Ukraine

„Meine Gesundheit hält keinen weiteren Krieg aus“ – Warum Tommy zurück gekommen ist

„Meine Gesundheit hält keinen weiteren Krieg aus“ – Tommy ist zurück

„Meine Gesundheit hält keinen weiteren Krieg aus“

Apenrade/Aabenraa
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Tommy Mørck und Hannah Dobiaschowski Foto: Hdo

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Vergangene Woche habe ich mich von Tommy verabschiedet. Er hatte sich entschlossen, in die Ukraine zu gehen, um dort der Bevölkerung zu helfen. Wenn es sein muss, mit Waffen. Doch Tommy kam wieder zurück. Ich habe mit ihm darüber gesprochen.

Zwei Tage nach Tommys Abreise aus Apenrade erhalte ich eine Nachricht: „Meine Gesundheit hält keinen weiteren Krieg aus. Ich werfe das Handtuch in den Ring und komme wieder nach Hause.“

Ich bin sehr erleichtert. Tommy auch, aber er ist auch frustriert. Nach seiner Rückkehr haben wir uns unterhalten.

Hannah: Du bist bis nach Warschau gekommen. Der Plan war, von dort aus in die Ukraine zu gelangen.

Tommy: Ja. Ich hatte Kontakt zu einem Amerikaner aufgenommen, den ich aus Syrien kannte. Wir wollten mit ein paar anderen weiter nach Lwiw. Damien war drei Jahre in der ukrainischen Fremdenlegion und kann die Sprache.

Es sah so aus, als wäre es recht einfach, mit dem Zug oder dem Auto nach Lwiw zu kommen. Damien hatte zwei Autos organisiert, die wir mit Leuten und Ausstattung füllen konnten.

Ich hatte eigentlich keine Zweifel.

Tommy Mørck

Hannah: Du hattest schon von Anfang an ein bisschen Zweifel, ob das alles klappt mit deinen Kräften.

Tommy: Ich hatte eigentlich keine Zweifel. Letztes Wochenende hatte ich eine starke Reaktion auf die Geschehnisse in der Ukraine. Ich war völlig fertig. Nichts funktionierte mehr. Am Montag war ich ein bisschen gefasster und begann, mich auf die Planung zu konzentrieren. Die praktischen Dinge, wie Flugticket und die Absprachen mit Damien. Mir ging es etwas besser, aber ich konnte immer noch nichts essen. Ich konnte den Stress aber überschauen und dachte, ich muss mich da einfach nur durchzwingen.

Ich habe alles hier zu Hause fertig gemacht, habe mich verabschiedet und bin in den Zug nach Kopenhagen gestiegen. Ich wusste genau: Wenn ich erst alles Organisatorische im Griff habe und im Zug sitze, verschwindet alles, was ich hinter mir gelassen habe. Dann bin ich auf dem Weg.

In Kopenhagen habe ich meinen Bruder getroffen, der mir eine Tasche mit Militärausrüstung gepackt hat. Am nächsten Morgen habe ich mich auch von meinem anderen Bruder verabschiedet und bin nach Warschau geflogen.

Dort habe ich Damien getroffen. Mir ging es immer noch schlecht, aber ich hatte immer noch keine Zweifel.

Als wir im Hostel waren, geriet alles wieder in Stillstand. Ich habe angefangen, zu sehr über alles nachzudenken und zu sehr zu spüren, wie es mir eigentlich geht. Ich habe recht schnell zu Damien gesagt, dass ich nicht sicher bin, ob ich es schaffen werde. Da kamen mir die ersten Zweifel. Ob es überhaupt besser werden würde, wenn ich mich zwinge. Am nächsten Tag wurde mir klar, dass es nicht geht, und am späten Nachmittag habe ich die Entscheidung getroffen. In meinem Zustand werde ich keinen Beitrag leisten können und würde den anderen eher zur Last fallen, statt helfen zu können.

Ich wollte natürlich, dass die, die mir nahestehen, es so schnell wie möglich erfahren.

Tommy Mørck

Hannah: Nachdem die Entscheidung gefallen ist, hast du mir geschrieben.

Tommy: Genau. Ich wollte natürlich, dass die, die mir nahestehen, es so schnell wie möglich erfahren. Aber es ist auch eine Art, Tatsachen zu schaffen. Damit ich mich nicht selbst überrede, weiterzumachen.

So habe ich es auch gemacht, als ich losgefahren bin. Wenn man es den Menschen erzählt, dann wird es Wirklichkeit.

Aber genau so, wie mein Gehirn mich auf dem Hinweg überzeugen wollte, zu Hause zu bleiben, wollte mein Gehirn mir auf dem Rückweg sagen, ich solle bleiben, obwohl ich wieder nach Hause wollte.

In der Nacht hatte ich einen schlimmen Kopfschmerzanfall. Das war die Reaktion auf meine Entscheidung. Sowas kommt immer erst, wenn ich mich wieder entspanne. Mir ging es schlecht, ich hatte schlimme Schmerzen und Übelkeit.

Am nächsten Morgen bin ich sehr früh zurück nach Kopenhagen geflogen.

Als ich wieder zu Hause war, konnte ich auch wieder was essen. Meine Mutter hatte für mich eingekauft …

Hannah: Und sie hat deinen Abwasch gemacht.

