Diese Woche in Kopenhagen

„Weniger Stress für die Folketingsabgeordneten – und damit bessere Beschlüsse“

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Die Volksvertreterinnen und -vertreter auf Christiansborg müssten sich klonen, wollten sie all ihren Verpflichtungen nachkommen. Statt auf die Gentechnologie zu setzen, ist der Vorsitz des Folketings auf eine einfachere Lösung gekommen. Bravo, meint Walter Turnowsky. Denn gestresste Folketingsmitglieder schaden nicht nur ihrer eigenen Gesundheit.

Der erfahrene Politiker Hans Christian Schmidt (Venstre) aus Woyens (Vojens) ist zweifelsohne ein Mann mit vielen Talenten. Eines kann er jedoch nicht: sich in mehrere Personen aufteilen.

Doch genau das wäre nötig, wollte er am Donnerstag all seinen Verpflichtungen als Folketingsabgeordneter gerecht werden. Schmidt ist Vorsitzender des Kulturausschusses, der an diesem Tag um 10 Uhr tagt.

Damit wird es mehr als knapp, wenn er auch an der Sitzung des Kinder- und Unterrichtsausschusses teilnehmen möchte, dem er ebenfalls angehört. Diese beginnt nämlich um 10.15 Uhr.

Seinem sozialdemokratischen Kollegen Jesper Petersen ergeht es nicht anders. Auch er ist in beiden Ausschüssen vertreten und muss sich daher für eine der Sitzungen entscheiden. Die ebenfalls um 10 Uhr beginnende Sitzung im Plenarsaal fällt für beide damit ohnehin flach.

Überschneidende Sitzungen als Stressfaktor

Im Folketing gibt es 30 Ausschüsse, und Beispiele wie das oben genannte lassen sich beinahe täglich finden. Der Donnerstag war vollkommen zufällig herausgegriffen. Doch jetzt möchte das Folketing das Problem mit einem einfachen Trick lösen – worin er besteht, erkläre ich später.

Für solch einen Trick gibt es gute Gründe. Denn die sich überschneidenden Sitzungen können den Damen und Herren Abgeordneten schon einmal Bauchschmerzen bereiten, wenn sie allem gerecht werden wollen. Davon berichtete die Direktorin des Folketings, Marie Hansen, bei der diesjährigen Neujahrstagung des Bundes Deutscher Nordschleswiger in Sankelmark.

„Da überschneiden sich laufend Termine und man kann nicht an allen Sitzungen teilnehmen. Gerade für neue Abgeordnete, die ihr Amt so gewissenhaft wie möglich ausführen wollen, kann das zum Stressfaktor werden“, so die oberste Beamtin des Parlaments.

Abgeordnete haben wöchentlich Symptome

Das Präsidium des Folketings hat im Februar eine Studie vorgestellt, die es selbst in Auftrag gegeben hat. Diese zeigt, dass 24 Prozent der Abgeordneten wöchentlich physische Stresssymptome erleben. 30 Prozent berichten von kognitiven Symptomen wie Konzentrations- und Gedächtnisproblemen, und ganze 35 Prozent zeigen Burn-out-Symptome.

Das ist für die einzelne Person weder angenehm noch sonderlich gesund, aber es tut auch der Demokratie nicht gut. Die Abgeordneten sollen schließlich fast täglich Entscheidungen fällen, die für deinen und meinen Alltag wichtig sind. Und Personen mit Stress tun sich schwerer, Entscheidungen zu fällen.

60-Stunden-Arbeitswoche

Nun sind es selbstverständlich nicht nur die vielen Ausschusssitzungen, die Stress erzeugen. Vorschläge müssen erarbeitet und Partei- und Fraktionsveranstaltungen besucht werden. Und dann kommen die Kommunikationsaufgaben obendrauf. Von frühmorgens bis spätabends werden Nachrichten produziert. Und die sozialen Medien schlafen überhaupt nie.

So haben die Abgeordneten – auch das zeigt die Studie des Präsidiums – eine 60-Stunden-Arbeitswoche. Marie Hansen sprach in Sankelmark von „Politik auf Speed“.

Der Vorsitz des Folketings ist auf das Problem aufmerksam geworden und hat am Donnerstag einen ersten Schritt unternommen, um die Politik zu entschleunigen. Man einigte sich mit den Parteien darauf, die Zahl der Ausschüsse nach der kommenden Wahl von 30 auf 20 zu reduzieren.

Die künftigen Folketingsmitglieder müssen damit seltener zu zwei oder drei Sitzungen gleichzeitig gehen. Das wird ihrer Gesundheit guttun – und unserer Demokratie ebenso.