Geschichte

„Der Prozess der Diskussion ist wichtig“

„Der Prozess der Diskussion ist wichtig“

„Der Prozess der Diskussion ist wichtig“

Apenrade/Odense
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Die Bronzeplatten in der Gedenkstätte. Foto: Archivfoto: DN

Die Nazivergangenheit spielt noch immer eine große Rolle, insbesondere in der Minderheit. Der Nordschleswiger hat mit dem Lektor Moritz Schramm über Erinnerungskultur und Familienloyalitäten gesprochen.

Am kommenden Montag hat der Bund Deutscher Nordschleswiger zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen. Hauptthema: Gedenken wir der Richtigen? Die Frage zur Gedenkstätte und insbesondere der auf den Tafeln aufgelisteten Namen ist abermals entfacht. Sollten wir die Geschichte ruhen lassen, die Namen entfernen oder doch gar eine dritte Lösung finden?

Moritz Schramm, Lektor der Kulturwissenschaften an der Süddänischen Universität Odense, blickt von außen auf die Diskussion und hat auch eine Haltung zum Thema Gedenkstätte in der Deutschen Minderheit. „Vorweg: dass die Gedenkstätte erst seit 2012 ihre offizielle Bezeichnung trägt und früher Ehrenhain hieß, ist an sich schon sehr problematisch. Das läuft mir schon kalt den Rücken runter“, erklärt er. Das zeige, dass man in der Minderheit sehr spät mit der Aufarbeitung angefangen hat. In Deutschland wäre dies seiner Meinung nach nicht möglich gewesen.

Erinnerungskultur spielt eine große Rolle

Dort spiele die Erinnerungskultur eine große Rolle. „Die Erinnerungskultur war in Deutschland lange sehr umstritten. Bis in die 1990er wusste man nicht, wie man erinnern sollte. Erst in den vergangenen Jahren hat sich ein Konsens gebildet, dass das Arbeiten mit der Erinnerungskultur wichtig ist“, so Schramm und ergänzt: „Lange hatte sich das Narrativ des verführten Volkes durchgesetzt. Die Top-Nazis waren Schuld. Sie waren ja auch schon verstorben. Später wurde dieses Narrativ dann von der Forschung herausgefordert. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Schuldfrage der Wehrmacht“, erklärt der Forscher.

Der Begriff Ehrenhain ist für ihn deshalb bis in die 2000er sehr polarisierend. „Deutschland ist dort wesentlich weiter“, so der Lektor. „Es scheint mir, dass die Rolle der Minderheit im Zweiten Weltkrieg lange verschwiegen wurde. Statt zu schweigen, sollte man die Geschichte kritisch bearbeiten“, so Schramm, der unterstreicht, dass es dabei nicht ums „Fingerzeigen“ gehe. „Heute müsste über solche Dinge kritisch reflektiert werden. Der Prozess der Diskussion ist ungemein wichtig – für eine Gesellschaft wie die deutsche, aber auch für eine deutsche Minderheit in Dänemark.“ Ihm zufolge sollte sich die Minderheit die Frage stellen ,Was haben wir nicht bearbeitet‘?

Familienloyalität

Auch die Rolle der Familien sieht er als entscheidend für eine kritische Aufarbeitung der Geschichte. „Lange war es und zum Teil ist es auch heute immer noch so, dass die Rolle der Familienangehörigen während des Krieges ein Tabu-Thema war. Das ist meiner Ansicht nach falsch. Die Nachkommen gewinnen durch eine kritische Aufarbeitung der Familiengeschichte“, so Schramm. Selbst sei er auch diesen Weg gegangen und habe auf seine Art die `Familienloyalität´ gebrochen und die Rolle seines Großvaters, der am Holocaust beteiligt war, erforscht.

„Das tut natürlich am Anfang weh. Doch durch die gewisse zeitliche Distanz, kann man die eigenen Nachforschungen auch emotional gelassener angehen. Das sehe ich als ein Vorteil und eine große Chance für Familienangehörige“, so Schramm.

Die Geschichte könne dadurch so objektiv wie möglich geöffnet werden. „Die Familienloyalität ist meiner Meinung nach das Grundproblem der Geschichte. Wenn man weiterkommen möchte, dann sollte man meiner Ansicht nach hier ansetzen – auch die Minderheit. Es wäre angemessen, wenn die Familien mitziehen würden“, sagt er. „Für mich war es letztendlich gut, die verschwiegenen Sachen zu öffnen. Und so erwachsen sind wir ja heute“, erklärt er mit einem Schmunzeln.

Die Gedenkveranstaltung während des Knivsbergfestes Foto: Archivfoto: DN

Namen in der Gedenkstätte

Auf die Frage, wie er das Problem der Namen in der Gedenkstätte handhaben würde, antwortet er: „Ich meine, dass man die Namen stehenlassen und stattdessen mehr kritische Hintergrundinfos auf Tafeln zur Geschichte darstellen sollte. Darin könne man verschiedenen Namen hervorheben und durch Tagebücher etc. darstellen, warum sie freiwillig in den Krieg gezogen sind.“

Auch zu den heute bekannten Kriegsverbrechern sollten mehr Informationen vor Ort sein. „Statt diese zu entfernen, könnte man sie zu Geschichtszwecken nutzen. Das ist auch eine Art der Aufarbeitung“, so Schramm. Er rät, dass man seitens der Minderheitenführung einen außenstehenden Historiker oder eine Historikerkommission damit beauftragt, die Gedenkstätte und die darin eingetragenen Namen gründlich zu erforschen. „So haben auch viele Unternehmen in Deutschland ihre Geschichte aufarbeitet“, sagt er.

Obwohl Diskussionsveranstaltungen, wie die am kommenden Montag in der Minderheit, spät kämen, seien sie wichtig für die Minderheit. „Man muss sich streiten und diskutieren, um weiterzukommen. Auch der Unschuldigen in der Gedenkstätte zuliebe. Als Außenstehender finde ich diesen Prozess sehr interessant.“

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