Tommy: Ja, das war schön. Mir ging es schnell wieder besser. Da wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich weiß ja, wie es mir geht und wie ich lebe. Ich hätte es in der Ukraine an der Front vielleicht ein paar Wochen ausgehalten, aber ich wäre zwischendurch nutzlos gewesen, wenn ich Kopfschmerzanfälle bekommen hätte.

Das Ziel war es ja, dem ukrainischen Volk zu helfen. Das kann ich wohl nicht.

Tommy Mørck

Hannah: Als du geschrieben hast, dass du zurückkommst, habe ich geantwortet, dass ich sehr erleichtert bin. Und ich habe dich gefragt, ob es dich nicht frustriert, diese Entscheidung treffen zu müssen.

Tommy: Natürlich tut es das. Auf viele verschiedene Arten. Das Ziel war es ja, dem ukrainischen Volk zu helfen. Das kann ich wohl nicht. Das Zweite war, dass ich mich mit den anderen Freiwilligen getroffen habe, die musste ich im Stich lassen. Nicht dass sie irgendwie von mir abhängig gewesen wären, sie sind viel bessere Soldaten als ich. Aber trotzdem. Es frustriert mich auch persönlich. Ich warte nicht darauf, dass so etwas wie in der Ukraine passiert und ich loskann. Aber ich war mir immer sicher, dass ich es könnte. Dass ich einer bin, der einfach tut. Aber der bin ich nicht mehr.

Hannah: Das heißt, du musstest dein Selbstbild ein bisschen nachjustieren.

Tommy: Ja, das musste ich. Aber ich konnte es gut akzeptieren. Ich habe immer noch meine Gerichtsverfahren, auf die ich mich jetzt mehr konzentrieren kann, vielleicht auch ausweiten kann.

Alles, was ich mache, muss kurz und intensiv sein. Ich hätte es in der Ukraine kein halbes Jahr ausgehalten, nicht mal drei Monate. Wenn die Voraussetzung gewesen wäre, dass man sich für ein halbes Jahr hätte verpflichten müssen, dann wäre ich nicht losgegangen. Ich weiß, dass ich das nicht mehr kann.

Aber mein Gehirn ist schnell und flexibel, deshalb konnte ich schnell akzeptieren, dass ich nicht mehr so bin wie vor sechs Jahren.

Hannah: Wenn man, so wie ich, von hier aus auf den Krieg guckt, dann haben wir die Nachrichten, die wir lesen und sehen. Wir sind abhängig davon, was wir serviert bekommen. Der Krieg ist trotz allem weit weg von uns. Mit deiner Abreise war ich plötzlich in einer neuen Situation. Ich kenne jemanden, der in den Krieg zieht. Und alles, was ich in den Nachrichten sehe, habe ich dann in Verbindung zu dir gesetzt. Ich sehe ununterbrochen Bomben, Schießereien und Zerstörung, und mein Gehirn projiziert dich da mitten hinein.

In Wirklichkeit ist es aber so, dass nicht alles kaputt ist und nicht alles ständig und immer beschossen und bombardiert wird. Es sterben viele Leute im Krieg, und das ist schlimm, aber die meisten überleben ja.

Tommy: Die allermeisten.

Weil wir aber nur das Elend zu sehen bekommen, war es in meiner Vorstellung so, dass du dorthin gehst und sterben wirst.

Hannah Dobiaschowski

Hannah: Aber diese Verhältnisse setzt man für sich selbst ja nicht. Unfassbar viele Menschen sind auf der Flucht, aber die meisten bleiben. Damit habe ich mich versucht zu trösten.

Weil wir aber nur das Elend zu sehen bekommen, war es in meiner Vorstellung so, dass du dorthin gehst und sterben wirst. Weil ich natürlich keine realistischen Vorstellungen von Krieg habe.

Tommy: Vergleicht man den Krieg in der Ukraine mit anderen, sind verhältnismäßig wenig Zivilisten gestorben. Im Irakkrieg sind 100.000 Zivilisten gestorben, im Jemen ist es wirklich schrecklich. Da sind wir in der Ukraine noch lange nicht.

Hannah: Diese Rechnung ist trotzdem nicht besonders tröstlich für jemanden, der zurückbleibt.

Tommy: Auch nicht für jemanden, der dorthin muss. Auch wenn Krieg vor allem lokal stattfindet, werde ich ja an einer lokalen Stelle sein, an der etwas passieren kann.

Auf der einen Seite hat man die Statistik, die einem eine Menge Zahlen ausspuckt. Und dann hat man die einzelnen Schicksale. Die Schicksale repräsentieren auch nicht die Wirklichkeit. Man sollte nicht aufgrund von Einzelschicksalen agieren. Man sollte aber auch nicht nur auf die Statistik schauen. Man kann nicht sagen, es sterben nur 0,001 Prozent. Es sind ja nicht Prozente, die sterben, sondern Menschen. Die Wahrheit sitzt irgendwo dazwischen.

Ich hoffe, es war für dich nicht so schlimm.

Hannah: Doch, war es. Es war für mich jedenfalls eine sehr neue Erfahrung.

Tommy: Gern geschehen.

Und dann lachen wir beide.

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