Geschichte

Forscher: Der Archivraub ist eine Katastrophe

Jon Thulstrup
Jon Thulstrup Online-Redaktion
Kopenhagen
Zuletzt aktualisiert um:
Das Reichsarchiv in Kopenhagen Foto: Rigsarkivet

Tausende gestohlene Archivalien aus der Besatzungszeit könnten sich nun bei Sammlern befinden oder gar vernichtet worden sein, schätzt eine neue Studie. Fatal, meint ein Historiker.

Der größte Archiv-Raub in der Geschichte Dänemarks mit Materialien aus der Besatzung während der Nazizeit ist größer, als bisher angenommen. Das zeigt ein neuer Bericht der staatlichen Archivbehörde an das Kulturministerium, berichtet die Wochenzeitung Weekendavisen.

Laut Bericht wurden rund 4,6 Prozent der Archivalien gestohlen, die Informationen zu den Prozessen gegen Nazis oder Personen, die mit der Besatzungsmacht kollaborierten, beinhalten. „Demnach sind höchstwahrscheinlich Tausende Dokumente nun bei Sammlern, auf dem Schwarzmarkt oder im schlimmsten Falle vernichtet. Für eine nationale Kulturerbe-Institution ist das ein ernst zu nehmender Fall”, so der Bericht.

Therkel Stræde, Historiker an der Süddänischen Universität in Odense, sieht das ähnlich. „Für uns als Forscher ist das katastrophal. Als Historiker haben wir ein großes Vertrauen in die Archive, dass sie unser Kulturerbe schützen. Ist das nicht der Fall, wie dieser Fall belegt, dann laufen wir Gefahr, dass Teile der Geschichte nicht beleuchtet werden können“, so Stræde im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“.

Diebstahl 2012 entdeckt

Der Diebstahl wurde 2012 entdeckt, und ein Jahr später wurden zwei Täter verurteilt. Sie hatten über Jahre hinweg Zugang zu den besagten Archivalien beantragt und diese systematisch gestohlen. Sie wurden zu zwei Jahren und ein Jahr bzw. neun Monate Haft verurteilt. „Der Diebstahl geschah in einer Zeit, wo man im Reichsarchiv einen hohen Grad an Vertrauen in die Besucher hatte. Zudem war das Archiv von Kürzungen betroffen, weshalb die Überwachung im Lesesaal zu wünschen übrig ließ“, so Stræde, und ergänzt: „Da kann man sich schon fragen, wie lasch man in der Zeit mit unserem Kulturerbe umgegangen ist.“

Er habe im Ausland, unter anderem im Bundesarchiv in Berlin, des Öfteren erlebt, dass Archivmitarbeiter die Archivalien bei Abgabe penibel untersuchten. „Aber im Reicharchiv war das zur damaligen Zeit nicht der Fall.“ Und das ärgert den Historiker. „Denn schon zum Zeitpunkt, als diese Prozesse geführt wurden, war das Interesse aus dem Nazi-Milieu groß, sich der erstellten Dokumente zu bemächtigen. Warum passt man dann nicht besser auf diese Archivalien auf“, fragt sich Stræde.

Stræde nennt auch ein Beispiel für die Attraktivität solcher Archivalien im privaten Verkauf und auf dem Schwarzmarkt. „Ein Soldbuch eines dänischen SS-Soldaten wird beispielsweise für rund 30.000 Kronen verkauft. Deshalb ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass wir im besagten Fall von Auftragskriminalität sprechen“, so der Historiker. Ihm zufolge auch, weil die beiden Täter schnell ihre Tat gestanden und ihre Tat auf Sammlerinteresse zurückgeführt hatten. „Deshalb war der Prozess schnell vorüber und konnte nie in die Tiefe gehen“, erklärt er. Er bedauert, dass es schwer werden wird, die gestohlenen Dokumente wiederzufinden.

Das Kulturministerium hatte 2015, nachdem der Raub in der Öffentlichkeit bekannt wurde, 5 Millionen Kronen für die Digitalisierung der Archivalien aus der Besatzungszeit bereitgestellt.

Mehr lesen