Leitartikel

„Frederiksens Smartphone-Predigt: Hilfloses Ablenkmanöver“

Frederiksens Smartphone-Predigt: Hilfloses Ablenkmanöver

Frederiksens Smartphone-Predigt: Hilfloses Ablenkmanöver

Apenrade/Aabenraa
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Politikerinnen während der Fragestunde im Folketing am vergangenen Dienstag Foto: Liselotte Sabroe/Ritzau Scanpix

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Unglückliche Jugend: Dänemarks Regierungschefin schiebt die Schuld aufs Mobiltelefon. Doch sind soziale Medien und Algorithmen wirklich der Grund? Cornelius von Tiedemann würde sich wünschen, dass sich die Politik an die eigene Nase fasst und Verantwortung übernimmt, anstatt den Teufel an die Wand zu malen und von den Ursachen abzulenken.

Während in der als unbeweglich verschrienen EU unter Federführung von Margrethe Vestager (Radikale Venstre) eine Verordnung nach der nächsten erlassen wird, um uns vor übergriffigen Datenkraken und Künstlicher Intelligenz aus Amerika und Fernost zu schützen, hat die Politik im ansonsten so digitalen Dänemark offenbar noch gar nicht begriffen, was überhaupt gespielt wird. Und zugleich dient ihr das Mysterium Smartphone als Ausrede für hausgemachte Probleme.

Eine kurze Predigt von Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.) vom Dienstag lässt in dieser Hinsicht jedenfalls tief blicken.

Im Folketing antwortete sie in einer Fragestunde auf eine Frage zur Sicherheit für Kinder im Internet. Sie sagte, sie „glaube“, dass es „einen sehr, sehr großen Zusammenhang zwischen dem Umstand, dass wir noch nie so viele Kinder hatten, denen es nicht gut ging und ebendiesem Bildschirm“ gebe. Dabei hob sie mahnend ihr Smartphone in die Luft.

Unglücklich macht nicht die Technik, sondern Leistungsdruck und Optimierungswahn, fehlende Nähe und Orientierung und Angst vor der Zukunft.

Cornelius von Tiedemann

Dass wir eine derart gläubige Regierungschefin haben, war vielen bisher womöglich noch gar nicht bewusst. Insofern war ihre kurze Rede durchaus erhellend.

Doch was sollen uns solche Mutmaßungen sagen, außer dass Mette Frederiksen und ihre Regierung entweder naiv sind oder einmal mehr die Populismus-Karte gespielt wird? Nach dem Motto: Da ist eine Bedrohung, und die kommt von irgendwo anders, und schuld sind auch die anderen. Und nur, wenn wir alle feste daran glauben, können wir sie überwinden.

Dabei verschweigt sie, dass es nicht die digitalen sozialen Netzwerke selbst sind, die die Kinder und Jugendlichen unglücklich machen. Sie sind nur ein (zugegeben gewaltiger) Katalysator. Unglücklich macht nicht die Technik, sondern Leistungsdruck und Optimierungswahn, fehlende Nähe und Orientierung und Angst vor der Zukunft.

Eine Politik, die voller Staatskassen zum Trotze im Bildungs- und Sozialbereich kleckert statt zu klotzen, kann das Unglück der Jugend nicht allein auf das Smartphone schieben.

Ja, Kinder und Jugendliche und auch ihre Eltern sind abhängig von den Geräten und den Apps. Aber deshalb sind sie doch nicht nur Teufelszeug. Das weiß Mette Frederiksen. Dennoch redet sie einmal mehr dem versauerten Halbwissen den Mund. Schuld ist alles, was anders ist als früher, und die jungen Leute begreifen das alles gar nicht.

Genauso hanebüchen wie solche Pseudo-Besorgnisse ist die Bildungspolitik der vergangenen Jahre in Bezug darauf, die dänische Gesellschaft für das, was ist, und das, was noch kommt, abseits der ökonomischen Wertschöpfung zu wappnen.

Um etwa die Auswirkungen und Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz und digitaler sozialer Netzwerke zu verstehen, brauchen wir dringend Sprachforschende, Philosophinnen und Sozialwissenschaftler, keine Ökonomen oder Ingenieurinnen. Doch ihren Instituten wird der Geldhahn abgedreht. Schließlich sorgen sie auf den ersten Blick nicht ausreichend für Nachwuchskräfte in den zum Wirtschaftswachstum beitragenden Branchen.

Ein großes bildungspolitisches Missverständnis. Nicht weniger schicksalshaft als Frederiksens Augenverschließen vor der digitalen Realität der Jugend.
Die sozialen Plattformen gehören zur Kommunikation junger Menschen heute so sehr dazu wie früher vielleicht das Telefon oder der Brief. Das zu verbieten oder aufseiten der Jugend zu regulieren, wäre ein vollkommen absurder Schritt – und würde kaum zu mehr Glück und Zufriedenheit unter Dänemarks Nachwuchs führen.

Künstliche Intelligenz und die Funktionsweise sozialer Netzwerke gehören ab sofort auf den Stundenplan.

Cornelius von Tiedemann

Es gibt andere Wege, zum Beispiel den, dass Dänemarks Regierung den europäischen Kampf für mehr digitale Selbstbestimmung stärkt und öffentlich dazu steht, dass nur ein starkes und progressives Europa uns hier weiterbringt. Da müssen auch die dänischen Medien endlich einsehen, dass Berichte aus Brüssel und Straßburg für unsere Jugend mindestens so wichtig, wenn nicht gar relevanter sind als jene aus Christiansborg und dem Folketing.

Und wie wäre es damit, wenn wir einander darüber aufklären würden, was in den sozialen Netzwerken passiert und wie Künstliche Intelligenz und die Algorithmen funktionieren, die unser Unwohlsein möglicherweise noch verstärken und die uns abhängig machen. Anstatt ständig nur unseren Sorgen Ausdruck zu verleihen?

Anfangen sollten wir mit der Aufklärungskampagne im Folketing. Vielleicht werden Sozialdemokratie, Moderate und Venstre sich dann sehr schnell einig, dass massiv in die Bildung der Jugend investiert werden muss. Und in die der Lehrerinnen und Lehrer und der Eltern. Denn Künstliche Intelligenz und die Funktionsweise sozialer Netzwerke gehören ab sofort auf den Stundenplan.

Damit wir alle wissen, womit wir es zu tun haben, anstatt es wie Mette Frederiksen nur zu glauben. Und damit wir, vielleicht sogar mithilfe der Smartphones, wieder mehr Zufriedenheit und Zuversicht generieren können –  anstatt den Glauben zu verbreiten, dass die Probleme aus dem magischen kleinen Wunderklotz in unseren Händen mit politischen Kurz-Predigten und elterlicher Aufsicht aufzuhalten sind.

 

 

 

 

 

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