Tag der Grenzschließung

„Als mir die Bedeutung der Grenze bewusst wurde“

Als mir die Bedeutung der Grenze bewusst wurde

Als mir die Bedeutung der Grenze bewusst wurde

Annika Zepke
Annika Zepke Journalistin
Hadersleben/Haderslev
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Bereits ein Jahr ist es her, dass die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark dichtgemacht wurde. (Archivfoto) Foto: Karin Riggelsen

Ein Jahr nach der Grenzschließung blickt Lokaljournalistin Annika Zepke aus Hadersleben auf den Tag zurück, an dem die deutsch-dänische Landesgrenze für sie eine neue Bedeutung bekam.

Kaum zu glauben, dass bereits ein Jahr vergangen ist, seit Dänemark das erste Mal seine Grenzen dichtgemacht hat. Einerseits kommt es mir vor wie eine Ewigkeit, sah mein Leben vor einem Jahr doch noch völlig anders aus, andererseits kommt es mir vor wie gestern, dass ich in einer Nacht- und Nebelaktion die deutsch-dänische Grenze passierte, um noch vor deren Schließung in meine Wahlheimat zurückzukehren.

Aber von vorne: Vor genau einem Jahr war ich noch Studentin an der Universität Aalborg und befand mich mitten in der Feldstudienphase für meine Masterarbeit, im Rahmen derer es mich nach Flensburg verschlug, um mit Angehörigen der dänischen Minderheit in Südschleswig einige Interviews zu führen.

Studienreise nach Flensburg

Das Coronavirus hatte Europa und auch Dänemark bereits erreicht und für Verunsicherung gesorgt, weshalb ich mich vorsichtshalber dazu entschied, meine fünftägige Studienreise nicht mit dem Zug, sondern mit einem Mietwagen anzutreten.

Gerade einmal anderthalb Tage war ich in Flensburg, als mich am späten Abend des 12. März die Nachricht meiner Uni erreichte, dass der Präsenzunterricht bis auf Weiteres abgesagt wird. Ich weiß noch genau, ich fing an, mir Gedanken zu machen, ob nach den Bildungseinrichtungen womöglich auch die Grenzen schließen würden und versuchte auf allen möglichen Webseiten – u. a. des dänischen und des deutschen Außenministeriums – Informationen über eine mögliche geplante Grenzschließung zu finden.

Entwarnung

Was ich seitens der dänischen Regierung fand, war in etwa folgende Aussage: Eine Schließung der Grenzen sei derzeit nicht zu befürchten. Wenn überhaupt, werden Gesundheitskontrollen an den Grenzen eingeführt.

Ich war beruhigt und schrieb auch meiner Freundin, die am nächsten Tag aus Thüringen anreisen wollte, um mich zu besuchen, dass ihrer Reise nichts im Weg stehe und keine Gefahr bestehe, dass ich überstürzt abreisen müsse … Wie falsch ich mit meiner Aussage doch lag.

Hiobsbotschaft an der Kasse

Einen Tag später holte ich sie vom Bahnhof ab, wir machten uns einen netten Nachmittag in Flensburg und fuhren am frühen Abend für einen kleinen Einkaufsbummel in den bei Grenzlandbewohnern äußerst beliebten Citti-Park.

Wir standen gerade an der Kasse, als eine Kassiererin plötzlich laut ausrief: „Die machen die Grenze dicht, die machen die Grenze dicht!“ Ich traute meinen Ohren nicht. Wir packten unsere Einkäufe zusammen und machten uns auf schnellstem Weg zurück in unsere Ferienwohnung, um der Aussage der Kassiererin auf den Grund zu gehen.

Sicher ist sicher

Und tatsächlich: Dänemark machte die Grenzen dicht – am 14. März um Punkt 12 Uhr mittags. Wir versuchten herauszufinden, unter welchen Bedingungen man vom Einreiseverbot ausgenommen ist. Konnte ich als deutsche Staatsbürgerin, die in Dänemark studierte, auch nach der Grenzschließung einreisen, obwohl meine Uni ihren Betrieb vorläufig eingestellt hatte?

Wir fanden auf die Schnelle keine eindeutige Antwort, und ich entschied daher, kein Risiko einzugehen und noch in derselben Nacht nach Dänemark zurückzukehren.

Unsicherheit macht sich breit

War ich zuvor bereits beunruhigt gewesen, hatte mich nun ein starkes Gefühl von Nervosität gepackt. Vielleicht lag es daran, dass ich auf die Nachricht der Grenzschließung nicht vorbereitet war. Vielleicht begann ich auch erst dadurch, das eigentliche Ausmaß der Corona-Pandemie zu erahnen.

Rückblickend betrachtet, hätte mir klar sein müssen, dass ich aufgrund meines damaligen Hauptwohnsitzes in Aalborg auch nach der Schließung der Grenze hätte einreisen dürfen. Doch das war es mir in dem Moment nicht.

Vom Symbol zur Barriere

Noch nie zuvor hatte ich mich mit der Frage der Einreise beschäftigen müssen. Natürlich hatte ich zuvor schon einmal ein Visum beantragt, um in ein Land einreisen zu dürfen. Aber der Prozess des Visaantrags war für mich immer so abstrakt gewesen, dass ich mir über die eigentliche Bedeutung dahinter keine Gedanken gemacht hatte. Landesgrenzen hatten für mich, die in den späten 90ern geboren wurde, bis dato ausschließlich einen symbolischen Charakter.

Welche Bedeutung eine geschlossene Landesgrenze für das eigene Leben haben kann, wurde mir erst am 13. März 2020 bewusst, als ich in Flensburg hektisch meine Sachen ins Auto schmiss, meine Freundin zum Bahnhof fuhr, von dem ich sie erst wenige Stunden zuvor abgeholt hatte, kurz vor Mitternacht die Grenze zu Dänemark passierte und mich fragte, wann ich meine Familie das nächste Mal wiedersehen würde.

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