Deutsche Minderheit

Der Klang der Zugehörigkeit: 100 Jahre Musikvereinigung der deutschen Minderheit

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Auch in der Coronazeit, wie hier im Dezember 2021, ließen sich die Sängerinnen und Sänger der Musikvereinigung die Stimmung nicht vermiesen.

Die Musikvereinigung Nordschleswig feiert ihr 100-jähriges Bestehen. 100 Jahre mit positiven und negativen Höhepunkten. Hier ein geschichtlicher Abriss von der Gründung bis heute.

Frostige Winde wehten über Apenrade, als am späten Nachmittag des 15. Oktober eine kleine Gruppe entschlossener Damen und Herren im Stadttheater zusammenkam. Das Ziel der Versammlung war nichts Geringeres als die Rettung und Bündelung des deutschen Musiklebens in Nordschleswig.

Krieg und Nullpunkt 

Seit der Volksabstimmung im Februar 1920 kämpfte die sich neu formierende deutsche Volksgruppe mit der Finanzierung ihrer Vereinigungen. Die Musikvereine in Apenrade, Tondern, Sonderburg und Hadersleben, die sich der Pflege deutschen Gemeinschaftslebens verschrieben hatten, sahen sich auf sich selbst gestellt.

Im Sommer 1925 spitzte sich die Lage zu: Frau Sanitätsrat Dr. Helene Meyer aus Hadersleben, Vorsitzende des dortigen Musikvereins, richtete einen Hilferuf um finanzielle Unterstützung an den Hauptschriftleiter Ernst Schröder in Flensburg. Schröder antwortete, dass man bereits an einer „größeren Aktion“ arbeite, um die gesamte Musikfrage in Nordschleswig zusammenzufassen und die zahlreichen Einzelanträge besser behandeln zu können. Die Mittel hierfür stammten unter anderem aus Deutschland, das nach der überstandenen Inflation 1923 bereit war, die deutsche Minderheit zu unterstützen. Der Wohlfahrts- und Schulverein für Nordschleswig e. V. in Flensburg war die Drehscheibe für diese Kulturförderung.

Gemeinsames Vorgehen

Um die Aussichten auf die dringend benötigten Gelder zu verbessern, entschieden sich die Vorstände der deutschen Musikvereine für ein gemeinsames Vorgehen. Sie entwarfen ein Papier, das sie an den Oberschulrat Dr. Edert in Schleswig schickten, in dem sie die Notwendigkeit der Förderung des Chorgesanges betonten. Ihr zentraler Vorschlag war die Schaffung des Postens eines deutschen Musikwarts. Dieser sollte sich „ganz und ausschließlich“ dem großen deutschen Musikleben widmen. Als ideale Persönlichkeit wurde Alfred Huth-Bedstedt vorgeschlagen, der bereits die Nordschleswigsche Kammermusikvereinigung ins Leben gerufen und die größten Chöre geleitet hatte.

Nach dieser Vorarbeit berieten Vertretende aus Apenrade, Hadersleben, Sonderburg und Tondern über die Grundsätze eines „Nordschleswigschen Musikvereins“, der die bestehenden deutschen Musikvereine zusammenfassen sollte. 

Die Gründung

Am 22. Oktober 1925 fand schließlich die endgültige Gründungsversammlung im Stadttheater Apenrade statt, bei der die Gründung der „Nordschleswigschen Musikvereinigung“ (NMV) beschlossen wurde.

Die NMV setzte sich aus den angeschlossenen Vereinen zusammen. Zu diesen zählten:

  • Apenrade: Deutsche Chorvereinigung und Nordschleswigsche Kammermusikvereinigung
  • Hadersleben: Musikverein und Nordschl. Kammermusikvereinigung
  • Sonderburg: Musikverein und Union
  • Tondern: Die Nordschleswigsche Kammermusikvereinigung und der Singverein

Zum ersten Vorsitzenden wurde Propst Markus Bade und zum Geschäftsführer Buchhändler Ludwig Wohlenberg gewählt. Als Geschäftssitz wurde bis auf Weiteres Apenrade festgelegt. Der neu gewählte Vorstand hatte die Aufgabe, die laufende Geschäftsführung zu übernehmen, und sollte Mittel und Wege finden, die benötigten Gelder zu organisieren. Jeder angeschlossene Verein hatte zur Finanzierung einen jährlichen Beitrag von 10 Kronen an die NMV zu zahlen. Vereine mit mehr als 50 Mitgliedern mussten 15 Kronen leisten.

