Minderheiten in Europa

In der Partisanen-Druckerei im tiefsten Wald

In der Partisanen-Druckerei im tiefsten Wald

In der Partisanen-Druckerei im tiefsten Wald

Hatto Schmidt
Idrija
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Auch heute noch sind die Baracken der Druckerei „Slovenija“ nicht leicht zu bemerken mitten im Wald. Foto: Hatto Schmidt

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Mitten im Wald, in einem unzugänglichen Gebiet im slowenischen Karst wurde vom 17. September 1944 bis zum 1. Mai 1945 hier die „Partizanski Dnevnik“ gedruckt. Es war die einzige Tageszeitung in Europa, die eine Widerstandsbewegung in einem von den Achsenmächten besetzten Gebiet zu drucken imstande war. Ein Besuch in der Druckerei.

Die Druckerei „Slovenija“ ist nicht leicht zu erreichen. Der Grund liegt auf der Hand: Die Mitarbeiter der Partisanenzeitung liefen ständig Gefahr, von deutschen Soldaten aufgespürt zu werden. Das hätte ihren sicheren Tod bedeutet. Die Druckerei liegt mitten im Wald an einer Felswand unterhalb der Hochebene Vojskarska Planota, 25 Kilometer nordöstlich von Gorica/Görz/Gorizia im heutigen Slowenien. Die letzten 300 Meter müssen zu Fuß bewältigt werden, steil bergan auf einem schmalen Steig.

Auf der altehrwürdigen Rotationsmaschine druckt Albin Skok Besuchern die erste im Wald produzierte Ausgabe der „Partizanski Dnevnik“ nach. Foto: Hatto Schmidt

Auch heute noch sind die 6 Baracken, aus denen die Druckerei bestand, aus der Ferne nicht leicht zu entdecken. „Seit Juni 1944 wurde am Aufbau gearbeitet“, schildert Albin Skok, der der Besuchergruppe die Geschichte der Partisanendruckerei erläutert. Das Material musste unter strengster Geheimhaltung in den Wald geschafft, die Spuren nach jedem Transport aufs Neue verwischt werden.

Gleichzeitig lief die Beschaffung der Druckmaschinen. „In Mailand konnte die Befreiungsfront Osvobodilna Fronta für 1,3 Millionen Lire eine Rotationsmaschine kaufen, mit Hilfe lokaler Partisanen“, schildert Skok.

Luftangriff rettet Druckmaschinen-Transport

Der knapp 500 Kilometer weite Transport bis in den Wald war eine logistische Meisterleistung. Bis Padua lief alles reibungslos. Dann wurde der Lkw an einer Straßensperre angehalten. „Alles schien verloren“, erzählt Skok, „doch dann griffen Flieger an“. Die deutschen Soldaten suchten Deckung – und die Partisanen das Weite.

Aus solchen bleiernen Lettern wurden die Seiten zusammengestellt. Foto: Hatto Schmidt

Auf dem Weg zum Versteck im Wald wurde die Maschine in Einzelteile zerlegt. Sie wurden von Hof zu Hof gebracht, mit Hilfe von Pferden und Ochsen. An Seilen wurden die Bestandteile – einer war über eine Tonne schwer – über die Felswand oberhalb des Verstecks hinuntergelassen. Dann wurde die Maschine wieder zusammengebaut.

Erster Druck am 17. September 1944

Am 17. September 1944 wurde die erste Ausgabe der „Partizanski Dnevnik“ (Tagblatt der Partisanen) gedruckt. „4000 bis 7000 Exemplare waren es jeden Tag“, erzählt Albin Skok, ihr Umfang betrug 4 Seiten. Die Informationen für die Redakteure brachten Kuriere. Sie nahmen die frisch gedruckten Zeitungen mit. Diese wurden von Hof zu Hof weitergegeben; das halbe heutige Slowenien wurde beliefert. Nie wurde ein Träger geschnappt.

Die fertige Titelseite der Ausgabe vom 18. September 1944. Foto: Hatto Schmidt

Die Vorsichtsmaßnahmen waren streng. Nach jedem Besuch wurden die Spuren auf den Zugangspfaden verwischt; das war vor allem im Winter überlebenswichtig. Die Baracken der Druckerei wurden mit Moos, Zweigen und Blättern getarnt. Mit Rauch musste streng aufgepasst werden, und jegliches unnötige Geräusch war zu vermeiden. Das war nicht einfach, denn eine Rotationsmaschine macht höllischen Lärm.

Dolomiten-Infografik: A. Delvai Foto: Maps4News

40 bis 50 Leute lebten bis Kriegsende in Kälte und Dunkelheit und ständiger Furcht vor Entdeckung. Was den Partisanen widerfahren wäre, hätten die Deutschen die Druckerei gefunden, zeigt der nahe gelegene Friedhof Vojšcica: Dort sind 305 Partisanen begraben, die allein im Dorf Vojslo im März 1945 vor Kriegsende von deutschen Soldaten getötet wurden.

März 1945: Fast fliegt die Druckerei auf

In diesen Märztagen wäre die Druckerei beinahe aufgeflogen. „Es war die letzte deutsche Offensive gegen die Partisanen“, schildert Skok. „Die Deutschen rückten auf der Hochebene vor bis zu der Stelle, wo die Felswand abbricht, an deren Fuß die Druckerei liegt. Sie entdeckten sie aber von oben nicht und stiegen auch nicht die Felswand hinunter“, erzählt Skok. Die Produktion der „Partizanski Dnevnik“ wurde aber vorsichtshalber für einige Tage gestoppt.

Die erste im Wald gedruckte Ausgabe vom 18. September 1944. Foto: Hatto Schmidt

Insgesamt wurden in der Druckerei im Wald 1,4 Millionen Druckwerke hergestellt, davon waren eine Million Exemplare der „Partizanski Dnevnik“. Gedruckt wurden aber auch Wochenzeitungen und Zeitschriften, eine sogar in italienischer Sprache („Il nostro avvenire“), außerdem Flugblätter, Broschüren und Lyrikbände.

Am 1. Mai 1945 wurde die Partisanenzeitung das letzte Mal im Wald gedruckt. Dann wurde die Redaktion nach Triest verlegt. Dort wurden noch einige Ausgaben von „Partizanski Dnevnik“ hergestellt, aber ab dem 13. Mai 1945 hieß die Zeitung „Primorski Dnevnik“ (Tagblatt des Küstenlandes).

„Primorski Dnevnik“ folgt auf Partisanenzeitung

Sie feierte letztes Jahr ihr 70-jähriges Bestehen. Dazu wollte sie die Jahresversammlung der Vereinigung Europäischer Minderheiten-Tageszeitungen (Midas) ausrichten, deren Gründungsmitglied sie ist. Covid verhinderte das, doch heuer konnte die Versammlung stattfinden, und bei dieser Gelegenheit wurde der Besuch in der Partisanendruckerei „Slovenija“ organisiert. Sie ist seit 1947 als Gedenkstätte zugänglich. Die Rotationsmaschine funktioniert bis heute.

Von Hatto Schmidt, Redakteur der deutschsprachigen Zeitung in Italien, Dolomiten.

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