Sankelmark 2025

Deutsche Minderheit: Das Beste aus zwei Kulturen

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Forschungsleiter Jon Thulstrup lud nach seinem Vortrag zur Diskussion ein.

Die deutsche Minderheit hat sich über die Jahrzehnte verändert. Das gilt auch für den Deutschen Schul- und Sprachverein für Nordschleswig. Er ist offener geworden und von der strengen Gesinnungsfrage abgerückt, sagt Forschungsleiter Jon Thulstrup.

Die Identität der deutschen Minderheit in Nordschleswig hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt – sie ist mit der Zeit gegangen. Auch beim Deutschen Schul- und Sprachverein für Nordschleswig (DSSV) ist das deutlich zu erkennen: Vor rund 50 Jahren wurde in den deutschen Schulen noch viel Gewicht auf die Gesinnungsfrage gelegt – heute ist das anders.

Der Forschungsleiter am Deutschen Museum für Nordschleswig, Jon Thulstrup, widmete sich auf der Neujahrstagung des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) in Sankelmark dieser Thematik, über die er sowohl aus eigenen Erfahrungen als auch aus professioneller Sicht berichten kann.

Er selbst hat die Minderheiten-Institutionen besucht (die Deutsche Schule Tingleff und das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig) und später an der Süddänischen Universität zur deutschen Minderheitengeschichte promoviert.

Identität im Wandel

Ein zentrales Zitat, das Jon Thulstrup in seiner Präsentation vorstellt, ist aus einem Tagebucheintrag von Harboe Kardel 1973, der deutlich macht, wie die Verschiebung der Werte sich in den Überzeugungen der Generationen ankündigte:

„Am 27.3. zur Versammlung auf dem Knivsberg. Hier kommt die Sorge um den Bestand der deutschen Schule offen zum Ausdruck. Die Jüngeren wollen eine Kultur- die Älteren eine Gesinnungsschule.“

Von Gesinnungsschule kann heute keine Rede mehr sein, und die Jungen von 1972 sind nun die Generation, die die Institutionen in den vergangenen Jahrzehnten gestaltet hat. Und so nimmt die Kultur beim DSSV heute einen ebenso wichtigen Stellenwert ein wie die Sprache.

Harboe Kardel (1893-1982) war Teil der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Er arbeitete als Lehrer, Publizist und war Chefredakteur bei der „Nordschleswigschen Zeitung“. Während des Nationalsozialismus war er als Ortsgruppenleiter der NSDAP in Gravenstein (Gråsten) tätig.

Jon Thulstrup erzählt von den Entwicklungen, die der DSSV in den 80 Jahren, die der Verein existiert, gemacht hat.

Diese Ambitionen bestätigen ein Zitat von der Internetseite des Dachverbands: „Der Fortbestand einer Minderheit hängt davon ab, ob die kulturellen und sprachlichen Eigenheiten an die nächsten Generationen übertragen und weiterentwickelt werden.“

Minderheiten-Identität als besonderes Privileg

„Weiterentwickeln“ ist hierbei ein wichtiges Stichwort.

„Denn auch eine Identität entwickelt sich mit der Zeit immer weiter und nimmt Einflüsse auf“, so Jon Thulstrup. „Die Minderheiten-Kultur ist eine ganz eigene, mit dänischen und deutschen Einflüssen.“

Für ihn selbst sei das als Jugendlicher nichts Besonderes gewesen – er kannte es schließlich nicht anders, erklärt Jon Thulstrup gegenüber dem „Nordschleswiger“. Heute weiß er die Besonderheit, dieses Privileg, zu schätzen.

Sein Beispiel: „Die Studierendenmützen sind eine dänische Tradition. Und dennoch tragen seit Jahrzehnten auch die Abiturienten des deutschen Gymnasiums welche. Es ist zu einer Nordschleswigschen Tradition geworden“, so Jon Thulstrup.

Wir haben auch in der Schule immer gelernt, dass es das Beste aus beiden Kulturen ist, das uns in Nordschleswig ausmacht.

