Forschungsprojekt

Das ECMI sucht Minderheit-Mehrheit-Familien aus Nordschleswig

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Martin Klatt (links) und Erik Kühl
Der Rathaussaal im Kompagnietor in Flensburg. Hier ist das ECMI beheimatet, wo Martin Klatt (links) und Erik Kühl zum Thema Minderheitenidentitäten forschen.

Zwei Forscher am Europäischen Zentrum für Minderheitenfragen wollen untersuchen, wie sich der Alltag von Familien gestaltet, in denen ein Elternteil aus einer Minderheit kommt und der andere der Mehrheitsbevölkerung angehört. In einer Online-Umfrage können Interessierte anonym mithelfen und sich auch für Interviews zur Verfügung stellen.

Der Dannebrog auf dem Geburtstagskuchen, aber die Tochter in der Deutschen Schule der Minderheit: Im deutsch-dänischen Grenzland leben viele Minderheit-Mehrheit-Familien gemeinsam unter einem Dach. Das Europäische Zentrum für Minderheitenfragen (ECMI) in Flensburg will die verschiedenen Aspekte von Familien und Ehen unter dem Aspekt der Familienidentität im Rahmen eines internationalen Projekts nun genauer untersuchen.

„Wir wollen herausfinden, welche Entscheidungen in Familien getroffen werden, welche Sprache Zuhause gesprochen wird oder welche Weihnachtstraditionen aus den Kulturen übernommen werden“, erklärt Minderheitenforscher Martin Klatt dem „Nordschleswiger“.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Erik Kühl sollen auch die Perspektiven der Erwachsenen und Kinder beleuchtet werden. Dabei geht es etwa um die Wahl einer regulären oder Minderheitenschule, außerschulische Aktivitäten in Kirche oder Vereinen, und wie dies die Kinder beeinflusst. „Die Frage die sich stellt ist, was diese Mischung mit den Minderheiten macht“, sagt Klatt.

Teilnehmende aus Nordschleswig gesucht

Die beiden Forscher haben bereits vor Weihnachten eine Reihe von Interviews mit mehreren Familien in Südschleswig geführt und suchen nun noch Teilnehmende aus Nordschleswig, die die genannten Kriterien erfüllen. Wie viele Gespräche geführt werden sollen, lassen beide offen. „Wir hoffen auf mindestens fünf“, sagt Kühl. Dabei sei es schwierig, Menschen zu finden, die nicht bereits in einer der Minderheiten engagiert sind. Gesucht werden sowohl Personen mit akademischem als auch nicht-akademischem Hintergrund.

Mithilfe einer Online-Umfrage zu Alltagsthemen sollen zunächst anonymisierte Daten gesammelt werden. Wer bereit für ein Interview ist, kann seine Kontaktdaten entsprechend angeben. Klatt und Kühl würden im Anschluss ein Gespräch vereinbaren.

Generationen- und Genderunterschiede

Ebenfalls interessant sei die Genderperspektive: Ist die Frau oder der Mann mehr in der Minderheit engagiert? „Der Elternteil mit dem größeren Kontakt zu den Kindern sorgt auch für einen größeren Transfer. Ist also die Frau stark eingebunden, werden auch die Kinder stärker geprägt“, so die Vermutung von Kühl, der selbst dänisch-amerikanische Wurzeln hat.

„Auch die jeweiligen Generationenunterschiede und das Familienumfeld interessieren uns, da es die Identität beeinflusst“, sagt der Forscher.

Gemischte Ehen früher ein Problem

Ehen, in denen ein Partner einer Minderheit entstammt und der andere der Mehrheitsbevölkerung, seien im hiesigen Grenzland heute eher Standard, während es noch bis in die 1960er Jahre in Süd- und Nordschleswig als Problem oder gar Bedrohung angesehen wurde. Der Begriff „Mischehen“ sei historisch belastet, sagt Klatt. Damals in den 1940er-Jahren habe man etwa in Südschleswig versucht, Ehen zwischen Angehörigen der dänischen Minderheit und Angehörigen der Mehrheit zu unterbinden. Das habe erst Anfang der 1950er-Jahre aufgehört. „Bis in die 60er-Jahre waren gemischte Ehen in Nordschleswig ein Problem“, sagt der Minderheitenforscher.

Klatt und Kühl wollen bis März die Ergebnisse in einer Fallstudie zusammenfassen, die in das internationale Projekt einfließt. Der europäische Vergleich sei besonders spannend, so Klatt. Beispiele sind etwa Serbien, wo kleine Minderheitenschulen anders als hier im Grenzland eher als Nachteil gesehen werden oder auch Rumänien, wo die ungarische Minderheit mancherorts die Mehrheit der Einwohnenden stellt.

Unter dem Arbeitstitel „Minorities, Identity and Intermarriage in a European Perspective“ (Minderheiten, Identität und Mischehen im europäischen Kontext) soll voraussichtlich in diesem Jahr ein Buch erscheinen. Alle Daten von Interviewten werden vor Veröffentlichung anonymisiert.