Neujahrstagung

„Kontrolle ist gut, Vertrauen ist billiger“

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Professor Dr. Gert Tinggaard Svendsen
Gert Tinggaard Svendsen mit Albert Einstein im Hintergrund

Dänemark ist Weltmeister in Vertrauen. Deutschland liegt immerhin noch auf Platz 12, doch mit einem deutlich niedrigeren Wert. Jetzt will der Forscher Gert Tinggaard Svendsen ermitteln, wie die Unterschiede im Grenzland aussehen.

Professor Gert Tinggaard Svendsen bezog bei der Neujahrstagung sofort das Publikum mit ein, als er über die dänische Vertrauensgesellschaft sprach.

Er schloss mit Edlef Bucka-Lassen einen fiktiven Handel über einen Autoanhänger ab – per Handschlag. „Das funktioniert nur, wenn das gegenseitige Vertrauen hoch ist“, sagte der Politologe.

Er müsse sich darauf verlassen können, dass der Anhänger in Ordnung ist; Edlef darauf, dass er sein Geld auch bekommen würde, nachdem der Professor mit dem Trailer davongefahren ist. Auf diese Weise ersparen sich beide die Umstände eines Vertrags oder gar die Kosten eines Anwalts. 

Vertrauen zahlt sich aus

Ein zweites Beispiel sind die Selbstbedienungsstände mit Obst und Gemüse in Nordschleswig, die wie im übrigen Dänemark am Wegrand stehen. 

„Es bedarf sehr viel Vertrauens, sich darauf zu verlassen, dass die Leute für die Sachen, die sie sich nehmen, auch zahlen.“

Statt am Stand herumzustehen, können die Anbietenden etwas anderes tun. Vertrauen zahle sich aus, so der Wissenschaftler. Folgerichtig hat er in einem Buchtitel das bekannte Lenin-Zitat „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ umgewandelt. In seiner Ausgabe lautet es: „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist billiger“.

Weltmeister

Und das ist seiner Ansicht nach auch die Erklärung dafür, dass Dänemark sowohl was Wohlstand als auch Glück anbelangt, weltweit führend ist. Auch beim sozialen Vertrauen ist das Land Weltmeister.  

Fragt man die Menschen in Dänemark, ob sie den meisten anderen Menschen vertrauen, beantworten 77 Prozent die Frage mit „Ja“. Gleich dahinter kommen die übrigen nordischen Länder. In Deutschland antworten lediglich 45 Prozent mit „Ja“. Doch damit liegt die Bundesrepublik immer noch an 12. Stelle und deutlich über dem globalen Durchschnitt.

„Das ist wohl auch der Grund, weshalb es in Deutschland wesentlich mehr Anwälte pro Kopf gibt als in Dänemark“, lautete ein Kommentar aus dem Publikum.

Untersuchungen im Grenzland

Svendsen hat sich jetzt mit einem Team von Forschenden daran gemacht zu untersuchen, wie es mit dem Vertrauen im deutsch-dänischen Grenzland aussieht. Erste Ergebnisse hat er schon. In Nordschleswig ist das Vertrauen ebenso hoch wie im übrigen Dänemark.

In Schleswig-Holstein liegt es deutlich niedriger, aber immer noch höher als im übrigen Deutschland. Doch der Forscher möchte es noch genauer wissen. Gibt es möglicherweise eine Kulturgrenze zwischen Schleswig und Holstein? Sieht es mit dem Vertrauen nördlich und südlich des Danewerks (Dannevirke) möglicherweise unterschiedlich aus?

Die Landesgrenze als Kulturgrenze

Um sich Antworten auf diese Fragen anzunähern, bezieht er ein weiteres Mal das Publikum mit ein. Der Hauptvorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, meint, die heutige Landesgrenze habe im Laufe der vergangenen 100 Jahr zu laufend größeren Kulturunterschieden zwischen Nord- und Südschleswig geführt.

„Aber auch unmittelbar südlich der Grenze kann man weitgehend Absprachen per Handschlag besiegeln.“ Wenn es schiefgeht, seien die Reaktionen nördlich und südlich der Grenze jedoch unterschiedlich.

Am Ende ließ Gert Tinggaard Svendsen abstimmen. Verläuft die Kulturgrenze entlang der Grenze von 1864, entlang der heutigen Landesgrenze oder entlang des Danewerks. Die überwältigende Mehrheit stimmte für die heutige Grenze. Einzelne sahen sie entlang des Danewerks. Die Königsaugrenze empfand niemand als trennend.