Geschichte

Erinnerungen aus Tondern: Neues Heft verbindet Geschichte mit persönlichen Einblicken

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Heine (l.) und Sohn Christoffer Schulze unterhielten das Publikum mit einer eigenen Version des Evergreens „Route 66“.

Das neue Heft des Lokalhistorischen Vereins für die alte Tonderner Kommune gibt Einblicke in vergangene Jahrzehnte – von Bücherei-Alltag bis zu Bandproben und das Aufwachsen in der Wiedaustadt in den 60er- und 70er-Jahren. Sechs Autorinnen und Autoren nehmen die Lesenden mit auf ihre ganz eigenen Lebenswege und zeigen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind.

Der Lokalhistorische Verein für die alte Tonderner Kommune hat sein inzwischen 26. Erinnerungsheft veröffentlicht. Die 48 Seiten starke Ausgabe enthält sechs Beiträge von Menschen, die bereit waren, sehr persönliche Einblicke aus ihrem Leben und Wirken in dem südwestlichen Zipfels Nordschleswigs zu teilen. Obwohl die Geschichten in vergangenen Jahrzehnten spielen, seien sie immer „unauflöslich mit der Gegenwart verknüpft“, wie einer der beiden verantwortlichen Redakteure, Anders Korsgaard Jessen, bei der Buchpräsentation in der dänischen Bibliothek an der Richtsensgade betonte.

Mut zum Erinnern – und zum Weglassen

Was unterscheidet Erinnerungen von historischer Forschung? Auch darauf ging Korsgaard Jessen ein: „Die erzählenden Personen berichten das, was und wie sie es erinnern – und das, was sie nicht erinnern können oder nicht erinnern wollen, lassen sie weg.“

Manchmal erfordere es Mut, ganz persönliche Erlebnisse aufzuschreiben, die Emotionen von damals wieder wachzurufen oder schmerzhafte Situationen erneut zu durchleben, gab der Redakteur des Erinnerungsheftes zu bedenken.

Edith Tröster blickt auf 26 Jahre als Büchereileiterin zurück

Anders Korsgaard Jessen (Foto) freute sich, dass außer den Autorinnen und Autoren auch viele Mitglieder und Interessierte des Vereins bei der Präsentation des Erinnerungsheftes anwesend waren.

Zu den Autorinnen gehört Edith Tröster, die über ihre mehr als 26-jährige Zeit als Leiterin der Deutschen Bücherei Tondern geschrieben hat. Den Anstoß dazu gab ihr damals ihr ehemaliger „Büchereikunde“ und heutiger Herausgeber, Anders Korsgaard Jessen. Doch bis der Text wirklich zustande kam, brauchte es einen langen Atem.

„Lange fehlte Zeit, Muse und der richtige Drive“, gesteht Tröster. Im Frühsommer hatte sie zumindest schon den Anfang und das Ende fertig; nur der Mittelteil fehlte. Der Sommer verstrich, die Deadline im Oktober rückte näher. „Die Rettung waren ein paar Regentage im September.“ Im Sommerhaus schloss sie sich mit dem Laptop ein – und plötzlich füllten sich die Seiten wie von selbst.

Ihr neunseitiger Beitrag verbindet geschichtliche Ereignisse, berufliche Höhepunkte sowie zahlreiche Anekdoten aus dem Alltag einer kleinen Stadtbücherei. Eine Geschichte allerdings fehlt – und Tröster ärgert sich ein wenig darüber.

Die vergessene Geschichte: Ein Polizeiauto voller Bücher

Christa Specht (l.) und Grete Freiberg (Mitte) stoßen mit Edith Tröster (r.) auf ihren Beitrag über ihre Jahre als Leiterin der Deutschen Bücherei Tondern an.

