Minderheiten in Europa

„Deutschland ist nicht nur deutsch“

Lennart Adam, Flensborg Avis
Bautzen/Budyšin
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Demo gegen Rassismus im Chemnitzer Volkswagenwerk. Foto: REUTERS/Matthias Rietschel/Ritzau Scanpix

Der Chefredakteur der sorbischen Tageszeitung Serbske Nowiny ist besorgt über die jüngsten Entwicklungen in Sachsen. Übergriffe auf Sorben seien seltener geworden – dafür seien nun Flüchtlinge das Feindbild der Rechten.

Janek Schäfer ist besorgt, wenn er die Entwicklungen in seinem Bundesland Sachsen ansieht. Den Rechtsruck der Gesellschaft hält der Chefredakteur der sorbischen Tageszeitung Serbske Nowiny aus Bautzen für sehr gefährlich, gerade in Bezug auf Minderheiten.

„Die Ereignisse in Chemnitz sind sehr beunruhigend. Besonders die sorbischen Jugendlichen haben Angst, wenn sie solche Szenen sehen. Denn die kannten wir bisher nur aus Bautzen“, berichtet Schäfer.

Hier kam es immer wieder zu Übergriffen auf Jugendliche aus der sorbischen Minderheit. „Es gab zahlreiche Anfeindungen. Jugendliche wurden vor der Disko zusammengeschlagen und Feste in sorbisch geprägten Dörfern konnten nur unter Polizeischutz stattfinden“.

Auch den mit dem Rechtsruck verbundene wachsende Nationalismus im Land beobachtet er mit Skepsis.
„Das macht mir große, große Sorge. Deutschland ist Deutschland. Aber Deutschland ist nicht nur deutsch“, betont der Chefredakteur.

Städtenamen wie Berlin und Rostock hätten slawischen Ursprung. „Wenn man so will, waren wir lange vor den Deutschen hier, große Gebiete in der ehemaligen DDR wurden zuerst von den Slawen besiedelt. Das sollen sich diese Menschen, die Parolen wie ,Deutschland den Deutschen‘ oder ,Wir sind das Volk‘ rufen, mal hinter die Ohren schreiben“, sagt Schäfer.

Seit einigen Monaten habe sich die Lage allerdings beruhigt und die Angriffe gegen Sorben hätten nachgelassen, berichtet Schäfer. „Irgendwann haben sich die Menschen ein neues Feindbild gesucht: die Flüchtlinge. Das lenkt zwar von uns ab, ist aber genauso verwerflich“, so der Journalist.

Janek Schäfer
Janek Schäfer Foto: privat

„Die Mehrheit hier in Sachsen ist bunt, weltoffen und gastfreundlich“

Warum sich gerade Sachsen als besonders empfänglich für rechte Strömungen zeigt, mit Aufmärschen wie Pegida und AfD-Wahlergebnissen von über 40 Prozent in einigen Regionen, kann sich der Chefredakteur nur bedingt erklären.

„Es herrscht eine große Unzufriedenheit bei der Bevölkerung. Große Arbeitgeber wie Siemens oder Bombardier wollten ihre Werke schließen, was gerade noch durch Druck aus der Bevölkerung abgewendet werden konnte. Aber die Menschen fühlen sich von der Politik im Stich gelassen“, sagt Schäfer.

Auch Bautzen bezeichnet er als „braunen Sumpf“. „Was hier zwischenzeitlich los war, das wünscht man keiner Stadt“, sagt Schäfer. Auch innerhalb der sorbischen Minderheit merke er, wie die Stimmung beginnt zu kippen. „Es herrscht eine große Politikverdrossenheit. Als Puffer suchen sich diese Menschen den Gegner mit dem geringsten Widerstand, und das sind nun mal die Flüchtlinge. Obwohl sie nichts dafür können. Und diese Vorurteile beginnen mittlerweile auch bei meinen sorbischen Nachbarn zu greifen“, berichtet Schäfer, betont allerdings gleichzeitig, dass man nicht pauschalisieren dürfe.

„Auch wenn ein anderer Eindruck aufkommen mag, die Mehrheit hier in Sachsen ist bunt, weltoffen und gastfreundlich“, so Schäfer.

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