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Nicht wegwerfen: Was „Historie Haderslev“ aus Krempel macht

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Nele Kiel stammt von der Insel Sylt und aus der dänischen Minderheit. In „Historie Haderslev“ hat sie eine berufliche Heimat gefunden. Hier ist sie in dem neuen, kommuneübergreifenden Archivgebäude am Kløvervej zu sehen, dessen Regale darauf warten, befüllt zu werden.

„Bevor ihr alte Sachen wegwerft, bringt sie zu uns!“, sagt Archivarin Sidsel von Qualen. Das kommuneübergreifende Archiv „Historie Haderslev“ hütet, was sonst verloren geht. Für viele im Grenzland bedeutet das mehr als Erinnerung – es ist die Chance, ihre Geschichte(n) zu bewahren und neu zu entdecken.

Wer alte Fotos, Briefe oder Filme findet, fragt sich vielleicht: Wohin mit dem „Krempel“? Darauf gibt Sidsel von Qualen bei einem Ortstermin im Archiv „Historie Haderslev“ eine klare Antwort: „Bevor ihr alte Sachen wegwerft, bringt sie zu uns!“

Im neuen Archivgebäude am Kløvervej landen deshalb immer öfter Fotos, Filme und Briefe aus Haushaltsauflösungen. Seit der Eröffnung bietet das Gebäude dafür ausreichend Platz. Sidsel von Qualen, Nele Kiel und das übrige Team sammeln dort historisch wertvolles Material und sichern es für kommende Generationen – auch über Ländergrenzen hinweg.

Ein Teil dieser Arbeit lief bis Ende 2025 im Rahmen eines Interreg-Projekts, das Archive auf deutscher und dänischer Seite zusammenbrachte, unter Federführung von „Historie Haderslev“. Unabhängig vom Projekt archiviert das Team am Standort auch Dokumente aus den anderen drei nordschleswigschen Kommunen. Die Fachleute reinigen brüchige Filme, digitalisieren altes Material und registrieren Bestände, bevor Zeit und Zerfall ihnen zuvorkommen.

Archivarin Sidsel von Qualen stammt aus der deutschen Minderheit. Hier ist sie vor dem Schularchiv zu sehen: Laut dänischem Archivgesetz müssen alle Unterlagen der Kommunalschulen aufbewahrt werden.

Geschichte retten, bevor sie verschwindet

Ein Filmbrett der Marke Eigenbau: Mit dessen Hilfe rollt Nele Kiel alte Filme auf.

Im Archiv zählt oft jede Stunde. Alte Filme riechen nach Essig, Zellulose setzt zum Zerfall an, Tonträger halten manchmal nur noch einen letzten Durchlauf aus.

„Das war das letzte Mal, dass ich diesen Film abspielen konnte“, sagt Nele Kiel über einen Streifen aus den 1940er-Jahren aus dem lokalhistorischen Archiv in Bau (Bov). Denn auch Ehrenamtliche aus lokalen Archiven in Nordschleswig zählen zur Kundschaft von „Historie Haderslev“. 

Eldorado für Ahnenforschung

Diesen Filmtisch hat das Archiv von der Firma Danfoss bekommen. „Für uns ist es ein unentbehrliches Werkzeug geworden“, sagt Nele Kiel.

Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Archive erleichtert die Familienforschung. Immer mehr Menschen suchen Spuren ihrer Vorfahren. Anfragen erreichen das Archiv täglich, oft aus dem Ausland. „Wir bekommen unter anderem E-Mails aus Kanada oder Peru“, sagt Sidsel von Qualen. „Wenn wir nicht helfen können, vermitteln wir Kontakte. Geschichte endet bei uns nicht an der Grenze.“

Zu ihrem Alltag am Kløvervej gehört auch der fachliche Austausch mit dem Deutschen Museum Sonderburg, mit Leiter Hauke Grella und Nina Jebsen, Archivleiterin des Museums.

Geschichte verstehen – bevor andere sie verdrehen

Es gibt noch einiges zu sortieren im nordschleswigschen Kommunalarchiv.

Nele Kiel denkt das Archiv weiter – vor dem Hintergrund dessen, was täglich durch Feeds und Chats rauscht. Sie plant, Schulklassen mit Künstlicher Intelligenz arbeiten zu lassen, zu zeigen, wie echt sie scheinen – und wie leicht sie zu manipulieren sind. „Man kann Geschichte lebendig machen, aber auch manipulieren“, sagt Nele Kiel. Gerade in Zeiten von Fake News wolle sie den Blick junger Menschen dafür schärfen, genau hinzusehen, Quellen zu prüfen und nicht alles für bare Münze zu nehmen. Sie sollen Zusammenhänge verstehen, die andere verdrehen. Kein einfacher Job. Aber ein wichtiger.

Zusammenarbeit ohne Grenze: Was dahintersteckt

Am Interreg-Projekt beteiligten sich neben „Historie Haderslev“ das Stadtarchiv Flensburg, das Kreis- und Stadtarchiv Schleswig-Flensburg sowie das Landesarchiv Schleswig-Holstein. Das Projekt lief von November 2024 bis November 2025 und endete im vergangenen Jahr. Ein Ergebnis ist eine zweisprachige Anleitung für grenzüberschreitende Familienforschung.

 

Endlich mehr Platz: Kürzlich weihte die Kommune das Archivgebäude ein, das die bestehenden Räumlichkeiten ergänzt. Hadersleben verwaltet auch die Akten der anderen drei Kommunen aus dem Landesteil.