum Sonntag

„Staatsbürgerschaften“

Staatsbürgerschaften

Staatsbürgerschaften

Hauptpastorin Dr. Rajah Scheepers der Sankt Petri Kirche, Die deutschsprachige Gemeinde in der Dänischen Volkskirche
Rajah Scheepers
Kopenhagen
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Wort zum Sonntag, 14. April 2024, von Pastorin Rajah Scheepers.

Heute begehen wir den 265. Todestag von Georg Friedrich Händel. Erst kurz vor Ostern hatte ich die Gelegenheit, seine beeindruckende Oper „Saul“ hier in der Kopenhagener Oper zu sehen. Es war eine inspirierende Inszenierung, wenn auch leider unser König nicht anwesend war – anders als bei der hiesigen Premiere. 

Ich habe mich immer gefragt, ob Händel eigentlich ein deutscher oder ein britischer Komponist gewesen ist – der Name kam mir mit dem „ä“ doch arg deutsch vor, aber intuitiv verortete ich ihn in das Vereinigte Königreich. Inzwischen ist mir klar geworden, dass ich die falsche Frage gestellt hatte, dass ich mit diesem kleinen, harmlosen Wörtchen „oder“ auf dem Holzweg gewesen war. Er war nicht britisch oder deutsch, sondern deutsch und britisch.

Wenn ich mit unseren Konfirmand:innen auf Fahrt in Berlin bin und sie mühelos zwischen deutsch und dänisch in der U-Bahn hin- und herwechseln, gibt es jedes Mal einen Fahrgast, der interessiert nachfragt: „Seid Ihr Deutsche oder Dänen?“ Meine Konfis schauen dann immer etwas überrascht, denn diese Frage irritiert sie. Sie sind beides, oder eins davon mehr und das andere weniger oder etwas ganz anderes. Ihre Identitäten bestimmen sie nach ihrem eigenen Selbstverständnis durch Tausende Kategorien, aber nicht durch ihren Pass. 

Zumal der ja auch kein eindeutiger Hinweis ist. Ich kenne Menschen, die nur einen dänischen Pass haben, obwohl ich dachte, sie seien absolut „deutsch“ - und umgekehrt. Mein jüngstes Kind wird nächstes Jahr im Sommer die eine Hälfte ihres Lebens in Berlin und die andere in Kopenhagen gelebt haben. Ist sie nun eher Dänin oder Deutsche? Oder beides? Oder nur Deutsche?

Ich selber sehe mich als Deutsche, aber „unseren“ König sehe ich auch als „meinen“. Ich bezahle in diesem Land Steuern, darf hier leider nicht wählen und fühle mich doch auch ein wenig zugehörig.

Lustigerweise werden diese Fragen schon in der Bibel diskutiert, obwohl es damals noch keine Pässe gab. So heißt es dort: „Wir dagegen haben schon jetzt ein Bürgerrecht im Himmel, bei Gott. Von dorther erwarten wir auch unseren Retter, Jesus Christus, den Herrn.“ (Epheserbrief 2,6) Das finde ich richtig schön. Ganz ohne Einbürgerungstest oder leibliche Abstammung bin ich Bürgerin im Himmel. Einfach so, durch meine Taufe vor 35 Jahren. Und dieses Bürgerrecht teile ich mit Milliarden von Christ:innen vor mir und nach mir auf der ganzen Welt. Es verleiht mir eine Mobilität, zwischen den irdischen Ländern hin- und herzuwandern, vielleicht wie vor 300 Jahren Georg Friedrich Händel. Ich kann überall auf Erden Bürgerin und zu Hause sein – und bin es garantiert immer im Himmel.    

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