Leserbrief

„Immer wieder um den heißen Brei herumreden“

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„Så går vi rundt om en Enebærbusk …“ – dieses Kinderlied kommt Dorthe Schmidtroth Madsen jedes Mal in den Sinn, wenn aus Politik, Wirtschaft und Verbänden über das schwindende Interesse an Deutsch geklagt wird. In ihrem Leserbrief reagiert die Gymnasiallehrerin auf den „Nordschleswiger“-Artikel „So kann der Niedergang von Deutsch gestoppt werden“ und wirft dem System einen endlosen „Stuhltanz“ vor. Sie fordert einen echten Kurswechsel.

Viele Kinder auf beiden Seiten der deutsch-dänischen Grenze kennen das Lied: „Så går vi rundt om en Enebærbusk. Enebærbusk. Enebærbusk. Så går vi rundt om en Enebærbusk, tidlig mandag morgen.“

Jedes Mal, wenn Politiker, Forscher und die Wirtschaft das fehlende Interesse an Deutsch beklagen, kommt mir immer wieder dieses Lied ins Gedächtnis. Beim Singen habe ich dann auch immer ein bestimmtes Bild im Kopf: Wie bei einem jährlichen Rendezvous treffen sich dieselben Menschen; Fürsprecher der deutschen Sprache und ihrer Bedeutung in Dänemark.

Man einigt sich auf den Stuhltanz „Die Reise nach Jerusalem“, der auf beiden Seiten der Grenze praktiziert wird. Man kennt sich – alle haben ein Herz für Deutsch. Beim Tanzen predigen dann alle: „Så går vi rundt om en Enebærbusk. Enebærbusk. Enebærbusk.“ Aber dann, wenn die Musik aus ist, versucht jeder einen Platz zu finden, weil keiner die Verantwortung für den Untergang der Deutschkenntnisse in Dänemark übernehmen will.

Oder besser gesagt: Keiner will die Wahrheit aussprechen. Alle schweigen wegen ihrer eigenen Interessen. Am besten keine Kritik ausüben. Nur denselben nutzlosen Tanz praktizieren und hoffen, dass ihre Energie andere für die deutsche Sprache begeistert.

Das Problem mit den fehlenden Deutschinteressen wird aber nie richtig gelöst, wenn wir die Struktur der Grundschule und die sozialdemokratische Ausbildungspolitik in Dänemark nicht hinterfragen.

Ab diesem Schuljahr bedeutet eine neue Schulreform in Dänemark, dass Schulkinder erst ab der 6. Klasse Deutsch lernen müssen. Es sei wichtiger, so der sozialdemokratische Bürgermeister Marco Damgaard, dass Kinder mehr Freiraum und Ruhe bekommen. Damgaard meint außerdem, dass die Kinder fachlich überfordert seien, und argumentiert für mehr praktische Fächer in der Schule statt lernintensiver Herausforderungen wie Deutsch.

In der Oberstufe habe ich als Angestellte vor Kurzem erlebt, wie man an einem Wirtschaftlichen Gymnasium, HHX aus ökonomischen Gründen konsequent zwei Klassen in eine zusammengelegt hat. Ich unterrichtete dann eine Deutschklasse mit 37 Schülern und ein Kollege musste eine Klasse mit 39 Schülern in internationaler Ökonomie unterrichten. Die Ersparnisse hat man für die Berufsausbildungen ausgegeben, weil man aus politischer Sicht versucht, Lernberufe viel attraktiver zu machen als das akademische Gymnasium, STX, HHX und HTX. Aber die Schüler wählen nichtsdestotrotz eher das Abitur statt einer Berufsausbildung. Daher werden Schüler die STX, HHX oder HTX absolvieren als Cash Cows benutzt, und das Geld wird an andere schlecht besuchte Studiengänge umverteilt.

Bei den Universitäten werden Deutsch oder andere Fremdsprachen auch nicht priorisiert. Seit 2016 hat die Copenhagen Business School regelmäßig Studiengänge mit Sprachen geschlossen. Letztes Jahr kam dann der finale Todesstoß, wo die letzten Studiengänge mit Sprachen als Schwerpunkt geschlossen wurden.

Aber der Ursprung, wo der Niedergang der Fremdsprachen anfängt, liegt in der Grundschule. The rest is history.

Deshalb ist es ein Fehlschlag, wenn der Wirtschaftsverband Dansk Industri, DI vorschlägt, dass man den Deutschunterricht durch künstliche Intelligenz spannender machen soll oder, dass die Prüfungen negativ auf den Unterricht abfärben und die Schüler einschüchtern.

Künstliche Intelligenz kann den Unterricht nicht einfacher oder spannender machen. Das ist eine Täuschung. Außerdem, wie soll künstliche Intelligenz Schüler im Alltagsgespräch helfen? Wenn man z.B in Varde, wo die Oksbøl Kaserne liegt, in Dänemark unterwegs ist, kann man sicher sein, dass die Nachfrage einer „Feltmadras“ nicht dasselbe ist wie ein Möbelstück. Man bekommt eher weibliche Freundschaft für die Nacht – aber das versteht künstliche Intelligenz nicht.

Das Nationale Zentrum für Fremdsprache, NCFF konnte durch Untersuchungen zeigen, dass Schüler den Deutschunterricht aufgrund grammatischer Übungen demotivierend finden. Die Studien zeigen, dass die Schüler zwar Lust haben die Sprache zu lernen, aber ihnen geht die Luft aus, wenn sie sich anstrengen müssen. Meiner Meinung nach ist das eine schlechte Ausrede. Das Problem liegt eher darin, dass die Schüler sich nicht einsetzten, wenn sie nicht gleich den Sinn von einem Fach sehen können.

Dazu kommt auch, dass nicht die Schüler das Unterrichtsniveau diktieren können, nur weil der Stoff schwierig ist. Denn es ist meine Aufgabe als Lehrerin das fachliche Niveau zu bewahren. Die meisten Deutschlehrer versuchen immer den Unterricht spannend, wechselhaft und motivierender zu machen. Aber man kann ja nicht die Grammatik auslassen. Und das gilt bei jeder Sprache.

Das Hauptproblem liegt tatsächlich in der sozialdemokratischen Ausbildungspolitik, wo Deutsch mit Bildung, Fleiß und Weltoffenheit gleichgestellt wird. Die Grundschule hat jedoch nur ein Hauptziel, und das ist, die Bürgerinnen und Bürger für den Wohlfahrtsstaat auszubilden und einzusetzen – und in der Hinsicht spielt Deutsch keine Rolle.

Soll Deutsch wieder im Ausbildungssystem eine Rolle spielen, braucht Dänemark eine neue Ausbildungspolitik, die sich auch an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert und Blick für die Außenwelt hat.

Die in diesem Leserbeitrag vorgebrachten Inhalte wurden nicht von der Redaktion auf ihre Richtigkeit überprüft. Sie spiegeln die Meinung der Autorin oder des Autors wider und repräsentieren nicht die Haltung des „Nordschleswigers“.