Gastkommentar

„Ohnmacht – und wie wir ihr begegnen“

Veröffentlicht Geändert
Peter Asmussen
Peter Asmussen

Wenn Bürgerinnen und Bürger sich ohnmächtig fühlen, gerät die Demokratie ins Wanken. Peter Asmussen von der Schleswigschen Partei ruft in seinem Gastkommentar dazu auf, aus Ohnmacht wieder Handlungskraft zu schöpfen.

Ohnmacht – allein das Wort klingt schwer, beinahe beschämend. Es riecht nach Schwäche, nach Resignation, nach Aufgeben. Und doch müssen wir darüber sprechen. Der deutsche Journalist und Gesellschaftsanalytiker Mathias Greffrath, Jahrgang 1945, hat kürzlich in einem Essay dieses Thema aufgegriffen. Seine Gedanken haben mich tief inspiriert. Er zeigt, dass Ohnmacht nicht nur ein persönliches Schicksal ist, sondern auch eine politische Herausforderung – vielleicht sogar eine Todsünde für die Demokratie.

Schon als Kinder lernen wir, was Ohnmacht bedeutet: wenn wir nicht gehört werden, wenn wir nichts bewirken können, wenn wir uns klein und hilflos fühlen. Diese Erfahrung begleitet uns ins Erwachsenenleben. Später versuchen wir, sie zu verbergen – denn wer gesteht schon gerne ein, ohnmächtig zu sein? Doch das Gefühl bleibt. Und es kann unser gemeinschaftliches Leben durchdringen, auch die Politik.

Wir sehen es, wenn Bürgerinnen und Bürger erleben, dass Entscheidungen ohnehin über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Wenn große gesellschaftliche Veränderungen – Klimakrise, Globalisierung, technologischer Wandel – als zu übermächtig erscheinen. Wenn die einzelne Stimme im System unterzugehen droht. Dann wächst die Ohnmacht. Sie lässt uns sagen: „Es hat ja doch keinen Sinn.“ Genau an diesem Punkt aber wird die Demokratie geschwächt.

Greffrath nennt das eine Todsünde, weil Ohnmacht Passivität hervorbringt. Und Passivität öffnet die Tür dafür, dass andere – starke Führungsfiguren, Systeme, Algorithmen – das Heft in die Hand nehmen. Wenn sich die Bürger zurückziehen, verliert die Demokratie ihr Fundament.

Was tun wir also? Zuerst müssen wir anerkennen, dass Ohnmacht ein Grundfaktum des Lebens ist. Niemand kann alles. Niemand hat volle Kontrolle. Aber wir können wählen, wie wir reagieren. Wir können uns in Resignation einschließen – oder die Erfahrung in Erkenntnis verwandeln. Wir können sagen: Ja, wir sind begrenzt. Aber gerade deshalb brauchen wir Gemeinschaft, Solidarität und demokratische Zusammenschlüsse, in denen wir gemeinsam tragen.

Ich glaube, viele Menschen in Dänemark spüren heute dieses Gefühl der Ohnmacht. Wir sehen, wie der Klimawandel unsere Küsten bedroht. Wir sehen, wie der Pflegesektor an seine Grenzen stößt. Wir erleben, wie Innenstädte unter dem Druck von Online-Handel und Zentralisierung ums Überleben kämpfen. All das wirkt überwältigend. Aber wenn wir der Ohnmacht nachgeben, geschieht gar nichts.

Darin liegt die Herausforderung – und zugleich die Hoffnung. Denn die Geschichte zeigt, dass Ohnmacht in Handlungskraft verwandelt werden kann, wenn Menschen zusammenfinden. Denken wir an Dorfgemeinschaften, die Verantwortung für die lokale Entwicklung übernehmen. Denken wir an Bürgerinitiativen, die Küstenschutz oder grüne Transformation einfordern. Denken wir an Vereine, Ehrenamtliche, Engagierte. Hier entsteht etwas, weil man die Erfahrung teilt – und gemeinsam handelt.

Ich bin dankbar, dass mich die Worte von Mathias Greffrath daran erinnert haben. Ohnmacht ist keine Schande. Sie gehört zum Leben. Aber sie darf nicht das letzte Wort haben. Demokratie lebt davon, dass wir darauf bestehen, dass unsere Stimmen zählen und dass wir die Welt verändern können – wenn nicht die ganze Welt, dann doch unsere eigene Stadt, unsere Nachbarschaft, unser Gemeinschaftsleben.

Wenn wir wagen, über Ohnmacht zu sprechen, können wir sie auch überwinden. Vielleicht ist genau das die wichtigste Mahnung: Ohnmacht ist unausweichlich – aber sie kann der Anfang von etwas Neuem sein.

Peter Asmussen, 

aktiver Senior mit langjähriger Lebenserfahrung, wohnhaft in Apenrade und Kandidat der Schleswigschen Partei bei der Kommunalwahl 2025

Die in diesem Gastkommentar vorgebrachten Inhalte sind nicht von der Redaktion auf ihre Richtigkeit überprüft. Sie spiegeln die Meinung der Autorin oder des Autors wider und repräsentieren nicht die Haltung des „Nordschleswigers“.