Lebenswege

Marie-Louise Sørensen erfindet sich beruflich immer wieder neu

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Von 2008 bis zum Oktober dieses Jahres ist Marie-Louise Sørensen jeden Tag schwimmen gegangen.

Sie liebt das Ungewöhnliche. Mag es, herausgefordert zu werden. Dieses Lebensmodell hat sich die 48-Jährige nicht nur als Lehrerin, Kindermädchen, Sekretärin, Gemeindepastorin, Krankenhausseelsorgerin oder Therapeutin erfüllt. Stets mit einem Ziel vor Augen und dennoch flexibel auf dem Weg dorthin. Auch ihre Hobbys sind eine echte Aufgabe.

Ihr Motto: sich bewegen, um sein Ziel zu erreichen. Beruflich hat sich in Marie-Louise Sørensens Leben so viel bewegt, dass Eintönigkeit und jahrelange Routine bislang keine Chance hatten, ihren Alltag zu bestimmen. An rund 20 verschiedenen Orten und Einrichtungen hat sie bisher gearbeitet und sich aus- oder fortgebildet – zunächst in Dänemark und jetzt in Norwegen.

„Ich mag Herausforderungen sehr gerne – das Außergewöhnliche. Das, was alle anderen machen, ist nicht so mein Ding. Ich setze mir ein Ziel und sehe zu, dass ich dahinkomme, auch wenn es lange dauert. Unterwegs bin ich aber offen für Änderungen“, erzählt die 48-Jährige.

Theologiestudium mit Mitte 30

Nach etlichen Jahren Berufstätigkeit – als Lehrerin für Deutsch, Englisch und Religion, Projektleiterin bei der Firma Jebsen in Apenrade und Kindermädchen in Hongkong, selbstständige Projekt-Koordinatorin und Sekretärin sowie Mitarbeiterin im Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen – hat Marie-Louise Sørensen mit Mitte 30 ein Theologiestudium begonnen.

Ausschlaggebend dafür war eine persönliche Lebenssituation, in der ihr Freunde auf den richtigen Weg geholfen hatten. „Ich hatte um Hilfe gebeten und habe Hilfe bekommen.“ Für sie sei da eine höhere Macht im Spiel gewesen. „Da wurde mir klar, dass ich gläubig bin.“ Der Plan, Theologie zu studieren, reifte heran.

Dass die heute 48-Jährige „von Natur aus gerne dynamisch und aktiv“ ist, belegt auch etwa eine zehnwöchige, rund 2.000 Kilometer lange, Pilgerwanderung von Krusau (Kruså) nach Rom, die sie im Sommer 2014 als Feldstudium in Vorbereitung auf den Master in Theologie unternahm. „733 Kilometer bin ich gefahren und 1.426 Kilometer zu Fuß gelaufen.“ Allein! Auf einer selbst ausgearbeiteten Route, auf der sie keine anderen Pilgernden traf. „Ich habe bei dieser Wanderung gelernt, dass ich jeden Schritt gehen kann, auch wenn es noch so schwierig ist.“

Als Pastorin arbeitete die heute 48-Jährige unter anderem in Nordjütland – hier in der Kirche zu Uggerby bei Hirtshals.

Læsø: Zehn Gottesdienste an sieben Tagen

Die nächsten beruflichen Schritte waren dann nach dem Besuch der Pastorenschule in Kopenhagen überwiegend von Vertretungen geprägt. Am Anfang stand eine Schwangerschaftsvertretung als Pastorin auf der Insel Læsø, wo ein Bischof sie Mitte Dezember 2016 in ihr Amt einführte. „Ich dachte, das wird eine ruhige Stelle, wo ich in meiner Freizeit viel wandern und viel lesen kann. Aber es war ein krasser Anfang dort, mit zehn Gottesdiensten in den ersten sieben Tagen – drei Schulgottesdienste, einer in einem Pflegeheim und vier am Heiligen Abend. Die Leute dort sind sehr engagiert in der Kirche – und das erwarten sie auch von ihrem Pastor oder ihrer Pastorin.“ Viel gelesen hat sie in den elf Monaten allerdings nicht.

Es folgten kurze Vertretungsjobs in Nordjütland. „Dann wollte ich gern zurück nach Kopenhagen“, erzählt Marie-Louise Sørensen. Sie bekam eine Vertretung als Gemeindepastorin in Gentofte, einem Vorort der Hauptstadt. Gewünscht hatte sie sich eigentlich eine Stelle als Krankenhauspastorin. Doch auf dem Gebiet gibt es nicht allzu viele Festanstellungen. „Ich habe überlegt, wie ich mich weiterbilden kann, um in der Seelsorge mehr Chancen auf eine feste Stelle zu haben.“

Ich stelle die richtigen Fragen, um Menschen zu helfen, ihren Weg zu finden.