Wencke Andresen

Außerdem symbolisiert die Mütze die Gleichstellung der deutschen mit den dänischen Abiturientinnen und Abiturienten, so der Historiker.

Von mangelnder Nachfrage zu Aufnahmekriterien

Oberstudiendirektor Jörgen H. Jensen vom Deutschen Gymnasium ordnete diese Tradition 1962 so ein:

„Alle sollten mit gelassener Sicherheit, nicht mit verkrampftem Eigensinn zu ihrem Volkstum stehen. Erst dann kann man erkennen, dass der Nachbar eine eigene grosse Kultur hat, die mit der unseren zusammen dem Grenzland jene Prägung gibt, die wir an ihm lieben.“

Während es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Schwierigkeiten gab, genügend Eltern dazu zu bewegen, ihren Nachwuchs in einer deutschen Schule anzumelden – aus Angst vor einer „erneuten großdeutschen Abenteuerpolitik“ – wie es aus einem Polizeibericht aus dem Jahr 1949 hervorgeht, geht die Tendenz nun bereits seit einigen Jahren in die entgegengesetzte Richtung: Die deutschen Schulen sind heute gefragt.

Um des steigenden Interesses Herr zu werden, musste der DSSV sogar übergeordnete Aufnahmekriterien einführen.

Anstoß zu einer Diskussionsrunde gab zum Ende des Kurz-Vortrags von Jon Thulstrup ein Foto, auf dem deutsche und dänische Flaggen einen Kuchen verzieren.

Klares Profil: Alleinstellungsmerkmal bewahren

Mit dem Foto vom Jubiläumskuchen der Deutschen Schule Tingleff lud Jon Thulstrup zum Diskutieren ein (Archivbild).

Die Anwesenden lassen sich nicht lange bitten, und so wird die Runde mit Anekdoten zum Thema dänisch-deutsche Beflaggung in Gang gesetzt.

Landwirt Hermann Lorenzen erzählt, wie er als Schüler die damaligen BDN-Obrigkeiten in den 70er-Jahren ärgern wollte, indem er und seine Mitschülerinnen und Mitschüler den Weihnachtsbaum auf dem Schulhof mit dänischen Flaggen schmückten.

„Es war ein Protest“, erklärt er die Motivation hinter der Aktion. „Man hat nach dem Krieg nie mit uns darüber geredet. Und wir fragten uns ,Wieso öffnen sie sich nicht‘?“

Nicht nur die Flaggen, sondern auch die heutige – und zukünftige – Minderheiten-Identität ist Thema.

Landwirt Hermann Lorenzen erzählte, wie er den BDN-Obrigkeiten einst einen Denkzettel verpasste.

Der Kulturkonsulent des BDN, Uffe Iwersen, meint, dass mehr getan werden müsse, um ein klareres Minderheiten-Profil in den deutschen Schulen zu definieren. Seine Beobachtung sei, dass nicht selten die deutsche Sprache auf der Strecke bleibe.

„Wir müssen aufpassen, dass unser Alleinstellungsmerkmal nicht verloren geht“, mahnt er und appelliert: „Ich wünsche mir klare Linien im Verband, sonst sind unsere Schulen irgendwann vielleicht nur noch Sprachschulen.“ Er erhält zustimmenden Beifall.

Schülerin bringt es auf den Punkt

Wencke Andresen, Vorsitzende der Jungen Spitzen, der Jugendabteilung der Schleswigschen Partei, ist überzeugt, dass die deutsche Minderheit eben die Gleichzeitigkeit beider Kulturen ausmacht.

„Wir haben auch in der Schule immer gelernt, dass es das Beste aus beiden Kulturen ist, das uns in Nordschleswig ausmacht.“

Kulturkonsulent Uffe Iwersen möchte eine klare Linie im Umgang mit der deutschen Sprache.

Mit diesen Worten bringt die Schülerin des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig (DGN) das auf den Punkt, was an diesem Nachmittag viele fühlen.

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