Der erste Chordirigent der Nordschleswigschen Musikvereinigung, Alfred Huth, führte den Taktstock von 1925 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Huth, der auch als Organist tätig war, komponierte in dieser Zeit über 100 Werke in der Kirche zu Lügumkloster. Huth war am 1. Dezember 1932 in die NSDAP eingetreten. Nach der Besetzung Dänemarks am 9. April 1940 hatte Huth während des Zweiten Weltkrieges die Aufgabe der Truppenbetreuung inne und sorgte für kulturelle Angebote, Konzertveranstaltungen und Vorträge für die deutschen Besatzungssoldaten. 1942 erhielt er den Gaukulturpreis von Schleswig-Holstein.

Alfred Huth (1892-1971), erster Chorleiter und Dirigent der Nordschleswigschen Musikvereinigung

Im Mai 1945 wurde Alfred Huth im Gefolge der Inhaftierung deutscher Staatsangehöriger in Dänemark in Untersuchungshaft genommen, nach deren Beendigung folgte ohne Anklage die Ausweisung, und er musste das Land verlassen. Ab 1947 wurde Glückstadt seine neue Heimat.

Neuanfang nach dem Krieg

Das Kriegsende stellte die deutsche Minderheit vor die Aufgabe eines Neuanfangs. Auch die Chöre mussten sich nach der Zäsur neu formieren. Frederik Christensen war einer der ersten Wegbegleiter der Wiederaufbauphase von 1945 bis 1953. Er übernahm auch die Neugründung der Deutschen Chorvereinigung Apenrade.

Im Jahr 1952 nahm Hans-Karl Michalik die musikalische Arbeit in Apenrade auf. Nur ein Jahr später, 1953, erklang mit Händels „Acis und Galathea“ das erste größere Chorwerk der NMV nach dem Krieg. In den 1960er- und 1970er-Jahren folgten weitere Großchorkonzerte in Apenrade und Sonderburg mit Werken von unter anderem Haydn, Mendelssohn, Beethoven und Mozart.

Hanskarl Michalik (1922-1990), Chorleiter und Dirigent der Nordschleswigschen Musikvereinigung von 1953 bis 1984

Die Ära Peter von der Osten

Ein neuer Meilenstein in der Geschichte der Musikvereinigung begann am 1. August 1984, als der damals 35-jährige Peter von der Osten seine Tätigkeit in Nordschleswig aufnahm. Er prägte die NMV fast drei Jahrzehnte lang maßgeblich. Einen der Höhepunkte gab es bereits im Oktober 1985, als er seine ersten vier Konzerte mit dem Chor und dem Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchester gab. Auf dem Programm stand unter anderem das „Dettinger Te Deum“.

Die Musikvereinigung heute

Konzert der Musikvereinigung unter Peter von der Osten im Jahr 2004

Die jüngste Phase der Chorgeschichte begann am 1. Januar 2013, als Susanne Leona Heigold den Taktstock von Peter von der Osten übernahm. Neben ihrer Tätigkeit für die Musikvereinigung Nordschleswig ist sie als Musikkonsulentin des BDN (Bund Deutscher Nordschleswiger) tätig. Im Jahr 2019 änderte die „Nordschleswigsche Musikvereinigung“ ihren Namen in „Musikvereinigung Nordschleswig“. Der Chor umfasst heute rund 100 Sängerinnen und Sänger. Unter der Leitung von Heigold wurden zwei Chorfestivals (2014 und 2016) veranstaltet sowie eine Zusammenarbeit mit dem Landesjugendorchester Schleswig-Holstein etabliert (2017 mit der Uraufführung von Leon Tscholls „Reformatorischem Requiem“).

Die Musikvereinigung Nordschleswig ist damit weiterhin ein zentraler Kulturträger der deutschen Minderheit in Dänemark, der durch regelmäßige Proben, Stimmbildung und Chorreisen das Gemeinschaftsleben fördert.

Adventskonzerte 2014 unter der Leitung von Susanne Heigold

 

Quellen: Peter Sönnichsen: „Musik an der Grenze“; BDN; Fred K. Prieberg: „Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945"

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