Marie-Louise Sørensen

Schließlich fand sie ein Weiterbildungsangebot an der Uni Bern und flog dafür parallel zu ihrem Brotjob für drei Weiterbildungskurse in Krankenhausseelsorge, Lösungsorientierter und Systemischer Seelsorge in die Schweiz.

Weitere Vertretungsjobs in verschiedenen Stellen und verschiedenen Krankenhäusern in Kopenhagen folgten und 2021 eine befristete Stelle als Seelsorgerin an der Uniklinik in Tromsø/Norwegen. Eine weitere Herausforderung „in superschöner Natur, mit neuer Kultur und Sprache – und viel Dunkelheit“.

Polarlichter über Tromsø

Doch dann erkrankte Marie-Louises Mutter schwer. Sie lebte in einem Pflegeheim in Grenaa. „Um in ihrer Nähe zu sein, bin ich nach Hammel bei Aarhus gezogen und hatte dann eine halbe Stelle als Gemeindepastorin in Silkeborg und eine halbe in der Krankenhausseelsorge in Hammel.“ Nach dem Tod ihrer Mutter im März 2023 übernahm Marie-Louise eine weitere Vertretung – diesmal am Krankenhaus in Herlev.

Tageslicht nur von 10 bis 14 Uhr

Positiv an den zeitbegrenzten Arbeitsstellen sind für sie die vielen damit verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen. „Auch wenn die Zeit am jeweiligen Arbeitsplatz begrenzt ist, engagiere ich mich sehr stark bei dem, was ich gerade mache.“

Mittlerweile arbeitet sie wieder in Norwegen. Im Norden des Landes, in Setermoen in der Kommune Bardu. Herausfordernd ist zurzeit die Dunkelheit. „Es wird erst gegen 10 Uhr hell, und um 14 Uhr ist es richtig dunkel. Die Sonne geht gar nicht mehr auf. Das ist absolut speziell.“ Marie-Louise ist dort Therapeutin in einer psychiatrischen Klinik für Menschen mit Traumafolgen.

Warum sie für diese Arbeit – und die Seelsorge generell – prädestiniert ist? „Ich höre gut zu und bin 100-prozentig da. Dann sehe ich vieles und stelle die richtigen Fragen, um den Menschen zu helfen, ihren Weg zu finden oder etwa den Schmerz auszuhalten während einer Trauerzeit.“

Marie-Louise Sørensen genießt die norwegische Natur.

Die Stelle ist – wieder mal – ein Arbeitsplatz auf Zeit. „Aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass es mit einer festen Stelle in Kopenhagen klappt.“

Apropos bewegen. Viele, viele Jahre war das Schwimmen ihreKraftquelle. Das ganze Jahr über. Jeden Tag. Auch im Winter. „Beim Schwimmen bin ich einfach nur da. Vollkommen bei mir. Wenn ich aus dem kalten Wasser komme, fühle ich mich jedes Mal wie neu geboren.“

Das Arbeitsleben wünscht sie sich mittlerweile etwas ruhiger. Ihr Traum: eine feste Stelle als Seelsorgerin in Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt ist ihr Zuhause. „Weil dort meine Wurzeln sind. Da habe ich mein Leben aufgebaut.“ Kontakte nach Nordschleswig hat sie nach wie vor. „Dort hat sich meine Identität gebildet“, sagt sie.

So sah es im Oktober an der Badestelle aus, wo Marie-Louise Sørensen noch bis vor Kurzem jeden Tag geschwommen ist.

„Ich werde mein Wissen immer erweitern wollen“

„Ich möchte nicht mehr ständig unterwegs sein, mache aber so lange Vertretungen, bis es mit einer festen Stelle klappt. Der Drang und die Lust, mein Wissen zu erweitern, werden aber nie ganz aufhören.“

Und eben darum büffelt Marie-Louise Sørensen gerade parallel zu ihrer Arbeit für ein Masterstudium in Bergen – eine Weiterbildung in Krisenpsychologie. „Ich stehe um 4 Uhr auf, bereite mich bis 6 Uhr auf die Prüfung vor. Das ist gar nicht so schwierig, weil es sowieso bis 10 Uhr dunkel ist. Abends geht es dann weiter.“

Wenn dieser Artikel erscheint, hat sie ihre Prüfungsarbeit bereits abgegeben.

Zur Person

Marie-Louise Sørensen (48) wurde in Grenaa geboren und ist das zweitjüngste von insgesamt sieben Kindern. Ihre Mutter ist Engländerin, ihr Vater Däne. 1990 kam Marie-Louise nach Nordschleswig. Hier besuchte sie zunächst zwei Jahre die Deutsche Nachschule Tingleff, anschließend das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade. „Dort habe ich begonnen, mich für die Minderheit zu engagieren, weil ich mich ihr zugehörig fühlte.“

In diesem Haus in Setermoen in Nordnorwegen lebt Marie-Louise Sørensen zurzeit.