Leitartikel

„Oscarverdächtige Grenzkontrollen“

Oscarverdächtige Grenzkontrollen

Oscarverdächtige Grenzkontrollen

Apenrade/Aabenraa
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Filmreife Szenen spielen sich zuweilen an den deutsch-dänischen Grenzübergängen ab. Einen Oscar haben sie nicht verdient. Oder doch? Grenzpendlerin und „Nordschleswiger“-Redakteurin Marlies Wiedenhaupt würde einen für die schlechteste Kommunikation verleihen.

Das ist schon filmreif: „Ton ab, Klappe, Grenzkontrolle, die 795.“ Gefühlt. Denn die grenzpendelnde Redakteurin des „Nordschleswigers“ fragt sich auf dem Weg zur Arbeit seit Jahren immer wieder: Welcher Film geht denn hier eigentlich ab?

Besonders beliebtes Setting: Urlaubszeit am Übergang Ellund/Fröslee. Mit Staus als Kulisse. In Nebenrollen tun sich manchmal andere Autofahrende hervor, die wütend die Scheibe runterkurbeln und rumpöbeln. Denn im Gegensatz zu ihnen habe ich das Prinzip des Reißverschlussverfahrens auf der Autobahn kapiert – und bin so dreist, es auch zu nutzen. Sie fallen geradezu aus der Rolle, wenn es voller Wut aus ihnen herausschießt, dass sie ja schließlich auch warten müssen und ich mich nicht einfach vordrängeln dürfe.

Aber die Hauptrollen in diesem Streifen besetzen die kontrollierenden Grenzposten.

Zwei Spuren für Pkw (die kurz vor der Kontrollstelle zu einer werden – hier bietet sich das Reißverschlusssystem an), eine für Lastwagen. Das war seit der Wiedereinführung der dänischen Grenzkontrollen 2016 jahrelang Fakt. Ebenso wie die ständigen Diskussionen in unserer Redaktion, in sozialen Netzwerken und anderswo – und mittlerweile sind sie ja auch in der Politik angekommen – über die Sinnhaftigkeit der Kontrollen. Wo ich doch als Krimineller ­– selbst mit ganz wenig Grips in der Birne – einen kleinen Grenzübergang für mein verbotenes Tun wählen kann. Einen unbewachten, versteht sich.

Ein spitzfindiger Kollege stellte im vergangenen Jahr beim Pendeln auf der A7 zur Arbeit fest, dass die Beschilderung ja nicht explizit das Befahren der Lkw-Spur für Pkw verbot. Also nutzten wir sie. Das ging mal gut, mal nicht. Mal wurden wir durchgewinkt, mal hieß es, hier darfst du nicht fahren, mal wurde es für Grenzpendelnde akzeptiert, mal nicht. Diskussionen ohne Ende, dass man sich fragte, sind das denn alles Statisten hier, und keiner weiß richtig Bescheid? Mittlerweile waren wir bei Grenzkontrolle, Klappe 794.

In diesem Sommer sind die Kontrollen leider noch immer nicht abgeschafft, aber mittlerweile ist das Schild eindeutig: Lastwagen dürfen nur die rechte Spur benutzen, Personenwagen alle drei.

Doch beim kontrollierenden Personal ist das nicht angekommen. Jedenfalls nicht bei allen.

So spielte sich nun Grenzkontrolle, Klappe 795, ab. Weil ich befürchten musste, dass es in der mittleren Spur länger dauern könnte, denn mehrere Sprinter fuhren vor mir, die – jahrelange Erfahrung – meist intensiver gecheckt werden, nutzte ich die Lkw-Spur. Und wurde prompt herausgewinkt, musste den Pass hervorkramen und erntete missbilligende Blicke von dem Mann in gelber Warnweste und Camouflage-Hose.

Weil ich aus Erfahrung wusste, dass man oftmals genau deswegen kontrolliert wird, weil man diese Spur benutzt, wollte ich einen perfekten Auftritt hinlegen und ihm gleich den Wind aus den Segeln nehmen: „Aber ich darf hier fahren!“ „Nein, darfst du nicht, diese Spur ist nur für Lkw.“

Wie sich nach einigem Hin und Her herausstellte, wusste dieser junge Mann noch nichts von der neuen Regelung, die ja schon einige Wochen gilt. Wie kann es sein, dass die Leute nicht informiert werden? Wie kann es sein, dass ich einem Grenzkontrolleur erst ein Foto auf meinem Handy zeigen muss von dem Schild, das mir die Erlaubnis gibt, auch die Lkw-Spur zu benutzen?

Damit es möglichst nicht noch Klappe 796 und folgende gibt und dieser Film hoffentlich bald ein Happy End findet, überlege ich, das Foto von besagtem Schild überdimensional groß abziehen und vervielfältigen zu lassen. Bei der nächsten Grenzpassage halte ich dann freiwillig an und händige es den Grenzposten aus.

Noch schöner wäre allerdings, jemand würde mal das Drehbuch umschreiben und die Kontrollen ein für alle Mal abschaffen.
Denn dieser Film spielt nur Frust und Ärger ein – er ist einfach ein Flop.

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