Um das Jahr 2000 hielt eines Tages ein Polizeiwagen vor der Bücherei. Die Beamten übergaben der überraschten Leiterin eine Plastiktüte voller Bücher. „Ob ich die nicht vermisst hätte?, fragten sie mich“, erinnert sich Edith Tröster. Alle Bücher trugen den Stempel der Deutschen Bücherei Tondern – ausgeliehen waren sie laut Kartei nicht, im Regal standen sie auch nicht, also mussten sie tatsächlich gestohlen worden sein.

Die Auflösung war spektakulär: Die deutsche Polizei in Niebüll hatte bei einer Hausdurchsuchung eines Mannes, der eine Bombendrohung geäußert hatte, zahlreiche entwendete Bücher aus deutschen und dänischen Bibliotheken entlang der Westküste sichergestellt. Tröster schmunzelt heute: „In unserer verwinkelten alten Villa konnte man Bücher relativ leicht verschwinden lassen, wenn man es darauf anlegte.“ Welche Titel es waren, weiß sie nicht mehr genau – nur, dass es eine wilde Mischung gewesen sein muss.

Heine Schulze erinnert sich an die „Route 66“ seiner Jugend

Edith Tröster hat ursprünglich Buchhändlerin gelernt und war Mitarbeiterin der dänischen Bibliothek in Tondern, als sie 1986 vom damaligen Schulleiter der Ludwig-Andresen-Schule, Manfred Uth, aufgefordert wurde, sich für die vakant werdende Stelle als Leiterin der deutschen Bücherei zu bewerben.

Ein weiterer Beitrag stammt von Heine Schulze, dessen musikalische Karriere in der Ludwig-Andresen-Schule in Tondern begann. Mit seinem Bruder Uwe sowie den Schulfreunden Werner und Wolf-Dieter Schikowski gründete er 1964 die Band „The Red Rockers“ – ihr Markenzeichen: rote Hemden mit schwarzen Bündchen.

1965 wurden aus den roten Rockern „The Arrows“. Neue Bandmitglieder kamen hinzu, die Haare wurden länger, die Instrumente zahlreicher. Geprobt wurde erst in der Schweizerhalle, später im Deutschen Ruderverein in Hoyer (Højer), wo sich die Bandabende rasch zu beliebten Treffpunkten der Jugend entwickelten.

Zur Probe fuhr die Gruppe mit der Buslinie 66 (heute 266) von Tondern nach Hoyer – eine Strecke, die für Schulze später fast mythische Bedeutung bekam. Gemeinsam mit Sohn Christoffer präsentierte er bei der Heftvorstellung eine „synnejyske“ Version des weltberühmten Songs „Route 66“, in dem nicht Los Angeles und Chicago, sondern die Linie 66 von Tondern nach Hoyer und Busfahrer Jes die Hauptrollen spielen.

Ein Wiedersehen im Publikum – und der Blick auf die nächste Ausgabe

Unter den Zuhörenden saß auch Bent Schulz (ohne e), einst Betreiber der legendären Musikkneipe „Skibbroen“ in Tondern. Schulze lächelte, als er Schulz sah: „Wenn es Bent nicht gegeben hätte, stünde ich heute wahrscheinlich nicht hier.“

Aus den „Arrows“ wurde später die Tanzband „Radiserne“, anschließend gründete Schulze die Gruppe „Locomotion“. Ganz gleich, unter welchem Namen – im „Skibbroen“ fand er stets eine Bühne.

Dass Bent Schulz überhaupt bei der Präsentation dabei war, lag übrigens an Korsgaard Jessen. Dieser hatte den ehemaligen Kneipier schon vor einiger Zeit überredet, seine eigenen Erinnerungen für das nächste Jahresheft aufzuschreiben, und ihn deshalb zur diesjährigen Heftpräsentation eingeladen.

Neues Erinnerungsheft des Lokalhistorischen Vereins Tondern

Preis:

Zahlungsmöglichkeiten:

Hinweis: In der Deutschen Bücherei liegt zudem ein Informationszettel aus. Dieser enthält sowohl Hinweise zur Bezahlung als auch Informationen darüber, wie man Mitglied des Lokalhistorischen Vereins für die (alte) Kommune Tondern werden kann.