Leitartikel

„Wilde Pläne der Regierung bringen den Stein ins Rollen“

Wilde Pläne der Regierung bringen den Stein ins Rollen

Wilde Pläne der Regierung bringen den Stein ins Rollen

Apenrade/Aabenraa
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Die Umweltministerin will die Kommunen dazu bringen, für mehr wilde Natur zu sorgen. Und fast alle ziehen mit. Ein wichtiges Signal, meint Cornelius von Tiedemann.

Dänemarks Kommunen sollen sich darum bemühen, möglichst viel Wildnis zuzulassen, um das Bisschen Natur, das es im trotzdem schönen Dänemark noch gibt, aufzuwerten. Das meinen die Regierung und Umweltministerin Wermelin und rufen den Wettbewerb „Wildes Dänemark“ ins Leben.

„Die Natur steckt in Dänemark und weltweit in der Krise …“. So beginnt der Informationstext des Umweltministeriums auf seiner Kampagnen-Internetseite „dkvild.dk“. Ein durchaus dramatischer Einstieg. Und es geht so weiter. Die Natur habe „schlechte Bedingungen in Dänemark“, schreibt das Ministerium. Tausende von Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht.

Das ist inhaltlich keine Überraschung. Aber das in dieser Deutlichkeit von der Regierung serviert zu bekommen, wo sich doch sonst gerne auf die Schultern geklopft wird: Alle Achtung! Wenn wir uns hier im Grenzland in anderen Bereichen manches Mal klare Ansagen gewünscht hätten – zumindest in der Frage, ob Naturschutz uns alle angeht, bleibt die Regierung keine Antworten schuldig.

Das ist wichtig. Nicht, weil wir als kleines Land mit Vogelbeeren im Garten die ganze Welt retten und die Klimakatastrophe abwenden können. Aber weil wir, jeder für sich und alle gemeinsam, tatsächlich und ganz alltäglich etwas für die Artenvielfalt hier bei uns tun können.

Und das sollten wir. Denn Vielfalt bedeutet Sicherheit.

Es geht beim Naturschutz nämlich nicht (nur) um den schönen Sonntagsspaziergang mit möglichst abwechslungsreichem Vogelgezwitscher. Es geht nicht darum – jedenfalls sollte es das nicht – im Namen der Natur gegen jeden Fortschritt und jedes Bauprojekt zu wettern. Es geht darum, das Ökosystem Dänemark insgesamt zu retten. Und so Dänemark zugleich als gesunden, ertragreichen Grund und Boden für nachhaltige Landwirtschaft fit für die Zukunft zu machen. Und die wird zu einem Großteil ökologisch sein, dazu braucht es keinen Blick in die Glaskugel.

Wenn immer mehr Arten aussterben, brechen immer mehr Zahnräder aus unserem Ökosystem weg. Wir wissen das schon lange. Und doch schütten wir Sand ins Getriebe bzw. Kies in unsere Auffahrten und stellen statt Büsche und Bäume (mit Baumhäusern) Trampoline und Rasenmäher-Roboter in unsere Gärten.

Die Message, dass wir mehr Natur wagen sollten, kommt jetzt endlich parteiübergreifend an. Zum Beispiel bei Apenrades Bürgermeister, der vorangeht und den eigenen Garten umgestalten und insektenfreundlicher machen will. Natürlich ist das auch nur ein Symbol und nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und was nützt das schon, wenn (auch in Apenrade!) zugleich weiter an den Wegesrändern Kahlschlag betrieben wird und das Motto „pflegeleicht“ das Handeln bestimmt?

Nun, wenn 92 der 98 Kommunen sich an der Aktion für ein wilderes Land beteiligen, ist das sicherlich schon mehr als nur ein Tropfen. Und wenn, wie wir es aus Nordschleswigs Kommunen berichten, langfristige Pläne in Arbeit sind, wie künftig nachhaltig „wild“ statt „pflegeleicht“ gehandelt werden kann, dann ist das ein riesiger Erfolg für die Natur in Dänemark. Und damit für uns alle.

Der Stein ist ins Rollen gebracht.

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