Gesundheit

Demenz-Arzt aus Nordschleswig: Wer sein Gehirn versteht, senkt das Risiko

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Harald Floer ist Neurologe und Experte für Demenzerkrankungen.

Demenz steht kurz davor, die Volkskrankheit mit den meisten Betroffenen zu werden. Doch was genau passiert im Gehirn eines Menschen, der an Demenz erkrankt? Harald Floer, Chefarzt der Neurologie im Apenrade Krankenhaus, erklärt die vier Hauptformen der Krankheit – und zeigt, wie jeder sein persönliches Risiko aktiv senken kann.

„Wir rechnen mit in etwa einer Verdopplung der Demenzerkrankungen in den kommenden 15 bis 20 Jahren“, sagt Harald Floer, Chefarzt der Neurologie (Hjerne- og Nervesygdomme) des Apenrader Krankenhaus (Sygehus Sønderjylland). Die Demenzerkrankung sei dabei, die bisher am stärksten vertretenen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf zu überholen. „Auf knapp 5.000.000 Einwohner kommen derzeit 100.000 Demenzerkrankte – das ist schon jetzt recht viel“, erklärt der Neurologe.

„Insgesamt unterscheidet man vier Hauptgruppen der Demenzerkrankungen: die Vaskuläre Demenz, die Frontotemporale Demenz, die Alzheimer-Demenz und die Lewy-Body-Demenz. Bei diesen verschiedenen Formen spielen sich unterschiedliche Prozesse im Gehirn ab“, sagt Floer, der vor drei Jahren die Leitung der neu eingerichteten Abteilung für Neurologie übernahm.

Vaskuläre Demenz

Die Vaskuläre Demenz entsteht, weil das Gehirn nicht mehr richtig durchblutet wird. Schuld daran sind Blutgefäße, die verkalken und so die Nährstoffe aus dem Blut nicht mehr in bestimmte Hirnregionen tragen können. Die Gefahr, an dieser Form der Demenz zu erkranken, steigt mit erhöhten Blutzucker- oder Blutfettwerten, Übergewicht, zu wenig körperlicher Betätigung oder Bluthochdruck.

Ein Phänomen lässt sich laut Floer bei dieser Demenzform häufig beobachten: „Das Typische bei dieser Krankheit ist oft, dass die Angehörigen oder Bekannten dann genau sagen können, seit welchem Monat es mit dem Namensgedächtnis oder der Orientierung schlechter geworden ist. Manchmal können sie es auf ein bestimmtes Datum zurückführen.“

Frontotemporale Demenz

Mit einem PET-Scan (Positronen-Emissions-Tomographie) können Veränderungen im Gehirn sichtbar gemacht werden. Dafür wird eine schwach radioaktive Substanz, meist ein Zuckerersatz, in den Körper gespritzt. Das Gehirn nimmt diese Substanz je nach Aktivität der verschiedenen Bereiche unterschiedlich auf. (Symbolbild).

Eine weitere Gruppe ist die Frontotemporale Demenz – benannt nach den betroffenen Gehirnregionen, dem Stirn- (Fronto) und Schläfenlappen (Temporal). Hier kommt es zu Abbauprozessen der Gehirnstruktur, die dann unwiederbringlich verloren sind.

Diese Erkrankung macht sich oft durch Probleme in der sozialen Interaktion bemerkbar. „Es sind in der Regel jüngere Patienten, die durch ihr unkritisches, enthemmtes, oft forderndes Verhalten auffällig werden. Diese Betroffenen haben in der Regel keine Krankheitseinsicht“, erklärt der 57-Jährige. „Das sind dann der Lebenspartner oder Arbeitskollegen, denen dieses Verhalten auffällt.“

Patientinnen und Patienten mit dieser Demenzform erleben laut Floer eine recht rasche Verschlechterung des Krankheitsbildes. „Da gilt dann der goldene Satz: ‚Wenn der Verdacht im Raum steht, sollte man bitte den Autoschlüssel wegnehmen – denn solche Menschen verhalten sich im Straßenverkehr zunehmend unkritisch.‘“

Es wird an den Ursachen für diese Abbauerscheinungen geforscht, so Floer.

Alzheimer-Demenz

Die häufigste aller Demenzformen ist laut der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft die Alzheimer-Demenz – benannt nach dem deutschen Psychiater und Neuropathologen Alois Alzheimer (1864–1915). Eine Erkrankung, die sich noch einmal in 80 verschiedenen Unterformen beschreiben lässt.

„Man weiß, was bei der Alzheimer-Demenz im Gehirn passiert, aber nicht genau, was die auslösenden Faktoren sind“, erklärt Floer. Die Fehlfunktion liegt bei bestimmten Eiweißstoffen, die, wenn sie sich auf die richtige Weise falten lassen, eine Stütz- und Ernährungsfunktion im Gehirn haben. Bei der Alzheimer-Erkrankung werden diese Eiweißstoffe falsch gefaltet.

Man kann sich das vorstellen wie bei einer Papierschwalbe. Wenn man sie richtig faltet, segelt sie ganz schön – faltet man sie falsch, torkelt sie nur herum und fliegt eben nicht.

Harald Floer

„Man kann sich das vorstellen wie bei einer Papierschwalbe. Wenn man sie richtig faltet, segelt sie ganz schön – faltet man sie falsch, torkelt sie nur herum und fliegt eben nicht“, so der Neurologe. „Wir würden die Schwalbe dann wegschmeißen – und das versucht das Gehirn auch. Nur da die Eiweißstoffe eben falsch gefaltet sind, lassen sich die Ablagerungen nicht mehr aus dem Gehirn entfernen.“ Durch den gestörten Abbau kombiniert mit dem dauerhaften Versuch, die Proteine rauszuschmeißen, kommt es zu Zellschädigungen. Und anders als eine Haut- oder Leberzelle kann eine zerstörte Gehirnzelle nicht ersetzt werden.

Lewy-Body-Demenz

Wichtig ist, sich zu fordern – körperlich und geistig. Harald Floer empfiehlt beispielsweise Sudoku (Symbolbild).

Auch der vierten Demenzform, der Lewy-Body-Demenz – benannt nach dem Berliner Neurologen Friedrich H. Lewy (1885–1950) – liegt eine Eiweiß-Ablagerungsstörung im Gehirn zugrunde.

„Das typische klinische Bild sind die Bewegungsstörungen – ähnlich wie bei einem Parkinsonpatienten. Zusätzlich haben die Betroffenen dann häufig Halluzinationen, sehen beispielsweise Spinnen, wo keine sind“, erklärt Floer.

Körper und Geist in Bewegung halten

Auch wenn in vier Grundtypen eingeteilt wird: Demenz ist nicht gleich Demenz. Laut Floer gibt es verschiedene Mischformen, bei denen die Einschränkungen unterschiedlich stark ausgeprägt sind. „Viele Menschen haben, wenn sie älter werden, ein bisschen was von jeder der Demenzformen.“

Der Rat des Neurologen lautet daher: vorbeugen. „Es gibt eine Reihe Risikofaktoren, die eine Erkrankung begünstigen: Rauchen, Alkohol, wenig Sport, Übergewicht, ungesunde Ernährung, Diabetes und Bluthochdruck. Es ist wichtig, sich geistig und körperlich fit zu halten.“

Quelle: Harald Floer, Chefarzt der Neurologie